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22.01.2018

In den magischen Händen der Zeit

Wellness, Porzellan und kulinarische Highlights im Fichtelgebirge

Gut möglich, dass hier die Stunden ein wenig langsamer vergehen als anderswo. Vermutlich ist das Fichtelgebirge also nicht der richtige Ort für Reisende, welche Betriebsamkeit und ein turbulentes Nachtleben schätzen. Bestimmt aber gibt es genügend Menschen, die im Urlaub abschalten möchten von ihrem stressigen Alltag. Die das ganz Besondere im Detail suchen - auch wenn das erst mal ziemlich unspektakulär daherkommt. So wie die kleinen, feinen, grünen Helferlein von Jutta Hecht-Heusinger. Die umtriebige Gastronomin führt zusammen mit ihrem Mann das Wildkräuterhotel Schönblick in Fichtelberg.

800 Meter hoch am Südhang des Ochsenkopfs gelegen, fühlt man sich hier dem fränkischen Himmel ganz besonders nah. „Viele Leute kommen zum Ski fahren oder Wandern hierher“, erzählt Frau Heusinger, während sie zwischen Tresen und Gast hin- und herwandert. In ihrer Küche hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, die gesunden Genüsse früherer Zeiten vor dem Verschwinden zu bewahren. „Die Zubereitung ist aber meistens ganz modern“, wie sie hinzufügt. Dabei kommen so phantasievolle Gerichte wie „mit Bärwurz geräucherter Rehrücken“ oder „Wildkräutercappuccino mit Steckerlbrot“ heraus.

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Gerne erprobt Hecht-Heusinger das Ergebnis an ihrer eigenen Familie. Diese umspannt inzwischen stolze vier Generationen, von Oma Olga über die aktuellen Betreiber Roland und Jutta bis zu den Töchtern und deren Nachwuchs. Als wäre ihr der Trubel rund um Restaurant und dem familieneigenen Hotel nicht genug, ist die Wirtin auch noch 1. Vorsitzende des „essbaren Fichtelgebirges“. Ein seit 2010 bestehender Verein mit inzwischen 17 handverlesenen Mitgliedern – allesamt zertifizierte Wildkräuterköche aus der Region. Denn die bietet den hunrigen Besuchern teils unvergesslich feine Teller. „Schon Jahre vor der Vereinsgründung habe ich immer wieder mit Kräuterfrauen und -pädagoginnen gesprochen. Außerdem mit dem Gartenbau-Architekten Steffen Fleischhauer aus Weihenstephan und dem Koch Jean-Marie Dumaine“, so die Chefin des „Schönblick“. Dabei purzelten eine Menge fast verschollener Kreationen heraus, „die unbedingt bewahrt und weitergegeben werden sollten.“

So wie der Star im „ROGG-IN“, dem pädagogisch-poetischen Roggenmuseum in Weissenstadt. Ganz nebenbei saugt man an diesem liebevoll eingerichteten Ort so ziemlich alles über das Gold aus den Feldern auf. Zum Beispiel, warum Bier seit 500 Jahren nur aus Hopfen, Malz, Hefe und Wasser hergestellt werden darf. Nicht etwa, wie man vermuten könnte, weil der Gesetzgeber die damaligen Verbraucher schützen wollte. Sondern weil Roggen im Mittelalter in so großen Mengen der Alkoholgewinnung zugeführt wurde, dass das Brot knapp wurde. Zack, war das Reinheitsgebot – aus der Not - geboren.

Das „ROGG-IN“ möchte neben geschichtlichen Infos vor allem auch mentale Denkanstöße vermitteln. Etwa mit den Worten Dr. Laura Krainz-Leupoldts vom `Förderverein für Roggenkultur in Weißenstadt´: „In unserer digitalen Zeit entgleitet uns der Lebensrhythmus zusehends. Deshalb ist es erforderlich, dass wir uns ab und zu auf die alten Werte von Einfachheit, Demut, Achtsamkeit und Geduld zurück besinnen.“ Wie sie etwa auch der Bauer braucht, bis aus dem Sämling ein Halm gesprossen ist, dessen Korn geerntet werden kann. Seit Juli 2014 kann man durch die in warmes Gold getauchten Räume des Roggen-Museums streifen und dabei über das Geschenk aus der fränkischen Erde sinnieren.

