Versicherte kritisieren Investmentstrategie der Bayerischen Versorgungskammer
Altersvorsorge in Bayern: Was Versicherte von Bayerischer Versorgungskammer fordern
Es dürfte eine gute Nachricht für Millionen Menschen in Bayern gewesen sein. „BVK schließt 2025 erneut mit guter Performance ab“, teilte die Bayerische Versorgungskammer Mitte Januar in einer Pressemeldung mit. „Ihre Altersvorsorge ist und bleibt sicher“, informierten die zu ihr gehörenden Versorgungswerke wenig später ihre Versicherten in einer neuen Meldung. Nach Verlusten, Entlassungen und Klagen in den Monaten zuvor also alles im Griff? Das sehen nicht alle so. In den Optimismus der Versorgungskammer platzen neue Einwände rund um verlustreiche Milliardeninvestments in US-Immobilien, vorgebracht von Versicherten, Mietern – und Geschäftspartnern.
„Ich glaube denen nicht, dass das ein Einzelfall ist“, sagt der Münchner Rechtsanwalt Peter Mattil über jene Verluste in den USA. Er hat gemeinsam mit seinem Kollegen Stephan Greger die „Interessensgemeinschaft Versorgungswerke“ gegründet, in der sich Versicherte unter dem Dach der Versorgungskammer organisieren können. Apotheker, Kaminkehrerinnen oder Psychotherapeuten in Bayern und anderen Bundesländern sind pflichtversichert in den Versorgungswerken der BVK. Diese hat 2,7 Millionen Mitglieder und verwaltet nach eigenen Angaben ein Kapital von 117 Milliarden Euro, in den vergangenen Jahren hatte sie einen Teil dieses Geldes in US-Immobilien verspekuliert.
„Oft deuten solche Verluste auf einen Systemfehler hin“, sagt Mattil im Gespräch mit unserer Redaktion. Der Kammer wirft er „fehlende Transparenz“ vor, auf Anfragen habe er „ausweichende oder keine Antworten“ erhalten. Nicht nur als Jurist sind die Investments für ihn interessant, der Fall betrifft ihn persönlich: Auch die Bayerische Rechtsanwalts- und Steuerberaterversorgung gehört zur Versorgungskammer.
Als Teil eines Investmentgespannes hatte die Kammer in Hochhäuser in Manhattan, Chicago oder San Francisco investiert, zunächst war von Anlagen in Höhe von 600, später von 800 Millionen und inzwischen von 1,6 Milliarden Euro die Rede. Erst hatte sie eingeräumt, dass 163 Millionen Euro davon verloren sind, um weitere 690 Millionen Euro könnte der Verlust nach BVK-Analysen noch anwachsen. Angesichts dessen, dass demnach lediglich rund 1,3 Prozent des BVK-Kapitals in US-Immobilien investiert sind, klingt der Verlust trotzdem verkraftbar. Wären da nicht noch weitere Fragen offen.
Nicht nur Mattil macht der Umstand argwöhnisch, dass die Versorgungskammer in Form einer „Salami-Taktik“ scheibchenweise mit neuen Eingeständnissen herausrückt, wie der Landtagsabgeordnete Tim Pargent von den Grünen sagt. Erst auf Druck habe man die Öffentlichkeit informiert und dabei immer größer werdende Summen präsentiert. „Von Transparenz, wie die Kammer sie kürzlich versprochen hatte, kann man nun nicht sprechen“, sagt Pargent. Und so bleibt auch weiter die Frage ungeklärt, wie es bei den US-Investments zur Zusammenarbeit der BVK mit Partnern wie der bis dahin in den USA unerfahrenen Münchner Investmentgesellschaft Deutsche Finance kam. Oder dem New Yorker Projektentwickler Michael Shvo, einem verurteilten Steuerbetrüger.
