Niemand ist auf den Ernstfall perfekt vorbereitet. „Es gibt in einem Haushalt unheimlich viel, was man verbessern kann“, sagt Florian Brummer, der heute genau dabei hilft: sich im Notfall zu helfen zu wissen. Brummer ist Mitarbeiter des Medizinischen Katastrophen-Hilfswerks (MHW) und verspricht: „Die meisten Dinge sind unkompliziert umsetzbar.“
Aus ganz Deutschland sind an diesem Samstag fast 180 Menschen nach Eisenbartling im Rosenheimer Land gekommen. Sie wollen innerhalb eines Tages lernen, wie sie sich und ihre Familien bestmöglich vor einer Katastrophe schützen. Zweimal im Jahr führt das MHW, ein Zusammenschluss privater Rettungsdienstunternehmen, hier auf seinem Schulungsgelände etwas außerhalb des Dorfs solche Selbsthilfekurse durch. Sieben Einheiten sind es, diesmal nehmen so viele Menschen teil wie nie zuvor.
Alte und schwache Menschen haben im Ernstfall Priorität
Hunderte weitere standen auf der Warteliste. Das Schulungsgelände – eine elf Hektar große ehemalige Raketenabwehrstation – liegt schroff zwischen den sanften Hängen des Voralpenlandes, auf den Wiesen rundherum blüht der Löwenzahn in der Frühsommersonne. Doch was hier durchgespielt wird, ist das glatte Gegenteil einer heilen bayerischen Welt: Unfall, Blackout, Super-GAU.
Die Kursteilnehmer verteilen sich. Sieben Gruppen, sieben Stationen. „Wir als Krisendienst sind auf Sie angewiesen, damit wir im Ernstfall unseren Aufgaben nachkommen können“, sagt MHW-Mann Florian Brummer den etwa 25 Leuten, die wie in der Schule vor ihm sitzen und zum Thema Spezialausstattung lauschen. Seniorenheime, Pflegeheime, Pflegende im Allgemeinen hätten in Notsituationen Priorität. Sich um schlecht vorbereitete, gesunde Privatmenschen zu kümmern, dafür haben die Einsatzkräfte dann erst mal keine Zeit.
Brummer empfiehlt Dinge, die profan wirken mögen: eine Kurbeltaschenlampe statt einer mit Batterien, die bei einem langen Stromausfall irgendwann leer sein werden. Ein Kurbelradio, das auch ohne Internet und Steckdose funktioniert. „Telefonieren Sie im Fall der Fälle nicht, schreiben Sie Textnachrichten statt Whatsapp, das verbraucht weniger Daten.“ Brummer warnt: „Lebensmittel in Supermärkten werden im Katastrophenfall nach zwei, drei Stunden kaum mehr verfügbar sein.“
Plötzlich ist sie wieder da, die Erinnerung an leere Regale in Corona-Zeiten, an die Berichte über geschlossene Discounter beim Anschlag auf das Berliner Stromnetz im Januar.
Nach dem Blackout in Berlin war der Ansturm auf die Selbsthilfekurse riesig
Es sind Zwischenfälle wie diese, auf die das MHW mit Sitz in München vorbereiten will: Stromausfälle, Pandemien, Brände, Extremwetterereignisse. Nach dem Blackout in Berlin quoll das Postfach des Krisendienstes mit Anfragen nach den Gratis-Kursen über. Es hätte wohl niemanden gewundert, wären die Server zusammengebrochen wie die Stromversorgung der Hauptstadt. Auch Malteser und Arbeiter-Samariter-Bund berichteten von großer Nachfrage. Die gute Nachricht: Berlin wirkt nach, Bayern plant voraus.
Die Organisatoren der Katastrophen-Hilfswerke prüfen die Finanzierung und Organisation flächendeckender Schulungen für Privatleute. Seit April gibt es im Freistaat das bundesweit erste Landesamt für Bevölkerungsschutz, angesiedelt im Innenministerium, das Konzepte für geopolitische Gefahren, Umweltkatastrophen und andere Krisen entwickeln soll.
Stephanie Dietel sorgt schon mal selbst vor. Sie ist eine der Glücklichen, die es heute in den Kurs geschafft hat. Er finanziert sich rein aus Spenden. Gerade lernt die 50-Jährige löschen. Aktuell brennt zwar nichts außer Sonne auf Asphalt, doch Dietel hält den Feuerlöscher fest umklammert.
