29.10.2017

„Bube, Dame, König Artus!“

DVD/Bluray-Tipp: "King Arthur" ( von Guy Ritchie)

Seit dem kolossalen Erfolg der „Herr der Ringe“-Trilogie (den müden „Hobbit“-Nachklapp vergessen wir einfach mal) scheinen Mittelalter und Fantasy untrennbar verbunden. Zumindest im Film. Die TV-Serie „Game of Thrones“ bedient sich ganz ungeniert exakt derselben Masche und wird dafür auch noch allerorten gefeiert und bejubelt. Da liegt es nun wirklich mehr als nahe, auch der x-ten Neuauflage der Artus-Legende den allseits bewährten, fantastischen Anstrich zu verpassen. Außerdem und überhaupt handelt es sich dabei um eine waschechte Sage mitsamt Zauber-Schwert Excalibur und Magier Merlin, da drängt sich die Fantasy-Allzweckwaffe ja erst recht auf.

Leider wird damit aber auch eine unselige Kettenreaktion eingeleitet, mit der sich nun auch „King Arthur“ herumschlagen muss. Fantasy bedeutet Computer-Effekte, Computer-Effekte bedeuten Künstlichkeit, Künstlichkeit bremst Emotionen aus und ausgebremste Emotionen sorgen für ein schnelles Vergessen des Gesehenen. Ein Teufelskreis, denn übt man sich in CGI-Verzicht, stöhnt das Spektakel-verwöhnte Blockbusterpublikum entrüstet auf.

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Da braucht es schon ein geschicktes Regie-Händchen, um Figuren und Story nicht auf der digitalen Schlachtbank zu opfern. Hilfreich ist auch eine unverkennbare Handschrift, eine ureigene Duftnote, die das Werk vom Einheitsbrei abgrenzt. Guy Ritchie - ehemals Britanniens kultige Antwort auf Tarantino - hat zwar inzwischen den schrägen Indie-Gangsterfilm gegen das sündteure Event-Kino eingetauscht, dabei aber unbeirrt an seinen ruppigen Inszenierungsstil festgehalten. Jump Cuts, Zeitraffer-Sequenzen, Vor- und Rückspul-Erzählkniffe, Martial-Arts-Faustkämpfe und rhythmische Sounds finden sich auch in seinen beiden „Sherlock Holmes“-Filmen mit Robert Downey Jr., der 60er-Jahre-Spy-Comedy „Codename U.N.C.L.E.“ und natürlich ebenso in „King Arthur“. Im Prinzip lotet er permanent die Untiefen der Londoner Unterwelt aus und geht dabei immer weiter in der Zeit zurück. Diesmal gar bis ins 5. Jahrhundert nach Christus, denn im Kern ist auch „King Arthur - Legend of the Sword“ ein klassischer Ritchie.

Sein Arthur wächst in den Armenvierteln Londiniums auf, genauer gesagt in einem Bordell. Die dort arbeitenden Damen haben das auf dem Wasser treibende Waisenkind gefunden und unter ihre Fittiche genommen. Der Heranwachsende dankt es ihnen mit Schutz vor zahlungsunwilligen und sadistischen Freiern. Dabei baut er sich ein hübsches kleines Netzwerk an Abhängigen, Helfern und Informanten auf, das bis in die höchsten Kreise reicht. Da ist deutlich näher an „Bube, Dame, König, Gras“, als an John Boormans kunstvollem Mystik-Abenteuer „Excalibur“ oder Jerry Zuckers Romantik-Märchen „First Knight“. Vor allem optisch zieht er hier all seine Lieblingsregister und knallt Arthurs Mannwerdung im gerafften Bild-Stakkato unters Kinovolk. Aber Ritchie hat noch mehr Überraschungen auf Lager, die sein inszenatorisches Selbstbewusstsein hinaus posaunen. Wer bringt schon die Chuzpe auf, seinen Film mit einem epischen Schlachtengenmälde beginnen zu lassen, das jeder andere sich garantiert fürs große Finale aufgehoben hätte? Und tatsächlich bleibt der Angriff auf König Uther Pendragon (Eric Bana, den man gern öfter mit Rüstung und Schwert sehen würde) und sein Schloss Camelot, bei der Magier Mordred u.a. riesige Kriegselefanten von der Leine lässt, die größte Actionszene des Films. Was aber nicht heißt, dass es nach dem Auftakt langweilig werden würde.

