„Tag sieben ohne Snus. Ich will jetzt nichts sagen, aber es wird schlimmer“, sagt der Influencer „edi“ in einem seiner Videos auf der Social-Media-Plattform „TikTok“. Dabei zeigt er seine zitternde Hand in die Kamera. Anschließend erzählt er von Entzugserscheinungen wie Kopfschmerzen oder, dass er an nichts anderes mehr denken könne. „Aber mir geht’s super, mir geht’s mental und physisch gut“, erklärt er im Anschluss. Über eine Million Menschen haben sein Video gesehen, auf seinem Kanal zeigt er seinen kalten Entzug nach zwei Jahren Snus-Konsum. Mit seiner Geschichte ist er nicht allein. Immer mehr junge Menschen greifen zu Snus oder Nikotinbeuteln. Einer Befragung der Krankenkasse DAK-Gesundheit von 2023 zufolge hat jeder siebte Schüler im Alter von 16 und 17 Jahren schon einmal Nikotinbeutel probiert. Aber was ist Snus eigentlich und was sind Nikotinbeutel?
Snus und Nikotinbeutel im Internet: Bestellen ohne Alterskontrolle
Snus sind kleine Portionsbeutel, die mit Tabak gefüllt sind. Rechtlich werden die Beutel als „Tabakerzeugnisse zum oralen Gebrauch“ eingestuft und unterliegen damit dem Tabakerzeugnisgesetz. Der Verkauf in Deutschland ist verboten. Außerdem gibt es Nikotinbeutel, die eine ähnliche Wirkung erzeugen, jedoch keinen Tabak beinhalten. Sie werden rechtlich als Lebensmittel eingestuft und gelten aufgrund des enthaltenen Nikotins als neuartige Lebensmittel. Laut einer Sprecherin des bayerischen Umwelt- und Verbraucherschutzministeriums drängen tabakfreie Nikotinbeutel und Snus, auch Pouches genannt, in großem Umfang auf den Markt, obwohl sie nicht verkauft werden dürfen. Im Oktober 2025 kündigte Bayerns Umwelt- und Verbraucherschutzminister Thorsten Glauber strengere Kontrollen an: „Wir gehen konsequent gegen Snus und Pouches vor. Unsere Kontrollbehörden in ganz Bayern haben dazu aktuell klare Hinweise für ein einheitliches und stringentes Vorgehen erhalten.“
Dabei sind die gesundheitlichen Risiken von Snus und Nikotinbeuteln bekannt. In der Wirkung unterscheiden sie sich kaum. Die Beutel werden zwischen der Lippe und dem Zahnfleisch platziert, durch den Speichel löst sich das Nikotin und gelangt über die Mundschleimhaut in den Körper. „Das Nikotin erhöht kurzfristig die Herzfrequenz und den Blutdruck. Außerdem wird das Nervensystem stimuliert, was kurzfristig für eine gesteigerte Wachheit und Aufmerksamkeit sorgt“, erklärt Dr. Karl Golczyk, Facharzt für Allgemeinmedizin und Mannschaftsarzt der Augsburger Panther. Da die Nikotinaufnahme über die Schleimhäute bedeutend schneller erfolge als beim Rauchen, sei es schwer, den Konsum zu kontrollieren.
Snus und Nikotinbeutel als Alternative zur Zigarette?
Bei einer zu starken Nikotinkonzentration könne es zu Erbrechen, Kopfschmerzen, Herzrasen oder Schwindel kommen, sagt Golczyk. „Bei regelmäßigem Konsum über längere Zeit schwächen der erhöhte Blutdruck und die erhöhte Herzfrequenz das Herz-Kreislauf-System.“ Hinzu kommen mögliche Schäden an der Schleimhaut, wie Entzündungen oder Zahnfleischrückgang. Außerdem gebe es laut Golczyk Studien, die auf einen Zusammenhang zwischen dem Konsum der Beutel und Mund- sowie Rachenkrebs hindeuten.
Dennoch argumentieren Befürworter, Snus und Nikotinbeutel seien gesünder als Zigaretten. Doch ein Vergleich fällt schwer. Laut Golczyk verursachen Zigaretten zwar Lungenprobleme, die es bei Snus und Nikotinbeuteln nicht gebe, dafür könne die Nikotinkonzentration bei solchen deutlich höher sein. Durch die hohen Dosen an Nikotin bestehe eine erhöhte Suchtgefahr, besonders für Jugendliche. Je nachdem, wie viel Nikotin in den Nikotinbeuteln oder Snus enthalten ist, entspreche der Konsum eines Beutels mehreren Zigaretten.
Snus in den Schulen – wieso die Eltern gefragt sind
Dass der Trend auch an den Schulen angekommen ist, weiß auch Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands: „Dadurch, dass Snus und Nikotinbeutel in den sozialen Medien thematisiert werden, ist es auch in den Schulen ein Thema.“ Die Lehrerinnen und Lehrer haben ihrer Meinung nach hier nur wenig Handlungsspielraum, schließlich sei es kaum möglich, die Beutel unter der Lippe zu erkennen. „Wir können nur Präventionsarbeit leisten. Da sind auch die Eltern gefragt, Aufklärungsarbeit zu leisten und mit ihren Kindern darüber zu reden“, sagt Fleischmann.
Während Snus und Nikotinbeutel der Allgemeinheit, wenn überhaupt als Nischenprodukt der Tabak- und Nikotinindustrie ein Begriff sind, zeigen Videos in den sozialen Medien wie von „edi“, dass es vor allem für junge Menschen mehr als das ist. Auf „TikTok“ und „Instagram“ erreichen Videos zu Snus und Nikotinbeuteln hunderttausende Aufrufe. Währenddessen inszenieren die Hersteller auf ihren Accounts Nikotinbeutel als Lifestyle-Produkt und sprechen eine junge Zielgruppe an, die ihre Produkte online bestellen kann. Meistens ganz ohne Alterskontrolle.
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