Zum ersten Mal in ihrem Leben hat sie so ein Ding in der Hand. Immer wieder drückt sie fest den signalroten Auslöser. Statt Löschmittel zischt bei der Übung nur Wasser aus dem Schlauch. Realistisch fühlt es sich trotzdem an. „Nicht auf Dauerschuss löschen, sondern stoßweise!“ erfährt Dietel von ihrem Ausbilder.
„Jeder sieht zwar ständig Feuerlöscher“, sagt sie. „Aber selber mal drauflöten, das gibt Sicherheit.“ Die 50-Jährige ist extra aus Augsburg angereist. Dort arbeitet sie als Juristin, lebt mit ihrer Familie zwischen Wertach und Lech. Beim Hochwasser in Schwaben vor zwei Jahren merkte sie, wie schnell der Ernstfall ganz nah sein kann. In ihr reifte ein Gedanke: „Ich will besser vorbereitet sein.“ Was die Notfall-Vorräte betrifft, sei ihre Speisekammer schon ganz gut ausgestattet. Aber sonst?
„Unser Ziel ist, den Leuten die Angst zu nehmen.“
Robert Schmitt, Einsatzleiter und MHW-Präsident
Den Kurs hat Dietel im Internet entdeckt. „Vom MHW hatte ich noch nie gehört. Ich wusste überhaupt nicht, was mich erwartet. Ich dachte, hier sind vor allem Prepperfreaks“, erzählt sie lachend. Menschen also, die sich auf eigene Faust mit – teils übertriebenen – Maßnahmen für jeden erdenklichen Notfall rüsten. Stattdessen: Familien mit Kindern, junge Paare, Senioren. Dialekte, die später beim Mittagessen munter durcheinander fliegen. Heute ist die Gulaschkanone für die 180 Teilnehmer im Einsatz, es gibt Geschnetzeltes, Spätzle aus Töpfen von der Größe eines Weinfasses. „Toll, dass so viele verschiedene Menschen gerüstet sein wollen“, sagt Stephanie Dietel.
Später werden sie und ihre Gruppe Erste-Hilfe-Wissen auffrischen, ein fiktiver Unfall, eine Kreissäge im Unterschenkel, viel Kunstblut, solche Dinge. Die Augsburgerin arbeitet ehrenamtlich beim Roten Kreuz, hat deswegen vermutlich mehr Blaulicht-Erfahrung als die meisten hier. Aber nicht so viel wie Robert Schmitt.
Der Präsident des MHW hat die obersten Knöpfe seines blauen Poloshirts aufgeknöpft. Unter einem Sonnenschutzpavillon – draußen funkelt die Gischt der Feuerlöscher in der Luft – lässt er sich auf eine Bierbank fallen und berichtet von seiner bislang größten Aufgabe. Schmitt hat im Sommer 2015 den Einsatz am Münchner Hauptbahnhof koordiniert. Täglich kamen mehrere Tausend Geflüchtete, wer erinnert sich nicht an die Bilder. Warum er das erzählt? „2500 Münchner haben damals geholfen. Da war der Mensch, der die Tische abgewischt hat, genauso wichtig wie der Notarzt.“ Das ist seine Botschaft auch heute: Zusammenhelfen, solidarisch sein.
