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03.07.2014

Aufbruch in die Vergangenheit

Probleme, Lösungen und ihre Widersprüche

Gestern Abend fand eine zweite Gelegenheit für die Augsburger statt, ihre Meinungen und praktischen Anregungen zur Fahrradstadt auf einer städtischen Veranstaltung einzubringen. Der Workshop im Haus St. Ulrich bediente die Themen Kommunikation und Information, Infrastruktur aber auch Service. Hier konnte man seine eigenen Ansichten und Gedanken einbringen. Zu Beginn wurden u. A. auch die Ergebnisse der im April durchgeführten Umfrage der Stadt Augsburg zum Thema Radverkehr präsentiert (erst nach Klicken auf "Umfrage zum Projekt Fahrradstadt 2020: Erste Ergebnisse" sichtbar), um daran benannte Probleme aber auch gute Dinge aufzuzeigen. Ich hatte mir diese Umfrage bereits im Vorhinein selbst mal angesehen und möchte hier mal ein paar Werte (so weit sie sich aus den Balken ablesen ließen) und Aussagen daraus unter die Lupe nehmen. Denn es lassen sich bestimmte Dinge darin erkennen, die Fragen aufwerfen und in Richtungen zeigen, die man momentan anscheinend nicht sehen will.

Am häufigsten genannten Probleme sind:

  • Konflikt mit Kfz (16,14 %)

  • Abbiegen (9,21 %)

  • Oberfläche (8,64 %)

  • Keine Radverkehrsanlage (7,93 %)

  • Engstelle (7,71 %)

Anscheinend nehmen fehlende Radwege keine wirklich herausragende Stellung unter den Problemen ein. Eher scheint es ein Problem im sozialen Bereich zu geben: Zum Einen gibt es wohl relativ oft Probleme mit KFZ-Fahrern, zum Anderen wird festgestellt: "Augsburgern macht Radfahren grundsätzlich Spaß, obwohl sie sich als Verkehrsteilnehmer nicht akzeptiert fühlen.". Naja, kein Wunder, wenn man so sieht, wie mit Radfahrern oft umgegangen wird, nicht zuletzt von Seiten der Planer und anordnenden Verwaltungsmitarbeitern, aber eben auch von Seiten der motorisierten Verkehrsteilnehmer.

Auf Aussage 6 ("In Augsburg lassen sich die Radwege sicher und zügig befahren" ) sind ca. 66% eher schlecht zu Sprechen (im Folgenden sind die betrachteten Zahlen jeweils die Punkte der negativen bzw. positiven Hälfte zusammen gerechnet). Die Leute merken also offensichtlich, dass es da ein Problem mit Radwegen gibt. Auch wenn es ums Schneeräumen (Frage 9, 66%) oder Radwegparker geht (Frage 17, 70%) scheint man alles andere als zufrieden zu sein. Dazu kommt noch, dass 77% offenbar bei Frage 7 ("Als Radfahrer/in in Augsburg fühle ich mich an Einmündungen und Kreuzungen sicher und werde von Autofahrer/innen gut berücksichtigt." ) klar und deutlich Schwierigkeiten vermelden. Wenn man jetzt weiß, dass  insbesondere auf Radwegen die Sicherheitsproblematik an Kreuzungen und Einmündungen aus rein mechanisch-geometrischen Gründen von alleine verschärft wird, passt das wieder gut zur Frage 6. Entweder ich fahre zügig, muss aber damit rechnen bei nächster Gelegenheit von einem Rechtsabbieger abgeschossen zu werden. Oder aber ich fahre so auf Radwegen, dass ich sicher bin, muss dann aber natürlich alle paar Meter vorsorglich abbremsen, was die Zügigkeit eher verhindert. So macht Fahren niemandem Spaß. Also wenn man so will, ist man mit dem, was man die letzten 30 Jahre so gemacht hat (allen voran Streifen auf den Boden Malen und Radfahrer auf Gehwege schicken) eher nicht so sehr zufrieden.

