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13.07.2017

Vom Leben auf Pump: Der "Brandner Kaspar" des Münchner Volkstheaters in Oberammergau

Mehr als 300 Mal hat es die Geschichte vom Brandner Kaspar mittlerweile auf die Bretter des Münchner Volkstheaters geschafft. Das Ensemble war mit der Posse sogar an der Copacabana im brasilianischen Rio de Janeiro zu Gast. Und das mit einem Stück, welches bereits Ende des 19. Jahrhunderts vom deutschen Mineralogen und Schriftsteller Franz von Kobell verfasst worden ist. Die „Gschicht vom Brandner Kaspar“ erschien erstmals 1871 in den „Fliegenden Blättern". Kobells Ururgroßneffe Kurt Wilhelm verabreichte der Saga schließlich 1975 einen moderneren Anstrich sowie einige nette zusätzliche Details. Die waren wohl so überzeugend, dass die volkstümlichen Szenen alsbald ihren Siegeszug über die bayerischen Bühnen antraten. Dreimal brachte es der Stoff außerdem zu einer Verfilmung; übrigens ist die Story ebenso eingängig wie leichthin erzählt: Neben den beiden Hauptpersonen spielen der Wald, das (voreilige) Schießen sowie eine geklaute Flasche Kerschgeist tragende Rollen.

Kaum dass dieser 72 Jahre alt geworden ist – kein Alter für ein bayerisches Mannsbild -, sucht der Boandlkramer den Schlosser und verwitweten Kleinbauern Kaspar Brandner (Alexander Duda) auf. Als Teilnehmer bei einer Jagd streift ihn ein Schuss. Doch der Versuch des personifizierten Tods, den Alten mit sich ins Jenseits zu nehmen, schlägt fehl. Brandner wird verbunden und erfreut sich weiterhin seines Daseins. Als er glücklich in seine bescheidene Behausung zurück gekehrt ist, tritt plötzlich mit viel Rauch und Brimborium der Boandlkramer (Maximilian Brückner) durch die Türe. Ein zweites Mal will er den Kleinbauern nicht von seiner Liste der abzuberufenden Erdlinge entkommen lassen. Doch Brandner weigert sich ganz entschieden und versucht mit einer Reihe von Tricks, den unerwünschten Besucher wieder loszuwerden. Als alles nichts hilft, schenkt er seinem schwarz gewandeten Besucher so lange „Kerschgeist“ nach, bis dessen Arbeitsmoral erlahmt ist. Schwankend beschließt der Boandlkramer, für dieses Mal seinen „Job Job“ und „Schnaps Schnaps“ sein zu lassen.

Argwöhnisch belauert vom trinkfesten Bayern, jammert der Boandl über sein bei den Menschen extrem schlechtes Image. Brandner, ein echtes Schlitzohr, überredet seinen Gast daraufhin zu einem "fairen" Kartenspiel: Gewinnt der jenseitige Besucher, so darf er ihn mitschleppen in die Ewigkeit. Und falls er selbst gewinnt, erbittet sich der Kaspar weitere 18 Lebensjahre. Natürlich entscheidet er das anschließende Stechen an seinem heimischen Esszimmertisch für sich. Denn dem Tod fallen in seinem Suff etliche Karten herunter. Für Brandner ist es daher ein leichtes, den "Gras Ober" an sich zu nehmen und im passenden Augenblick elegant auszuspielen. Ebenso wütend wie verwirrt muss der klapperdürre Boandlkramer seiner Wege ziehen.

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Als Kaspar schließlich 75 Jahre alt geworden ist, versammelt sich eine große Festgesellschaft zu seinen Ehren. Doch die Freude des zu bescheidenem Wohlstand gekommenen Seniors währt nicht allzu lange: Marei, seine geliebte Enkelin, ist in eine Schlucht gestürzt und steht im Himmelstor. Nun erst erfährt der heilige Petrus (Peter Mitterrutzner), dass ein Irdischer, der eigentlich längst in der Reihe der Verblichenen hätte stehen sollen, sich statt dessen weiterhin bester Gesundheit erfreut. In heiligem Zorn verdonnert der sogenannte "Portner" den Boandlkramer dazu, das Versäumte schleunigst nachzuholen.

Der schleicht denn auch geknickt zum Haus des Kaspar. Er bringt den Überfälligen dazu, ihm für eine einzige Stunde ins Paradies zu folgen. Vielleicht, so die Hoffnung des Tods, kann ihm der Anblick seiner verstorbenen Verwandten die Skepsis vor dem Jenseits nehmen. Und tatsächlich: Brandner ist entzückt, als er seine Frau, die Eltern sowie Marei wieder sieht; dem transzendentalen Dasein ist er jetzt nicht mehr abgeneigt. Beinahe wird dem Bayern allerdings das Gericht zum Verhängnis, welches die Instanzen im Himmel über seine Erdentaten abhalten. Kaspar ist schon bereit, für seine Sünden im Fegefeuer zu büßen, als die Trinität selbst eingreift. Der liebe Gott hat über die Kartenspiel-List nämlich so sehr gelacht, dass es dem Neuzugang gestattet wird, sofort ins Paradies einzutreten.

Das Münchner Volkstheater gibt den altbairischen Stoff wie immer mit viel Liebe und Herzblut. Herausgeholt wird, was die Vorlage ermöglicht. Übertreibungen sind dabei natürlich Programm: Der Boandlkramer erscheint in dieser Version wie ein überdrehter Langzeit-Student, der nicht so recht weiß wohin mit sich und seinem Auftrag. Die witzigen Stellen im Text wurden pointiert in Szene gesetzt, und das Publikum in Oberammergau dankte für das Gastspiel mit längerem Applaus. Von den Schauspielern ist vor allem Ursula Maria Burkhart herauszuheben, die den Charakter der von ihr verkörperten (Neben-)Figuren - der Bäuerin Theres sowie der Traudl - mit besonderem Talent herausarbeitet. Dass die Darsteller das Theaterstück rund um das ewige Leben schon so lange aufführen, sollte man nicht meinen. Schließlich spulen sie den "Brandner" nicht einfach irgendwie ab, sondern erwecken mit viel Verve ein Stück heimatlicher Kultur zu neuem Leben.

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