Julia Kiessling erzählt gern von ihrem Mann. Karsten, der Lebenslustige, der das schnelle Tempo vorgab – bei dem sie nicht immer so leicht mithalten konnte. Kleine Lachfältchen bilden sich um ihre grünen Augen, als sie ihn vor dem DJ-Pult und im Flugzeug-Cockpit beschreibt. Gerade waren sie mit den zwei kleinen Kindern umgezogen, sie freuten sich auf den nächsten Schritt, Münchner Vorstadtleben. Doch lange genießen konnten sie das nicht. Karsten starb 2020 mit 49 Jahren an den Folgen eines Gehirntumors. Seine Frau Julia blieb mit den Kindern, damals drei und sechs Jahre alt, zurück. Ein ganzes geplantes Leben, weg in einem Augenblick. Wie lebt man weiter, wenn der Partner so früh stirbt?
2019 erhielt Karsten Kiessling die Diagnose Gehirntumor
Heute hilft der 43-Jährigen das Erzählen – auch, um anderen Mut zu machen, die sich heute so fühlen wie sie vor gut fünf Jahren. „Und Karsten fände das gut“, dass sie mit ihrer Geschichte anderen helfen kann, da ist sich Julia Kiessling sicher. Es war nicht von Anfang an so, aber heute geht ihr die gemeinsame Geschichte wieder leichter von den Lippen. Das Paar lernte sich bei der gemeinsamen Arbeit bei Radio Gong kennen, 2008 folgte die Hochzeit, 2014 und 2017 kamen die gemeinsamen Kinder Filipa und Vincent, 2019 der Umzug – und die Krankheit.
An dieser Stelle stockt Julia Kiessling zum ersten Mal. „Es war in einem lieblosen Flur in der Klinik, der Arzt war nicht mal da, wir bekamen einen Zettel in die Hand gedrückt, da stand: Glioblastom Grad vier. Da stand es schwarz auf weiß.“ Der Beweis, dass es keinen Hoffnungsschimmer mehr gab. Die Hoffnung war in den Wochen davor „wie ein Strohhalm“ da gewesen. Angefangen hatte alles an einem heißen Junitag im Olympiapark. Phil Collins spielte, es war ein „tolles Konzert“, erinnert sich Kiessling. Bis Karsten anfing, „so wirr vor sich hin zu reden“. Sie nahm es erst nicht ernst, weil er Humor hatte, weil er sie gern auf die Schippe nahm. Dann wurde es „unheimlich“.
Auf dem Weg zum Taxi brach er zusammen. „Mein erster Gedanke war: Schock, Herzinfarkt, das war's jetzt“, sagt die 43-Jährige. Dann die Erleichterung, auch wenn sie nur kurz währte. „Es gibt scheiße, richtig scheiße und super scheiße“ – so habe ihnen ein Arzt „ziemlich schonungslos“ erklärt, welche Art von Gehirntumor in Karstens Kopf sein könnte. „Und wie Karsten selbst sagte: Er hat sich natürlich den Rolls Royce unter den Tumoren ausgesucht“, sagt Kiessling und schmunzelt wieder. Etwa ein bis zwei Jahre, so lang ist die Lebenserwartung mit einem Glioblastom Grad vier.
Julia Kiessling holt ein Foto hervor. Palmen, Sonne und Pool im Hintergrund, einer der letzten Urlaube vor der Diagnose. Karsten trägt darauf eine Sonnenbrille und lacht glücklich in die Kamera, auf dem Rücken klettert Filipa; Vincent, fast noch ein Baby, sitzt auf den Schultern. „Wie klein er noch war“, sagt Kiessling leise und streicht über das Bild. „Es ist komisch zu wissen, dass der Krebs da wahrscheinlich schon gewachsen ist.“
Nach der Diagnose begann die Zeit „zwischen zwei Welten“
Nach der Diagnose begann für die junge Mutter die Zeit „zwischen zwei Welten“, wie sie es beschreibt. „Es war für mich so skurril, mit ihm noch zusammenzuleben, und gleichzeitig das Leben danach vorzubereiten.“ Während sie die Einschulung ihrer Tochter plante, suchte sie gemeinsam mit ihrem Mann sein Grab und seinen Sarg aus. „Mit so etwas rechnet niemand in dem Alter.“
Julia und Karsten wollten sich aber nie mit der großen „Warum?“-Frage aufhalten. „Er hatte ganz stark den Drang, alles zu regeln“, erinnert sich Kiessling. Damals sei ihr das oft zu radikal gewesen. „Heute bin ich ihm unendlich dankbar“, sagt sie. Organisation und Finanzielles konnten sie schon zu großen Teilen vor seinem Tod planen. „Sich am Negativen festzuhalten, ist Verschwendung“, so habe Karsten gedacht. „Eine ganz tolle Persönlichkeit.“ Das habe auch sie oft inspiriert.