Lustig finde ich aber dann auf der anderen Seite die Reaktionen auf die Frage wo die Stadt mehr investieren sollte, wonach z. B. 95% gerne noch mehr Radwege haben wollen, bzw. 85% mehr Geld für die Instandhaltung selbiger ausgegeben wissen wollen. Zusätzlich geben 91% (laut dem Graphen auf Bild 7 von 8) an, bessere Radverkehrsführung an Kreuzungen haben zu wollen. (Wobei der Großteil unter "Radverkehrsführung" bei dieser Antwort wohl zu aller erst Radwege versteht.) Das finde ich witzig, denn wenn man sich ansieht, dass 77% sich auf Radwegen eher unsicher fühlen, aber 95% noch mehr davon haben wollen, muss die Schnittmenge daraus relativ groß sein: Rein Rechnerisch wäre die kleinste Schnittmenge 72%, bzw. der Maximalüberlapp bei 77%. Also wie man es drehen und wenden will, ein Großteil (~3/4) hat offenbar nichts aus seinen eigenen Erfahrungen mit diesem Konstrukt gelernt, sondern will seine Probleme weiterhin auf diese Weise "gelöst" sehen. Obwohl sie wissen, dass es dort problematisch zu geht, wollen sie, dass weiterhin in diese Richtung gegangen wird. Und das, obwohl ein eher kleiner Teil der genannten Probleme tatsächlich auf fehlende Radwege zurückgeführt wird. Eher noch geht es um Probleme mit KFZ-Fahrern. Man geht also eigentlich auf den selben Irrwegen an der Ursache vorbei und wünscht sich genau das, was seit 30 Jahren offensichtlich nicht funktioniert: Mit mehr Radwegen für mehr Zufriedenheit bei Radfahrern sorgen.

In den Workshops festigt sich dieses Bild

Wenn man das aber mal als Ausgangspunkt für den Workshop nimmt, beginnen gewisse Dinge plötzlich eine gewisse Logik zu haben. Was mir im Workshop "Infrastruktur" nämlich sofort aufgefallen ist, war die thematische Ausrichtung. Dort wurde z. B. gar nicht erst gefragt, ob die Leute Separation für notwendig erachten. Man ging einfach mal davon aus, dass jeder das so haben will. Man konnte sich sozusagen in allen Farben und Geschmacksrichtungen aussuchen, wie man weg separiert werden will. Aber ob man überhaupt Wert auf künstliche Sonderbehandlungen legt (die dann im Alltag doch immer daneben gehen), diese Frage stand überhaupt nicht zur Debatte.

Und das, obwohl auch dem Planungsbüro Kaulen eigentlich klar ist, dass die Separation ihre Nachteile mit sich bringt. Dazu gab es nämlich auch eine Stellwand, auf der diverse Alternativen zu sehen waren, die aber offenbar während der Planungen so gut wie gar nicht beachtet wurden. Auf einer weiteren Stellwand konnte man nämlich ebenfalls bewundern, was die bisherigen Ideen sind, wo man Radwege bzw. ihre verschiedenen Ausprägungen so brauchen könnte. Dieser Plan lag bereits in einem anderen Workshop aus, der einige Tage vorher in einem kleineren Rahmen stattfand. Und interessant war hier vor allem, dass ein sehr großer Teil dieser Strecken eigentlich bereits seine Sonderwege hat, wo sich also wenig bis gar nichts ändern wird.

Die Notwendigkeit und Form neuer Lösungsansätze ist eigentlich sichtbar

Kurz gesagt: Es fällt eigentlich schwer, noch viele (sinnvolle!) Gelegenheiten zu finden, wo man noch mehr Sonderwege anlegen könnte. Der Umstand, dass man trotzdem ausgerechnet hauptsächlich darauf hinaus will, macht irgendwie den Eindruck, dass gar nicht auf eine wirkliche Änderung der bisherigen problembehafteten Mechanismen abgezielt wird bzw. dass die angedachten Änderungen eher mager ausfallen werden, wenn es um die Infrastruktur geht. Ich bin zumindest überzeugt, dass man mit dieser Philosophie erstens viel zu wenig sinnvolle Betätigungsfelder finden wird. Zum Anderen werden die wenigen verbleibenden Möglichkeiten nicht viel ändern. Zumindest wenn man weiterhin in den alten Schablonen denkt und agiert. Aber man hat dann eben einfache "Lösungen" parat, die man auch gut vorzeigen kann.

