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03.10.2017

„Mit Schirm, Charme und Schnaps“

Im Kino: "Kingsman: The Golden Circle" (von Matthew Vaughn)

Nun hat er es also doch getan. Eigentlich hatte Matthew Vaughn nie ein Sequel eines seiner Filme drehen wollen. Eigentlich. Ob es daran lag, dass die Fortsetzung seiner rotzfrechen Superhelden-Farce „Kick Ass“ so ziemlich alles vermissen lies, was das Original so kultig gemacht hatte? Oder ob er mit ansehen musste, wie sein fulminanter X-Men-Reboot „Firts Class“ unter der Regide von Franchise-Papst Bryan Singer zunehmend in Ödnis und Konformität versandete?

Bei „Kingsman: The Secret Service“ (2014) jedenfalls war Schluss mit lustig. Wer Vaughn ein wenig kennt bzw. dem Mann ein wenig zuhört, der merkt schnell, dass die poppige Adaption einer Superagenten-Comicserie so etwas wie eine Herzensangelegenheit ist.

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Vor drei Jahren hatte Vaughn mit dem schmissigen, derben und höllisch unterhaltsamen Erstling eine ebenso unverhohlene wie punktgenaue Bewerbung für seine Eignung zum nächsten Bond-Regisseur abgeliefert. Und da dort die Abstände immer größer werden, kann es doch nicht schaden, die Empfehlung in eigener Sache nochmals zu bekräftigen. Das Expose heißt „Kingsam: The Golden Circle“ und knüpft nahtlos an den Vorgänger an.

Gary „Eggsy“ Unwin (Taron Egerton) ist inzwischen ein vollwertiges Mitglied des elitären Agenten-Clubs „Kingsman“. Die seinerzeit errettete Prinzessin Tilde von Schweden ist bei ihm eingezogen und Kingsman-Q „Merlin“ (Mark Strong) fast schon so etwas wie ein guter alter Kumpel. Dieses berufliche wie private Idyll erfährt ein jähes Ende, als auf einen Schlag sämtliche Kingsman-Agenten sowie deren schlossähnliches Hauptquartier mit einem simultanen Raketenangriff vernichtet werden. Eggsy und Merlin sind die einzigen Überlebenden.

Glücklicherweise gibt es für einen solchen Supergau ein spezielles Doomsday-Protokoll, das die beiden zum amerikanischen Pendant „Statesman“ lotst. Hier geht es deutlich legerer und weit weniger exklusiv zu wie bei den wie aus dem Ei gepellten Briten, schließlich befindet man sich im ländlichen Kentucky und firmiert unter der Tarnung einer den Massenmarkt beliefernden Whisky-Destillerie. Auch die Decknamen tragen dem gewöhnlicheren Umfeld Rechnung. Hier benennt man sich nicht nach den Rittern von König Artus Tafelrunde, sondern hört auf hochprozentigen Mainstream wie „Whiskey“ oder „Tequila“.  Schiebt man nur Innendienst, fallen sogar die Prozente weg und man muss mit Cocktail-Grundierungen wie „Ginger Ale“ Vorlieb nehmen. Immerhin darf der Boss (Jeff Bridges) sich „Champagne“ nennen, wobei ihm die Abkürzung „Champ“ noch besser gefällt.

Die genüsslich auf die überspitze Schippe genommen Gegensätze zwischen vermeintlich typisch britischen Eigenheiten und ihren US-amerikanischen Pendants waren bei entsprechender Expertise schon häufig ein humoristisches Feuerwerk. Matthew Vaughn zeigt sich auch hier very British - also unbedingt stilsicher - und lässt sein Gagpendel gekonnt zwischen elegantem Snobismus und rauhbeiniger Hemdsärmeligkeit, zwischen defensivem Understatement und offensivem Selbtsbewusstsein hin und her schwingen. Wohl dem, der mit Taron Edgerton, Mark Strong und v.a. Colin Firth auf der einen sowie mit Jeff Bridges, Pedro Pascal und v.a. Channing Tatum auf der anderen Seite über Darsteller verfügt, die diesen „Culture-Clash“ so richtig ausleben können.

Natürlich braucht es auch wieder einen durchgeknallten Superschurken, schließlich will die zwangsfusionierte transatlantische Agententruppe auch demonstrieren, was hochqualifizierte Ausbildung und ausgeklügelte Spezialwaffen so alles bewirken können. Die global operierende Drogenbaronin Poppy Adams (Julianne Moore) gibt ihnen dazu reichlich Gelegenheit, zumal sie einen perfiden Plan entwickelt hat, um das weltweite Drogenproblem ganz in ihrem Sinne zu lösen. Dass der gänzlich unzimperliche US-Präsident (Bruce Greenwood in seiner dritten Präsidial-Rolle)  eine zwar gegensätzliche, aber nicht minder menschenverachtende Strategie verfolgt, erhöht Zeit- und Handlungsdruck auf Seiten der Kings-/Statesman-Einsatzgruppe ganz erheblich.

Wie beim Vorgänger macht Vaughn die im Kern auserzählte Weltrettungsmission einzig durch ihre Verpackung so unwiderstehlich unterhaltend. Wieder bedient er sich unverfroren beim großen Doppelnull-Vorbild und peppt seinen Agententhriller mit aberwitzigen Gadgets, großformatigen Action-Sets, sarkastischem Humor und eleganter Coolness auf. Dabei behält er stets eine erkennbar eigene Handschrift, die sich aus überraschenden Gewaltspitzen, makabren Einschüben und einer Popart-affinen Bildsprache speist. Alles ist stets ein wenig over the top inszeniert, ohne allerdings je ins Lächerliche abzudriften. Er unterläuft damit immer wieder Mainstream-Erwartungen und Gewohnheiten, was ihn deutlich von der US-Konkurrenz nicht nur aus dem Hause Marvel abgrenzt und ihn erkennbar mit seinem ähnlich arbeitenden Landsmann Edgar Wright („Hot Fuzz“, „Baby Driver") verbindet. Allein die inzwischen in mehrfacher Hinsicht etwas ramponierte Diva Elton John stimmig in ein solch überbordendes Agentenspektakel zu integrieren ist eine Leistung, die man höchstens noch Regie-Paradiesvogel Quentin Tarantino zugetraut hätte.

Matthew Vaughns „Wortbruch“ einer Inszenierungs-Wiederholungstat hat sich also als Glücksfall fürs Publikum erwiesen. Auch der zweite „Kingsman“ ist ein Unterhaltungstorpedo mit gewitzten Mainstream-Täuschkörpern. Ein Agenten-Rummelplatz für Freunde des derberen Tonfalls, mit Charme, Esprit und Schmackes. Und auch seinen Bond-Ambitionen hat er bestimmt nicht geschadet. Spätestens nach der auf Ernsthaftigkeit und psychologische Schwere setzenden Craig-Ära drängt sich eine auflockernde Frischzellenkur geradezu auf. In bestenfalls drei Jahren dürfte es soweit sein. Wer, wenn nicht Matthew Vaughn wäre dafür die perfekte Wahl.

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