26.01.2018

Devote Sauna-Party im Frankenland

Our own personal Jesus

Konzertkritik: Depeche Mode in Nürnberg am 21.01.18

Kalt, nass und klamm ist es. Der deutsche Januar hat ja längst den November als Schmuddelmonat Nummer 1 abgelöst. Aber was tut man nicht alles für den einzigen bayerischen Winterauftritt der kultigen Basildon-Boys? Depeche Mode luden ins Frankenland, da gibt es keine faulen Ausreden wie mieses Wetter, oder lange Fahrzeiten. Schon beim Gedanken an die hymnischen Synthklänge, an Dave Gahans dunklen Bariton, an das feierliche Gemeinschaftserlebnis wird einem warm ums Herz. Electro-Blues versus Winter-Blues und der Sieger steht schon von vornherein fest.

Bereits vor der Halle wird deutlich, dass hier nicht irgendwer für irgendwen spielt. Karten werden ausschließlich noch gesucht und nicht feilgeboten. Also nichts wie rein in die proppenvolle Nürnberger Eishockey-Halle. Die ist bei weitem nicht so weitläufig und großzügig wie ihre süddeutschen Pendants in München oder Stuttgart. Der kaum vorhandene Platz für das leibliche Wohl und das Devotionalien-Angebot ist sicher gewöhnungsbedürftig, aber dafür wird man mit einer kuscheligen Heimeligkeit empfangen, die perfekt zur äußeren Temperatur und zur inneren Stimmung passt.

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Und endlich ist auch mal wieder die vorherrschende Farbe schwarz, sind extravagante Styling-Ideen zu bewundern und das Gefühl da, fast ausschließlich unter Gleichgesinnten zu sein. So schön es ist, dass die eigene Lieblingsband trotz Alternative-Stempel inzwischen sogar Fußballstadien füllt, so sehr verwässert die dann zwangsläufig recht stattliche „Da könnte ich auch mal vorbei schauen“-Klientel die sakrale Elektro-Messe zum fröhlichen Massen-Happening. Vom Strichmännchen-Effekt und der hartnäckigen Helligkeit mal ganz zu schweigen. Nein, Mode gehören in die Halle, erst da wird die ganz spezielle Essenz, die ganz eigene Aura ihrer Live-Auftritte nicht nur erkennbar, sondern vor allem erlebbar. So wie in Nürnberg eben.

Im Mekka der fränkischen Bratwurst sollte man auch nicht zu sehr lamentieren, als eine solche behandelt zu werden. Das nennt man Lokalkolorit. Ja, die Sitze sind eng, der nicht unterteilte Innenraum gesteckt voll und wenn man die Glastüren ins Innere öffnet, wird man von einer fönartigen Wärmewand empfangen. Schön heimelig das Ganze. Im übrigen soll ja die Band der Begierde auf Heizstrahler stehen, insofern gehört das zum erstandenen Paket. Und wer sich in guter alter Mode-Konzert-Tradition die Vorgruppe schenkt - was diesmal aber gar nicht nötig war -, der kann ja bis kurz vor Beginn mit den Freiluftrauchern frieren. Schließlich funktioniert die Band inzwischen wie ein Uhrwerk.

Pünktlich um 20.45 geht es dann in die schwarze Schwitzhütte, die binnen Minuten einer Dampfsauna gleicht. Los geht es mit dem pumpenden Opener des aktuellen Albums „Spirit“. „Going backwards“ ist mit seinem stampfenden Blues-Rhythmus genau der richtige Einstieg in die erste Konzerthälfte, bei der es erfahrungsgemäß ein wenig ruhiger zugeht, bei der geschickt Spannung und Stimmung aufgebaut werden, um dann in Hälfte zwei den Klassiker- und Hymnen-Sturm zu entfachen. Im Vergleich zum Sommer wurde die Setlist ein wenig entschlackt, was vor allem zu Lasten des neuen Materials ging, von dem lediglich die drei Singles überlebten. Gleichzeitig zelebriert Depeche Mode das 1997er Album „Ultra“, ein Fanliebling und das einzige ohne Tour. Fünf der ersten 10 Songs entstammen dieser gerade auch für Langzeitfans ganz besonderen Phase, in der die zum Trio geschrumpfte Band am Ende schien und dennoch eines ihrer stärksten und intensivsten Alben ablieferte.

In Nürnberg jedenfalls weiß man diese Geste, dieses Statement zu schätzen und beschert der Band einen jener Abende, an denen die innige gegenseitige Beziehung förmlich zu greifen ist. Daran kann auch eine zeitweise etwas unrunde Abmischung zwischen Gesangs- und Instrumentalparts nichts ändern, da wird auch Christian Eigners machmal etwas zu ekstatisches Trommeln erst recht bejubelt, von Andrew „Fletch“ Fletchers Klatschanimation ganz zu schweigen. Hier wird einem der kongenialsten Duos der Popmusik gehuldigt und das verdient sich diese Wertschätzung immer wieder aufs Neue. Fixpunkt Dave Gahan tanzt, turnt, bleckt, shakert und heizt ein, als gäbe es kein Morgen und schon gar kein weiteres Mode-Konzert. Mit Mitte 50 zündet er ein Fitness- und Charisma-Feuerwerk, das dem Branchennachwuchs schlimmste Minderwertigkeitskomplexe bescheren dürfte. Songwriter-Genius Martin Gore entlastet dazu seinen Frontmann mit innbrünstigen Balladen-Versionen und unterstützt ihn mit ansteckender Lockerheit und Spaß am Musizieren.

Natürlich ist man als altgedientes Feierbiest schon häufiger zu „Never let me down again“, „Enjoy the Silence“, „Evertyhing Counts“, „Stripped“ und „Personal Jesus“ abgegangen, aber irgendwie gehört dieses Repertoire einfach zu einer gelungenen Party und würde schmerzlich vermisst werden. Und für den Feinhörer gibt es ja immer wieder kleine Appetithäppchen in Form neuer Intros und machmal sogar eine faustdicke Überraschung in Form eines lange nicht mehr gespielten Stücks. In Nürnberg ist ein solcher Abend, als Martin Gore zum zuletzt vor über 20 Jahren live gespielten „I want you now“ ansetzt. Und dennoch singt die Halle im Chor. Das ist echte Liebe, das ist echte Hingabe, das ist Depeche Mode.Am Ende sind alle verschwitzt, Band, Fans, Bühnentechniker und Hallenpersonal. Glückliche Saunisten wohin das Auge blickt. Ein heißes Gemeinschaftserlebnis mit Dampf. Der Nürnberger Depeche Mode-Spa war ein voller Erfolg. Die nasskalte Nacht danach eine wohlige Abkühlung. Die innere Wärme bleibt ohnehin noch lange bestehen. Der deutsche Januar jedenfalls kommt dagegen nicht mehr an. Danke, Jungs.

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Setlist:

1. Going Backwards

2. It's No Good

3. Barrel Of A Gun

4. A Pain That I'm Used To

5. Useless

6. Precious

7. World In My Eyes

8. Cover Me

9. Insight

10. Home

11. In Your Room

12. Where's The Revolution

13. Everything Counts

14. Stripped

15. Enjoy The Silence

16. Never Let Me Down Again

Zugabe:

17. I Want You Now

18. Walking In My Shoes

19. A Question Of Time

20. Personal Jesus

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