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„Wiederholer fühlen sich oft wie Versager“: Lehrerverband will Sitzenbleiben reformieren

Bildung

„Wiederholer fühlen sich oft wie Versager“: Lehrerverband will Sitzenbleiben reformieren

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    Eine Fünf zu viel, schon ist das Vorrücken in die nächste Jahrgangsstufe gefährdet.
    Eine Fünf zu viel, schon ist das Vorrücken in die nächste Jahrgangsstufe gefährdet. Foto: Marcus Merk

    Paul besucht die siebte Klasse eines bayerischen Gymnasiums. Am Ende des Schuljahres steht in seinem Zeugnis jeweils die Note fünf in den Fächern Mathematik und Latein. Heißt: Paul hat das Klassenziel nicht erreicht. Er ist durchgefallen und muss die siebte Jahrgangsstufe wiederholen. Für viele Schülerinnen und Schüler ist das ein Schock.

    Paul ist ein fiktives Beispiel. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) hat ihn erfunden, um seine Idee von der Revolution des Gymnasiums zu veranschaulichen. Paul steht beispielhaft für fast 40.000 Kinder und Jugendliche, die über die verschiedenen Schularten hinweg im Lernjahr 2024/25 in Bayern eine Klasse wiederholten, gezwungenermaßen oder freiwillig.

    Für den Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) ist das Schulsystem aus der Zeit gefallen

    Durchfallen, den ganzen Stoff noch einmal lernen – nicht nur in den Fächern, in denen die Fünf im Zeugnis steht, sondern in allen: Für den BLLV ist das Schulsystem damit aus der Zeit gefallen. „Wiederholerinnen und Wiederholer fühlen sich oft wie Versager, sie werden aus ihrem Klassenverband gerissen und haben am Ende des wiederholten Schuljahres oft immer noch Probleme in denselben Fächern“, sagt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. Besonders reformbedürftig aus ihrer Sicht: das Gymnasium.

    Deshalb hat der Verband am Montag in München einen Vorschlag präsentiert, der die beliebteste weiterführende Schulart in Bayern grundlegend reformieren würde. Schülerinnen und Schüler sollen ab der siebten Klasse in Modulen lernen, statt nach einem fixen Lehrplan für jede Jahrgangsstufe. Wenn sie, wie Paul, etwa in Mathe und Latein das Klassenziel nicht erreichen, wiederholen sie im Modell des BLLV nur die betreffenden Module. Die Schulzeit würde sich wie im jetzigen System um ein Jahr verlängern. Mit ein paar entscheidenden Unterschieden.

    Manche Fächer könnten am Gymnasium ein Jahr pausieren

    Roland Kirschner, Lehrer und Leiter der Fachgruppe Gymnasien beim BLLV, erklärt es so: „Paul wählt die Module Mathe und Latein der 7. Klasse, in den anderen Fächern die der 8. Klasse.“ Um an möglichen Lernschwierigkeiten in anderen Fächern zu arbeiten, könnte Paul noch Fördermodule wählen und dafür andere Fächer, Musik oder Kunst etwa, ein Jahr ad acta legen. Am Ende der elften Jahrgangsstufe wäre Paul im Idealfall wieder in allen Fächern auf demselben Stand und könnte in die Abiturvorbereitung starten.

    Simone Fleischmann und ihr Verband stellen regelmäßig Reformideen für Bayerns Schulen vor.
    Simone Fleischmann und ihr Verband stellen regelmäßig Reformideen für Bayerns Schulen vor. Foto: Peter Kneffel, dpa

    Dass das Wiederholen in der Schule reformiert werden müsste, betonen auch Experten wie der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm oder der deutsche Koordinator der weltbekannten Pisa-Studie, Andreas Schleicher, immer wieder. Klemm etwa plädiert dafür, mehrere hundert Millionen Euro, die das Sitzenbleiben bundesweit den Steuerzahler kostet, in passgenaue Förderangebote zu investieren, Schleicher macht sich für kostenlose Nachhilfe stark.

    Philologenverband sieht Zeitpunkt der BLLV-Ideen als „Affront“

    „Selbst Lehrkräfte sagen: Das Gymnasium ist ausgelegt auf Gleichschritt“, berichtet Fleischmann. Schülerinnen und Schüler seien aber keine „Oberammergauer Schnitzmodelle mit den gleichen Ecken und Kanten“. Man wolle hin zu „mehr individueller Förderung, einem modernen Leistungsbegriff und einem inklusiven Umgang mit Heterogenität“. Denn natürlich seien Schülerinnen und Schüler, selbst wenn sie nach der vierten Klasse ans begehrte Gymnasium wechseln, Individuen mit unterschiedlichen Interessen und Lerngeschwindigkeiten.

    Die Reaktionen auf das Konzept sind nicht nur divers, sondern auch ein Lehrstück zu den Rivalitäten im dreigliedrigen Schulsystem. Denn der BLLV mag mit fast 70.000 Mitgliedern der größte bayerische Lehrkräfteverband sein, doch als wahre Stimme der Gymnasiallehrkräfte versteht sich der Philologenverband (bpv). Dort sieht man Zeitpunkt und Ausgestaltung der BLLV-Ideen als „Affront“.

    Kultusministerin Anna Stolz will das Gymnasium nicht nochmal anpacken

    „Man kann sich vieles wünschen und verbessern, doch in Zeiten von Lehrkräftemangel – insbesondere am Gymnasium – den totalen Umbau einer Schulart zu fordern, grenzt an Träumerei“, sagt bpv-Chef Michael Schwägerl unserer Redaktion. „Wir schlagen vor, den Blick auf eine andere Stelle des Schulwesens zu richten.“ Er meint die Grundschulen – deren Lehrkräfte wiederum vor allem vom BLLV vertreten werden. Mehrere Studien hätten bereits belegt, dass an den Grundschulen Handlungsbedarf besteht, so Schwägerl. „94 Prozent der Gymnasiallehrkräfte der 5. und 6. Klassen sagen, dass das Leistungsniveau der Fünftklässler in den letzten Jahren abgenommen hat.“

    Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) stellt sich in der Reformdebatte indirekt auf die Seite der Philologen: „Das neue neunstufige Gymnasium, das in dieser Woche erstmals in die wichtige Phase der Abiturprüfungen tritt, ist in breitem Konsens mit der gymnasialen Schulfamilie entstanden“, betont sie. „Es ist ein gutes System und daher besteht auch nicht der geringste Anlass für eine erneute Strukturdebatte.“

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