Gleich nebenan haben die beiden PEMA Concept Stores `Laura´ und `Franz´ ihre Pforten geöffnet. Auch hier bleibt man dem heimischen Boden und seinen Gaben treu. Das Unternehmen bezieht „sein Getreide für die Roggen-Vollkorn-Brote ausschließlich aus der Region“. Nachzulesen ist das im üppigen, rund 300 Seiten umspannenden Band `Lebensart genießen im Fichtelgebirge´, herausgegeben von Oliver van Essenberg. In den betont modern gehaltenen Proben- und Verkaufsgeschäften von PEMA begrüßt der kleine weiße `Pepper´ die Touristen mit metallischem Roboterslang. Langgestreckte Tische ermuntern dazu, eine der frisch an der Theke zubereiteten Köstlichkeiten zu genießen: Alles biologisch, alles frisch. Die heutigen Besitzer der traditionsbewussten Firma, Dr. Laura und Franz H. Leupoldt, fühlen sich dem Fleiß ihrer Vorfahren verpflichtet. In 80 Länder hat es die PEMA- Produktpalette aus Weissenstadt inzwischen geschafft. Ein kerniges Stück Nordostbayern landet also auf sehr vielen nicht-deutschen Tellern.

Weitere hundert Meter weiter die Goethestraße hinunter stößt der Passant auf gänzlich Unerwartetes. Ein wie mit einer schwarz-weißen Lage Marzipan ummanteltes Gebäude schiebt sich ins Blickfeld. So abstrakt, als gehöre es in eine Reihe mit den Kunstwerken, die der Innenbereich verbirgt. Wie beim ROGG-IN und den PEMA-Konzeptstores ging auch der Impuls zum so genannten „Kleinen Museum“ von der charismatischen Unternehmerfrau Dr. Krainz-Leupoldt aus. „Für das Haus auf der Peunt, also auf einer früheren Weidewiese, kaufte sie ein Ex-Postamt. Und ließ es nach den Plänen des Architekten Marcello Morandini umbauen“, wie es an der Kasse des Quaders heißt. Man hatte sich irgendwann im Urlaub getroffen, war ins Gespräch gekommen. Daraus entwickelte sich eine fruchtbare Freundschaft zwischen dem italienischen Professor und der Familie aus dem Fichtelgebirge. Nicht nur außen, auch innen formte die Hand des `abstrakten´ oder auch `konkreten´ Meisters das Leupoldt`sche Kulturprojekt. So versammeln sich in den streng zweifarbig gehaltenen Innenräumen des an ein Stück Konfekt erinnenden „Kleinen Museums“ mehrere Arbeiten von Morandini, der 1940 in Mantua geboren wurde. Hinzu kommen wechselnde Werke internationaler Designer.

Wer jetzt noch nicht genug hat von der Kunst in wechselnden Formen, schiebt vielleicht einen Besuch in Selb oder Hohenberg an der Eger hinterher. Im „Porzellanikon“, das sich auf beide Standorte verteilt, verschwindet der Besucher gewissermaßen tief drin im Bauch der Geschichte. Gleich drei Museen rund um die geheimnisvolle weiße Masse laden in Selb dazu ein, auf einen Entdeckungstrip zu gehen. Europas größte Sammlung dieser Art lässt keine Frage rund um die Produktion oder Vergangenheit dieses Stoffes offen. In Hohenberg hatte die Familie Hutschenreuther bereits 1814 dafür gesorgt, dass das hufeisenförmige Fichtelgebirge zum Zentrum der deutschen Porzellanindustrie avancierte.

Nach so viel Information sollte auch der Körper zu seinem Recht kommen! Erstklassige Möglichkeiten zur Entspannung bietet zum Beispiel das AlexBad in Bad Alexandersbad. Das Design dieses Schmuckstücks frappiert auf den ersten, zweiten und auch noch auf den dritten Blick. So korrespondiert etwa die aufwendig konstruierte Felsenspalten-Architektur im Inneren mit der Härte wie auch dem Durchhaltevermögen der rauen Natur draußen. Hinzu kommt im Innenraum eine Girlande hochwertiger Materialen wie Granit, Eiche oder Kupfer. Sauna und Ruheraum schmiegen sich stilistisch perfekt ein und machen den Aufenthalt zum Erlebnis.         

Über die B303 erreicht man in knapp 20 Minuten den Ort Weißenstadt, dessen Einwohner sich ebenfalls für Kur- und Wellnessanwendungen stark machen. Hier, im geographischen Herzen der Region, checken Erholungsuchende seit Oktober 2016 ins Vier-Ssterne-Hotel des „Siebenquell“ ein. Der wie aus zwei Kreisen bestehende Gesamtkomplex birgt als kleine Überraschung zudem die `GesundZeitReise´: Rund um einen Obelisken thematisieren mehrere Räume die Wellnesspraktiken der Jahrtausende - vom Sandbad aus Ägypten über den Göttervater Zeus zugeschriebenen Jungbrunnen bis hin zum nachgewiesenen Saunaspleen der Römer. Nebenan finden sich 1000 qm zusammen hängende Thermalwasserfläche. Außerdem beherbergt das „Siebenquell“ zwei Außenbecken sowie eine Saunalandschaft. Gut möglich, dass die Stunden bis zum täglichen Badeschluss hier wie im Flug vergehen. “Tempus fugit“: Die Zeit rast. Auch dieses Phänomen findet sich also im ansonsten so entspannt-entschleunigten Fichtelgebirge. 

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