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04.09.2017

„Pulp and Wave - Berliner Blonde mit Schuss“

Wenn gleich zu Beginn New Orders Über-Clubhit „Blue Monday“ aus den Dolby Atmos-Boxen wummert, dann fläzt sich nicht nur der geneigte Synthpop-Fan wohlig in den Kinosessel. Natürlich hilft eine Affinität zum coolen Elektro-Sound der 80er, aber der unwiderstehlichen Kombination von klaren Beats, grellen Neon-Schriftzügen, wenig zimperlicher Action und einem pulsierenden Berlin kurz vor dem Mauerfall dürften sich auch die Nachgeborenen schnell genüßlich hingeben. Schließlich ist da ja auch noch Charlize Theron, die als stahlblonde und ebenso harte MI6-Agentin den Kalten Krieg in der geteilten Stadt in mehrfacher Hinsicht brandheiß werden lässt.

„Atomic Blonde“ - schon der Titel ist eine Granate - ist ein ultracooles Pulp-Festival abseits  der aseptischen modernen Blockbusterware. Trotz bekannter Stars (Chalize Theron, John McAvoy), eines massenkompatiblen Genres (Agenten-Thriller) und allseits beliebter Zutaten (schießen, prügeln, rasen), wird das Marvelsche Konfektionspublikum schneidig ignoriert.

Regisseur und Ex-Stuntman David Leitch hat schon beim zusammen mit Stunt-Kumpel Chad Stalinski inszenierten Hitman-Brett „Jonn Wick“ gezeigt, dass Kompromisse eher nicht so sein Ding sind. Diese abseits des Independent-Bereichs beinahe verschwundene Attitüde erinnert natürlich frappierend an das knallharte Actionkino der 80er Jahre, als Arnold, Sly und Chuck so gar nicht PC-like auf den meist urbanen Kriegspfad gingen. Da ist es nur konsequent, dass Leitch bei seinem Solo-Regiedebut dieses Jahrzehnt nicht nur thematisch, sondern vor allem audiovisuell in voller Pracht wieder aufleben lässt.

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Ähnlich wie unlängst sein englischer Seelenverwandter Edgar Wright in „Baby Driver“ nutzt Leitch eine Armada  perfekt ausgewählter Popsongs um Stimmung, Tempo und Ton seines Films zu takten. Er erweist sich dabei als wahrer „Pop and Wave“-Connoisseur, den typisch belanglosen Radiopop der 80er Jahre ignoriert er völlig. Vor allem die Wave-Klassiker „Cat People“ (David Bowie), „Under Pressure“ (Bowie und Queen), „I ran“ (A flock of seaugulls) und Depeche Mode´s „Behind the Wheel“ sind ungemein filmisch und eignen sich perfekt um Coolness, Action und Geschwindigkeit zu bebildern. Es spricht zudem unbedingt für Leitch, dass er bei einem rein bundesdeutschen Setting auch die soundverwandten NDW-Größen Nena („99 Luftballons&ldquo ;), Falco („Der Kommissar&ldquo ;) und Peter Schilling („Major Tom&ldquo ;) nicht nur kennt, sondern ebenso prominent in die Filmhandlung integriert.   

Die dreht sich um ein Agentenverwirrspiel zwischen MI6, CIA, und KGB, die alle hinter einer Liste sämtlicher im Westen tätiger, sowjetischer Geheimagenten her sind. Da die Dinge aus Sicht der Westalliierten aus dem Rufer zu laufen drohen, schickt der MI6 seine Top-Agentin Lourraine Broughton (Charlize Theron) nach Berlin, um die inzwischen in Feindeshand befindliche Liste wieder zu beschaffen und gleichzeitig den berüchtigten Doppelagenten Satchel zu enttarnen. Ihr Kontakt vor Ort - Ex-Agent David Percival (James McAvoy)- erweist sich dabei allerdings als wenig hilfreich und ausgesprochen zwielichtig.

Auf inhaltlicher Ebene ist „Atomic Blonde“ also klassischer Spionage-Kintopp. Keiner ist das was er zu sein scheint, jeder ist undurchsichtig, verdächtig und potentiell gefährlich. Anders als bei „John Wick“ ist der Plot kein reines Mittel zum Action-Zweck, sondern zentrales Moment. Trotzdem gibt es eine Reihe knallharter Actionszenen, bei denen Leighs Vorlieben und Stärken deutlich werden. Hier sieht Brutalität auch wirklich brutal aus, jeder Hieb, jeder Faustschlag hinterlässt blutige Spuren. Hier gibt es kein stundenlanges Kloppen von computeranimierten Männchen und Weibchen, bei dem in bewährter Cartoon-Manier alles zu Bruch geht, ohne dass jemand auch nur eine Schramme davon trägt. Hier wird hart geschlagen, scharf geschossen und blutig gestorben. Höhepunkt ist eine mehrminütige Plansequenz in einem herunter gekommene Mietshaus, in dem Broughton sich einer Schar rüder KGB-Killer erwehren muss. Der Zuschauer hat bei diesem famos choreographierten Action-Ballett einen Logenplatz, denn Leitch ist ein erklärter Gegner, der modernen Schnitt- und Kamera-Hibbeligkeit, die ja fast immer in völliger Orientierungslosigkeit endet.

Zur drastischen Gewalt und finsteren Story gesellt sich ein düsterer Look aus diversen Grautönen, kalten Neonfarben und Betonbauten. Das passt nicht nur gut zum Graphic-Novel-Hintergrund, sondern auch zum Wave-Score und der offenkundigen Ausrichtung auf ein erwachseneres Publikum. Obgleich man nicht viel vom Berlin der 80er-Jahre sieht -Gedächntniskirche, Mauer und Alexanderplatz sind immer wieder verwendete Locations -, gibt es eine Vielzahl stimmiger Details (Frisuren, Kleidung, Diskos, Walkmen, Tapes, Telefonzellen), die den Zeitkolorit treffend einfangen.

Das alles wäre natürlich völlig für die Katz, wenn das Casting versagt. Aber auch hier ließ Leitch nicht anbrennen. John Goodman und Toy Jones sorgen für markante Geheimdienstler und James McAvoy rockt bewährt prollig als Antagonisten-Rüpel. Bleibt noch die Titelheldin. Ein Film der so unterschiedliche Elemente wie Pulp, Coolness, Spionage-Thrill,  Action, Zwielichtigkeit und audiovisuelle Stilisierung in sich vereint, bedarf eines starken Protagonisten, der alles zusammen hält. Charlize Theron kann man in dieser Hinsicht nur als perfekte Wahl bezeichnen. Wer kann schon von sich behaupten gleichermaßen verführerisch, intelligent, knallhart und verletzlich zu wirken und dabei ausnahmslos zu überzeugen? Als kühle Blonde mit viel Hirn, enormen Killerinstinkt und auch ein klein wenig Herz steht sie aktuell konkurrenzlos da. Den bockigen Boliden „Atomic Blonde“ steuert sie dementsprechend souverän. Ob 80er-, Pulp- oder Action-Freak, als Sozius macht ihr alle nichts falsch.

Wie singt Dave Gahan so schön und treffend mitten im Film: „Sweet little girl, I prefer, you behind the wheel, and me the passengerDrive, I’m yours to keep, do what you want, I’m going cheap - tonight ...“

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