Etwa 10.000 Personen hat seine Organisation seit dem Jahr 2009 auf dem Schulungsgelände für den Katastrophenfall ausgerüstet. „Unser Ziel ist, den Leuten die Angst zu nehmen“, sagt Schmitt. Das Interesse an den Kursen ist immer groß und manchmal größer: „Nach Fukushima 2011 zum Beispiel haben die Leute uns die Bude eingerannt.“
Der Einsatzleiter stellt einen Unterschied fest, zwischen Stadt und Land. „Auf dem Dorf schützen die Leute sich sowieso. Sie verlassen sich weniger auf die Infrastruktur. Man kennt sich, man hilft sich aus. In der Stadt ist das eher ein Problem. Die Leute kennen oft nicht einmal ihre direkten Nachbarn, viele Keller sind nicht groß genug, um Notfallvorräte unterzubringen.“
„Kauft, was euch schmeckt“, sagt dazu Markus Eichschmid. Der gemütliche Bayer leitet heute die Einheit zur Notfallbevorratung. Warum Dosenfisch in sich hineinwürgen, wenn man schon in guten Tagen seinen Geruch nicht erträgt? Andererseits: Aus so einem Thunfisch in Öl könne man mit etwas Küchenrolle immerhin eine kleine Öllampe bauen. „Der Ausnahmefall muss nicht immer gleich eine Katastrophe sein“, betont Eichschmid. „Es reicht schon, wenn ein Bagger eure Gas-, Strom- oder Wasserleitung trifft.“
Einer hat sogar einen Rucksack für den Notfall gepackt
Ja, seit Corona habe sie ein bisschen was auf Vorrat, sagt eine Frau. Andere haben schlicht keinen Platz, um 28 Liter Wasser zu lagern. Diese Menge empfiehlt der MHW pro Person für zwei Wochen. „14 Tage würden wir durchkommen“, sagt Pascal Strich, der mit seiner Mutter und seiner Freundin da ist. Er lebt auf einem Gehöft, das zu Ingolstadt gehört. Ländlich ist es da, beim größten Hunger könne man vielleicht sogar einen Hasen erlegen, mutmaßt Strich mit einem Augenzwinkern. Einen Notfallrucksack mit haltbarem Essen, einer kleinen Kochausrüstung und 300 Euro Bargeld hat er immer gepackt. Das hat mit seiner Religion zu tun.
Pascal Strich und seine Freundin sind Zeugen Jehovas. Vorbereitet zu sein, ist Teil ihres Glaubens. Strichs Mutter Tanja hingegen ist – wenn man so will – wegen Weihnachten hier. „Ausgerechnet an den Feiertagen ist vor ein paar Jahren unsere Gasheizung ausgefallen.“ Frohe Botschaft? Fehlanzeige. Hätte sie nicht noch den Holzofen gehabt – sagen wir, wie es ist: Sie wäre aufgeschmissen gewesen.
Für den nächsten Kursinhalt muss die Familie einmal quer übers Gelände: Erstversorgung bei Notfällen. „Eigener Schutz zuerst!“, schärft der Ausbilder gleich zu Beginn allen ein. Er erklärt, wo man als Ersthelfer bei einem Autounfall sein Fahrzeug parkt (mindestens zehn Meter entfernt), wo das Warndreieck richtig steht (100 Meter Abstand auf der Landstraße, 200 auf der Autobahn), wie man eine Rettungsdecke richtig anlegt. „Immer eng am Körper“, sagt der MHW-Experte. Das speichert die Wärme. Die silberne Seite der Decke muss nach innen. „Wie bei einer Leberkässemmel.“ Klingt doch recht einfach. Aber die Hemmschwelle zu überwinden, ist schwer.
Plötzlich kommt ein Einsatz rein. Ein Auto ist von der Straße abgekommen, eine Person eingeklemmt, kunstblutüberströmt. Doch die frisch instruierten Ersthelfer lassen sich Zeit. Zwar wählt einer den Notruf. Aber nur zaghaft wagen es zwei Leute in der etwa zehnköpfigen Gruppe, das schauspielernde Unfallopfer vorsichtig aus dem Auto zu befreien und seine Atmung zu prüfen. Andere beginnen vorsichtig, einen Druckverband anzulegen.
„Der größte Fehler ist es, nichts zu tun“, erfahren die Kursteilnehmer von den MHW-Experten, von denen mehrere hauptberuflich als Rettungssanitäter oder im Katastrophenschutz arbeiten. Auch Stephanie Dietel aus Augsburg hat mittlerweile erfolgreich Erste Hilfe geleistet. Sie sieht erschöpft aus nach acht Stunden Katastrophe. Aber auch irgendwie glücklich.
Der nächste Selbsthilfekurs des MHW ist schon fast ausgebucht
„Ich fühle mich deutlich besser vorbereitet“, sagt sie. „Klar, perfekt gibt es nicht, aber ich bin doch beruhigt.“ Am spannendsten fand sie zu erfahren, wie man aus einer leeren PET-Flasche mit etwas Kohle, Sand und Füllmaterial einen Wasserfilter baut. „Das Wasser war aus der Regentonne, algig grün und mit Tieren drin.“ Nach dem Filtern hat sie probiert.
„Es war klar, etwas lehmig im Geschmack, aber man konnte es wirklich gut trinken.“ Nicht nur diesen Tipp wird sie nun weitertragen. „Ich finde, so einen Kurs sollte jeder mal machen.“ Die nächste Schulung des MHW im Oktober jedoch ist bis auf wenige Einzelplätze ausgebucht.
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