Dafür sorgt schon Jude Law als Thronräuber Vortigern, der seinen Bruder Uther mit Hilfe schwarzer Magie ermordete und nun mit eiserner Faust seine Untertanen tyrannisiert. Law füllt diese klassische Bad-Guy-Figur genüßlich mit Leben und lässt ihn je nach Situation mal ängstlich, mal herrisch, mal sadistisch, mal weinerlich erscheinen, was ihn so unberechenbar wie gefährlich macht. Charlie Hunnam als sein Rivale Arthur bleibt da schon charakterbedingt etwas blasser und auch das Ritchie-typische, hektische Erzähltempo macht es ihm nicht gerade leicht, Facetten wie Unentschlossenheit und Hadern mit dem Schicksal als einzig legitimer Thronfolger deutlich heraus zu arbeiten. Dennoch passt er vorzüglich in die Rolle, schließlich hat er sich als Motorrad-Club (Vize-)President Jax Teller acht äußerst dramatische Staffeln lang im innerlich zerrissenen Thronerben-Gefühlschaos üben können. Die Biker-Saga „Sons of Anarchy“ war erkennbar an Shakespeares „Hamlet“ angelehnt, „King Arthur“ wiederum wildert eifrig im Gangstermilieu. Da schließt sich ein Kreis.

Apropos Kreis. Die berühmte Tafelrunde wird erst am Ende und fast nebenbei enthüllt. Natürlich sollen bei Erfolg noch viele weitere Abenteuer folgen und was böte sich in Zeiten ständig expandierender Universen wie Marvel und Star Wars eher an, als eine Runde sagenumwobener Ritter, von denen jeder mal in den Fokus gerückt werden kann? Der typische Origins- oder Begins-Charakter des Films ist ein stichhaltiges Argument, aber Ritchie nimmt es generell nicht allzu genau mit der zugrundeliegenden Sage. Merlin hat nur einen Kurzauftritt, dafür Riesenschlangen und Octopus-Mischwesen deutlich längere. Wikinger werden als spätere Gegner in Stellung gebracht, Arthurs spätere Gattin Guinevere (Àstrid Bergès-Frisbey) ist hier zunächst eine Magierin und seine Kampfgefährten erfüllen mal wieder die heute fast schon obligatorischen Multikulti-Kriterien. Wenigstens kommt „Excalibur“ eine tragende Rolle zu - immerhin sorgt es ja auch für den Untertitel -, mitsamt magischer Wirkung für den, der es aus dem Stein zu ziehen vermag.

Es hätte also deutlich schlimmer kommen, im filmisch so ausgetrampelten Reiche König Arturs. Jude Law ist ein famoser Fiesling, Charlie Hunnam ein kerniger Held. Ritchie bleibt seinen inszenatorischen Mätzchen treu und verpasst so der altehrwürdigen Ritter-Sage einen flotten Modernisierungsschub. Das gehetzte Tempo geht zwar auf Kosten der meisten Figuren, kaschiert dafür aber auch die etwas dürftige Rahmenhandlung, die wiederum möglichst viel Raum für etwaige Sequels lassen muss. Ein bißchen weniger Fantasy und ein wenig mehr Ritter hätte auch nicht geschadet, in Zeiten von Orks, Flugdrachen und Weißen Wanderern ist das allerdings ein extrem frommer Wunsch. Und wer Ritchies freien Umgang mit der Artus-Sage dennoch irgendwie anstößig findet, der warte erst einmal auf Küsten-Michels neuesten Geniestreich. Dort kämpfen Artus Ritter Seite an Seite mit einem gewissen Optimus Prime. Da kann man nur hoffen, dass Excalibur auch außerirdisches Metall schneidet. Noch Fragen? Eben, dann doch lieber Artus als Raufbold aus den Londoner Docks. Bodenständig eben.

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07.11.2017

Netter Blog ... Schreib so weiter ...!

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07.11.2017

Freut mich, wenn er gefällt. :) Und noch mehr, wenn er motiviert, hin und wieder mal ins Kino zu gehen, sich eine DVD/Bluray zu leihen, oder eben nicht (wird und soll auch mal einen "abschreckenden" bzw. "warnenden" Text geben. :)

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