Ein Traum bleibt Karsten Kiessling verwehrt: Die eigenen Kinder aufwachsen zu sehen
Fast alle Träume habe sich Karsten erfüllt, sagt seine Witwe. Nur ein großer Traum blieb ihm verwehrt: Die Kinder aufwachsen zu sehen. Im September 2020, über ein Jahr nach der Diagnose, wurde Filipa eingeschult. Dass Karsten da noch dabei sein konnte, habe ihm viel bedeutet. Gerade so habe er noch gehen können. Kurz darauf kam er ins Hospiz. „Es war schlimm, seine Sachen zu packen und zu wissen: Er kommt nie wieder“, sagt Kiessling und hält kurz inne. Über diese Phase zu sprechen, fällt ihr schwer.
Am 17. November besuchte Julia Kiessling ihren Mann zum letzten Mal im Hospiz. Er konnte nur noch ihre Hand drücken, um mit ihr zu kommunizieren. Da habe sie schon so ein Gefühl gehabt. „Ich weiß nicht, ob wir uns morgen nochmal sehen“, sagte sie zu ihm. Vor den Zimmern der Verstorbenen brennt nach dem Tod im Hospiz eine Kerze. Am nächsten Morgen brannte vor Karstens Zimmer eine. Julia Kiessling blickt nach unten und wischt eine Träne weg.
Karsten Kiessling starb am 18. November 2020 um 2.10 Uhr im Alter von 49 Jahren.
Der Tod eines geliebten Menschen schneidet das Leben in ein Vorher und ein Nachher. Julia Kiessling ist froh, durch die Krankheitsphase schon die Möglichkeit gehabt zu haben, „vorzutrauern“. Sie war nun eine Witwe, ein Begriff, den man eher mit älteren Menschen in Verbindung bringt. Mit jemandem, der erwachsene Kinder hat, vielleicht schon Enkelkinder. Doch nach Angaben des Vereins „jung verwitwet“ leben in Deutschland rund 500.000 Menschen unter 60, die ihren Ehepartner verloren haben. Julia Kiesslings Kinder waren damals drei und sechs Jahre alt, gerade im Kindergarten und in der ersten Klasse. Statt Regenbogen und Herzen auf Papier, malte Filipa die Motive auf den Sarg ihres Vaters.
„Das ganze Umfeld bewegte sich für mich danach in einem anderen Universum“, sagt Kiessling. Das Entsetzen sei deutlich größer, wenn jemand so jung geht. Natürlich habe es auch sie in einer Phase voller Pläne getroffen, in der sie nicht damit rechneten. „Aber wäre es denn mit 60 weniger schlimm?“, fragt sich Kiessling. Sie denkt, dass sie in ihrem Alter noch Zeit und Kraft hatte, „sich neu aufzustellen“. Als älterer Mensch einen Partner zu verlieren, ist ihrer Meinung nach genauso schlimm.
Wie geht man richtig mit einem trauernden Menschen um?
Aber wie geht man denn eigentlich richtig mit jemandem um, der einen geliebten Menschen verloren hat? Ein Richtig und Falsch gebe es nicht, sagt die junge Witwe. „Mitgefühl ja, Mitleid nein“, das würde sie so unterschreiben. Sonst sei es tagesabhängig, ob man gerade darüber sprechen möchte oder lieber nicht. Wichtig sei es, die Situation weder schönzureden, nach dem Motto „Zeit heilt alle Wunden“, noch ständig zu betonen, wie schrecklich das alles sei.
Wirklich geholfen habe ihr, mit Menschen „aus dem gleichen Universum“ zu sprechen, mit einer Trauergruppe. „Holen Sie sich die Hilfe, wenn Sie das Gefühl haben, Sie brauchen sie noch nicht“, diesen Tipp habe sie mal bekommen. Schon während der Krankheitsphase hatte sie sich eine Liste mit Links zu Anlaufstellen gemacht. Darunter war auch die Nicolaidis YoungWings Stiftung in München.