Nicht nur unter Anwältinnen und Anwälten regt sich deshalb Unmut. „Das ist natürlich ein Thema“, sagt Gerhard Zach, der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Architekten in Bayern mit etwa 600 Mitgliedern. Auch für deren Altersvorsorge ist die BVK zuständig. Mit der Investmentstrategie der Kammer ist er unzufrieden. Die Altersvorsorge wolle der Verband auch in der für ihn zuständigen berufsständische Organisation, der Architektenkammer, zum Thema machen. Womöglich, weil zuletzt die mit der BVK nicht verbundene, aber im gleichen Feld operierende Zahnärzteversorgung in Berlin die Hälfte ihres Kapitals von rund zwei Milliarden Euro verspekuliert hat und deshalb Rentenkürzungen im Raum stehen, wächst nun spürbar auch die Nervosität unter Versicherten der BVK. Mit Fragen und Beschwerden zur Versorgungskammer wenden sich auch Ärzte, Bühnenkünstlerinnen oder Ingenieure an unsere Redaktion.
Für alle diese Berufsgruppen verwaltet die Versorgungskammer die Altersvorsorge – und auch für Orchestermusiker. Die Geschäftsführerin der Gewerkschaft und Musik- und Orchestervereinigung Unisono, Julia Hofmann, nennt die Investments auf Anfrage unserer Redaktion „ärgerlich und aufklärungsbedürftig“. Die verpflichtende Mitgliedschaft in der zuständigen Versorgungsanstalt der deutschen Kulturorchester erfülle aus ihrer Sicht eine „Schutz- und Solidarfunktion“, die aber mit besonderem Anspruch einhergehe. Das Versorgungswerk werde nach wie vor „von vielen Mitgliedern als wichtiger und tragender Baustein der Altersversorgung in Berufsorchestern wahrgenommen“, auch weil sich das Gesamtportfolio der BVK positiv entwickle, teilt Hofmann mit.
Für diese Entwicklung rühmt sich auch die Kammer. Aus ihren Anlagen hat sie nach eigenen Angaben eine Verzinsung von 3,4 Prozent im Jahr 2025 erzielt und somit ein solides Plus verbucht. Die Verluste in den USA haben ihr zufolge keine Auswirkungen auf die Altersvorsorge der Versicherten. Weitere finanzielle Schäden, die durch Schadenersatzforderungen von mehreren hundert Millionen Euro von Mietern in BVK-Objekten in New York ausgehen könnten, befürchtet die Kammer nicht, wie sie auf Anfrage mitteilt. Es gebe „keinerlei rechtliche Grundlage für eine Nennung der BVK“ in jener Klage, die unter anderem der ehemalige Trump-Anwalt Marc Kasowitz vertritt.
Beschwerden einzelner Versicherter, dass die Ruhegelder in den vergangenen Jahren lediglich um meist etwa ein Prozent angestiegen sind – und damit deutlich unter den Rentenerhöhungen und sogar hinter der Inflationsrate zurückgeblieben sind – hält sie entgegen, dass ein einfacher Vergleich beider Vorsorgearten „grob irreführend“ sei. Die Versorgungswerke rechneten in „sehr langen Zeiträumen“ und könnten die jährliche Dynamisierung nur aus zusätzlichen Überschüssen finanzieren.
Rechtsanwalt Mattil überzeugt das nicht. Er will nicht nur genau wissen, wer nun für die Verluste die Verantwortung trägt. Mit seiner Interessengemeinschaft strebt er Aufklärung an, hält sogar eine Sonderprüfung der gesamten Kammer für denkbar, bei der sämtliche Geschäfte offengelegt werden würden. Aktuell sei die Interessengemeinschaft im Aufbau, „wir erhalten breites Feedback und haben Zulauf“, sagt Mattil. Damit will er einen Umstand umkehren, der die Aufklärung des Falles lange Zeit verzögert habe: dass sich selbst unter Versicherten die Verluste kaum herumgesprochen haben.
Abzuwarten bleibt, welche Auswirkungen nun in einem neuen Problemfeld entstehen könnten, das der BVK-Investmentpartner Deutsche Finance jüngst eröffnet hat. Dieser hatte in einer Pressemitteilung Verantwortung von sich gewiesen und angegeben, „kein operativer Entscheidungsträger“ in den Geschäften gewesen zu sein und lediglich „strukturierende, koordinierende sowie regulatorische Funktionen“ übernommen zu haben. Dem widerspricht die Versorgungskammer, tatsächlich habe die Deutsche Finance sich „erhebliche Entscheidungsrechte“ gesichert. Eine Anfrage an die Investmentgesellschaft ließ diese unbeantwortet.
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