Andererseits kommen aber noch die weiteren Infos aus der Umfrage zum Tragen, z. B. Frage 22 ("Auch für die täglichen Wege mit dem Rad gibt es angenehme Verbindungen abseits von Hauptverkehrsstraßen." ): Schon sinds nur noch 45% die da Probleme sehen (verglichen mit 77% auf Radwegen). Interessant, dass die Leute im Schnitt der Meinung sind, dass Nebenstraßen eher gut funktionieren, als Radwege. Zum Thema Fahrradstraßen sind 76% der Meinung, dass die Stadt da mehr investieren sollte (Bild 7 von 8). Klingt für mich danach, dass die Leute eigentlich eher eine andere Sache als Radwege wollen: Beim Fahren in Ruhe gelassen werden, sei es jetzt vom Lärm oder von Schwierigkeiten, die so mancher mit KFZ-Fahrern oder problematischer Infrastruktur hat. Radwege sind dafür aber eigentlich nicht dringend notwendig, insbesondere wenn die Akzeptanz für den Radverkehr besser werden soll.

Umso interessanter war dann z. B. die Erkenntnis unter den Anwesenden im Workshop, dass man an der Augsburger Straße eigentlich wenig in dieser Richtung bewegen kann, einfach weil äußere Zwänge (z. B. die Notwendigkeit für eine Straßenbahnlinie und die verfügbare Straßenbreite) die üblichen Lösungen ausschließen. Dafür hat man schnell erkannt: Man könnte genauso gut parallel zur Augsburger Straße Möglichkeiten schaffen, in Ruhe zu fahren. Und da ging es komischerweise nicht vorrangig um Radwege, sondern z. B. um Fahrradstraßen, bzw. auch um die grundsätzliche Aussage, dass man auch jetzt bereits gut dort fahren kann, obwohl es keine Sonderwege gibt. Selbst die Radfahrer sehen also, dass es auch anders gehen kann. Und da dürfte der geringste Teil als Planer in irgendwelchen Amtsstuben oder Planungsbüros arbeiten. Alternativen sind also offenbar mit etwas Nachdenken leicht erkennbar, nur wird dieses Wissen offenbar nicht genutzt, bzw. zu wenig ausprobiert. Aus diesem Grund sollte man dann auch die Umfrageergebnisse von oben mit Vorsicht genießen, denn während so ein Umfragebogen ausgefüllt wird, denkt keiner über Konzepte zur Änderung nach, sondern über den Ist-Zustand bzw. das was man gewöhnt ist. Visionen kommen dabei selten raus.

Andere sind weiter

An dieser Stelle fragt man sich natürlich, wo genau man das Problem der Akzeptanz denn dann angehen könnte. Eine eher banale Antwort könnte lauten: Bei denen, die Radfahrer nicht akzeptieren wollen und bei den Mechanismen, die Ablehnung weiterhin aufrechterhalten bzw. begünstigen. Dazu gehört auch, dass man jene mit der Tatsache konfrontiert, dass Radverkehr eben nicht in irgend einer Weise minderwertig ist oder weniger wichtig wäre. Radverkehr ist genau gleich wichtig wie jeder andere Verkehr. Dementsprechend sollte man ihm auch dieselben Prioritäten und Möglichkeiten einräumen. Z. B. indem er genau dort erlaubt wird, wo es nachweislich am sichersten ist. Auch wenn das im Einzelfall mal bedeuten kann, dass es für jemandem mit dem Auto nicht so schnell voran geht, wie er es sich evtl. gerade wünscht. Anders rum haben Autofahrer ja offenbar auch keine Hemmungen täglich während der Rush-Hour sich gegenseitig im Weg zu stehen. Da akzeptiert man dann sogar Rumstehen, während man langsamer Fahren bei anderen so gar nicht akzeptieren will. Es geht also, es ist nur eine Frage der Einstellung.