Die Nicolaidis YoungWings Stiftung setzt sich für junge Trauernde ein
Die Stiftung richtet sich an junge Trauernde bis 49, die ihren Lebenspartner verloren haben, sowie an junge Menschen bis 27, die ein Elternteil oder beide verloren haben. Entstanden ist sie 1998 als eine Trauergruppe zweier junger Witwen. Aus diesem Anfang entwickelte sich eine Organisation, die sich nach eigenen Angaben bundesweit einzigartig für die Belange junger Trauernder einsetzt. „Wir bieten individuelle Begleitung und Beratung in der Trauer an und geben den jungen Trauernden auch eine Stimme“, sagt Franziska Baumann, Leiterin der Abteilung Kommunikation.
Noch immer seien die Themen Tod und Verlust tabuisiert, sagt Baumann. Die Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit mache viele Menschen verletzlich – gerade junge, die seltener mit dem Sterben in Berührung kommen. Gleichzeitig stellen sich nach dem Verlust eines Elternteils oder des Partners oft existenzielle Fragen, die in diesem Alter besonders drängend sind: Wie geht es finanziell weiter? Wer kümmert sich um die Kinder? „Trauer hat bei jungen Menschen ganz andere Dimensionen“, sagt Baumann.
Für Julia Kiessling wurde die Stiftung zu einer wichtigen Stütze – vielleicht sogar zu einer größeren als die Therapie, sagt sie selbst. Der Austausch mit Menschen in ähnlichen Situationen, das Gefühl, nicht allein zu sein, habe ihr besonders geholfen. Auch für Kinder ab fünf Jahren gibt es Angebote. „Ich fühle mich wie ein Alien“, diesen Satz hörten ihre Trauerbegleiterinnen und Trauerbegleiter häufig von Kindern und Jugendlichen, die Mama oder Papa verloren haben, berichtet Baumann. Auch Kiesslings Kindern habe die Stiftung geholfen, sich weniger fremd zu fühlen.
Die Stiftung fordert, Trauerarbeit gesetzlich zu verankern
„Die erste Trauergruppe, die ich besuchte, war noch in einer Art Konferenzraum“, erinnert sich die junge Witwe. 2024 zog die Stiftung in das Sternenhaus am Nockherberg, mit einem verglasten Dachgeschoss, dem sogenannten Sternengarten. Zwischen Pflanzen und noch freiliegenden Kabeln erzählt Kiessling dort ihre Geschichte. Der Raum ist weiterhin eine Baustelle, eine Fertigstellung vorerst nicht in Sicht – weil das Geld fehlt, so Baumann.
Die Nachfrage steigt seit Jahren, berichtet Baumann, doch gleichzeitig wird die Finanzierung schwieriger. Als überwiegend spendenfinanzierte Organisation spürt die Stiftung die sinkende Bereitschaft deutlich. Ihr Ziel: Trauerbegleitung in der Sozialgesetzgebung zu verankern und verlässliche Finanzierungen zu bekommen, ähnlich wie die Palliativ- und Hospizversorgung. „Wir hören immer, wie wichtig und präventiv wirksam professionelle Angebote zur Trauerbegleitung sind. Aber es steht halt in keinem Gesetz“, erklärt Baumann.
Um mehr Aufmerksamkeit zu schaffen, arbeitet die Stiftung mit prominenten Unterstützern wie Fußballstar Thomas Müller oder Tobias Krell, bekannt als „Checker Tobi“. Auch die Familie Kiessling hat ihre Geschichte in diesem Rahmen erzählt. Gemeinsam mit Krells Kollegin, „Checkerin Marina“, besuchten sie das Grab von Karsten. Vincent sei so stolz gewesen, dass er das Video sogar in der Schule zeigte. Das wiederum habe sie selbst stolz gemacht, sagt Julia Kiessling lächelnd. Ihr ist es wichtig, offen über das Thema zu sprechen – und ihm ein Stück des Schreckens zu nehmen.
Seit eineinhalb Jahren hat Julia Kiessling einen neuen Partner. Schon drei Tage nach seiner Diagnose hatte Karsten den Wunsch geäußert, dass sie wieder glücklich mit einem neuen Mann werde. Heute kann sie, „auch nicht ohne Stolz“, sagen, dass sie genau das wieder ist. „Karsten hat mich damals losgelassen, quasi freigegeben – das zeigt seine menschliche Größe und das werde ich ihm niemals vergessen“, betont Julia Kiessling. Manchmal wünsche sie sich, dass Karsten und ihr neuer Partner sich kennenlernen könnten. Durch die neue Partnerschaft seien die Gedanken an ihren Mann sogar wieder präsenter geworden – viele liebevolle Erinnerungen, inzwischen sei das Erinnern weniger schmerzhaft. Aber auch die Trauer bleibt. „Sie kommt bei mir in Wellen – und es ist angenehmer, auf der Welle zu surfen, als gegen sie anzukämpfen.“
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