In diesem Zusammenhang finde ich z. B. die Stadt Herford bemerkenswert. Die Verkehrsplaner dort haben sich die Ergebnisse der Unfallforschung zu Herzen genommen und konsequenterweise verfügt, dass im gesamten Stadtgebiet nahezu alle Benutzungspflichten für Radwege aufgehoben werden. Das ist nicht nur aus rechtlicher Sicht schon seit 16 Jahren überfällig. Diese Maßnahme eröffnet auch die Möglichkeit, dass sich Radfahrer wieder ihren Platz in der Mitte des Verkehrsgeschehens erobern können. Momentan läuft die Sache leider meistens immer noch so, dass man sich an den Rand und in Gefahr gedrängt auch noch anhören muss, dass man dann halt an Kreuzungen mehr aufpassen und im Zweifelsfalle zurückstecken soll. Akzeptanz sieht anders aus. Wer so etwas ernsthaft vertritt, darf sich nicht wundern, wenn ein Radfahrer sich nicht mehr für voll genommen fühlt bzw. ein Autofahrer ganz sicher nicht aufs Rad umsteigt. In einer Gesellschaft, die ernsthaft den Radverkehr fördern möchte, haben solche Haltungen einfach keinen Platz. Genau daran sollte man arbeiten. Die Stadt Herford gibt den Autofahrern daher noch ein paar Punkte mit auf den Weg:

  • Radfahrer, die von ihrem Recht Gebrauch machen, auf der Fahrbahn zu fahren, dürfen nicht durch Hupen dazu gedrängt werden, den Radweg zu benutzen. Dies ist nicht nur unhöflich sondern nach §16 StVO auch verboten und kann mit einem Bußgeld geahndet werden.
  • Beim Überholen der Radfahrer muss ein ausreichender Sicherheitsabstand (mindestens 1,50m) eingehalten werden.
  • Falls Sie sich über Radfahrer ärgern, die vor Ihnen fahren, denken Sie daran: Jeder Radfahrer, der nicht mit seinem Auto fährt, verkürzt den Stau vor der nächsten Ampel!

Wenn man sich die ersten beiden Punkte ansieht, merkt man schon, woher im Alltag oftmals tatsächlich der Wind weht und warum die Leute sich lieber auf unsichere Radwege verdrücken: Man hat einfach keine Lust auf absichtliche Belästigungen und Gefährdungen durch ein paar selbsternannte "Chefs der Straße" oder andere Chaoten. Und genau dieser Punkt ist es wohl, warum auch viele Leute lieber das Rad stehen lassen: In so ein Knäuel aus sozialen Problemen, in dem man ständig in die Defensive gedrängt wird, begibt man sich eher ungern. Da muss man gewissermaßen schon hart im Nehmen sein oder aus anderen guten Gründen weiter machen wollen.

Wenn man sich allerdings die bisherigen Bemühungen der Stadt Augsburg ansieht, kommt man eher zum Schluss, dass an diesem Punkt scheinbar wenig Bedarf gesehen wird. Man will angeblich etwas ändern um bei 25% Modalsplitanteil des Radverkehrs bis 2020 anzukommen, aber eigentlich wird genau so weiter gemacht wie man die letzten Jahrzehnte auch agiert hat. Dabei hätte man schon vorher sagen können, dass es wenig Sinn hat, genau so weiter zu machen, wie bisher. Sonst hätte man mit diesen Methoden die angestrebten Erfolge ja schon viel früher eingefahren. Die Quintessenz ist also: Es müssen neue Ideen her, wenn man eine andere Situation herstellen möchte. Da sind mehr Abstellanlagen sicher auch ein Mittel und man kann auch bestimmt über Mitnahme von Rädern in Straßenbahnen diskutieren. Aber solange man mit dem Rad fahrend nicht feststellen kann, dass sich etwas zum Besseren verändert (weil sich nichts grundlegendes verändert), wird der Augsburger bestimmt nicht plötzlich das Auto stehen lassen. Dann verändert sich dort ebenfalls nichts. Ein Aufbruch in die Vergangenheit ist eben keiner.

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