1. Startseite
  2. Community
  3. Leserblogs
  4. 7Saturn
  5. Geisterfahren, sponsored by: Ihre lokale Straßenverkehrsbehörde

27.09.2013

Geisterfahren, sponsored by: Ihre lokale Straßenverkehrsbehörde

In meinem letzten Artikel hab ich ja schon einmal ein bisschen auf die Problematiken hingewiesen, die unsere Straßenverkehrsbehörde gerne mal provoziert, wenn sie Beschilderungen anordnet und vollziehen lässt. Oftmals ist man sich offenbar so überhaupt nicht über die Konsequenzen der eigenen Handlungen im Klaren. Heute möchte ich mal auf ein besonderes Glanzstück hinweisen, weil es auch so ein Fall von Inkonsequenz ist, der im Zweifel Leben kostet, bzw. Verhaltensweisen fördert, die gefährlich sind.

Es passiert täglich an vielen Stellen

Wir alle haben sie schon erlebt und den meisten gehen sie dabei recht ordentlich auf den Keks: Geisterfahrer. Während sie auf Deutschlands Autobahnen und sonstigen KFZ-befahrbaren Strecken eher selten sind (und wenn, dann gehts aber mal ordentlich rund für die Personen die das tun), sind sie auf Rad- und Gehwegen eher nicht so selten. Im Gegenteil, es gibt in Augsburg diverse Geisterfahrer-Stammstrecken. Dass Geisterfahrerei nicht nur mit KFZ gefährlicher Unfug ist, sondern eben auch mit unmotorisierten Fahrzeugen, sollte dabei eigentlich klar sein. In letzter Zeit waren sogar zwei Unfälle in der Lokalpresse bei denen es einige Radfahrer ziemlich heftig erwischt hat:

Blutiger Zusammenstoß: Geisterradler in der Innenstadt

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Mann nach Geisterradler-Unfall schwer verletzt

Gerade die Strecke, auf der der letztgenannte Unfall passierte, ist einer von regelrechten Geisterfahrer-Highways. Wer das mal selbst erleben möchte, muss nur unterm Semester, vorzugsweise nach dem Ende der 8:15-Uhr-Vorlesung, also zwischen 9:45 Uhr und 10:30 Uhr dort Richtung Uni durch fahren. Nicht selten kommen einem dann gleich mehrere Geisterfahrer im Pulk entgegen, im Sommer kann man aber fast sicher sein, auf welche zu treffen. Das sind dann Leute aus allen Alters-Schichten, beiden Geschlechts mit unterschiedlichstem Fahrstil. Eine bunte Mischung, quasi von allem was dabei. Über mögliche Gründe hab ich mich in diesem Artikel ja schon ein mal ausgelassen. Die näheren Umstände, wie man sowas gerade von Seiten der Behörden durchaus auch provozieren kann, bzw. wie unsinnig und planlos die Anordnungen oftmals in Augsburg sind, kann man aber an einem von mir erst kürzlich entdecken Beispiel sehr schön aufzeigen.

Die Straßenverkehrsbehörden helfen kräftig mit, dass das so bleibt

Es geht um diesen Streckenabschnitt auf dem alten Postweg. Von der Uni kommend fahren dort sehr viele Leute auf der falschen Straßenseite, also in nördlicher Richtung links. (Und nur ums klarzustellen: es geht hier nicht explizit um Studenten. Die Geisterfahrer mögen vielleicht im Uni-Gebiet zu einem größeren Teil aus Studenten bestehen, aber das liegt eben an der Nähe zur Uni. Es sind auch alle anderen Personenkreise vertreten und ohne Uni wäre die Mischung sicher sehr viel weniger studentenlastig, also nichts für ungut.) Jetzt könnte man ja meinen, dass das pauschal einfach nur dämlich ist und (weil ja verboten) streng geahndet gehört. Theoretisch auch ganz richtig.

Nur hat man da die Rechnung ohne den Wirt (oder besser: die StVB) gemacht. Im Bereich direkt an der Uni gibt es auf dem südwestlichen Bogen an den Parkplätzen einen wunderschönen Zweirichtungsradweg, auf dem man zum Falschfahren verpflichtet wird. Sehr witzig, wenn man denkt, dass ein paar Meter weiter genau jener Radweg ist, auf dem es vor einigen Wochen erst gekracht hat. Dort ists dann nämlich wieder verboten links zu fahren (was aber wie gesagt doch viel zu viele machen). Genauso läuft das aber auch, wenn man am alten Postweg aus der Uni raus fährt. Ein paar Meter weiter nach Norden gibt es nämlich ein ähnliches Konstrukt mit besonderem Highlight. Erst wird man per Schild nach links gejagt:

Um dann wenige Meter weiter blöd dazustehen, weil dann der angeordnete reine Gehweg los geht:

Man könnte sich jetzt schon fragen was das soll, aber das ist nur der Auftakt. Auf Höhe der Straßenbahnabzweigung für die Linie 9 zur Messe hin steht ein VZ 240, gemeinsamer Geh- und Radweg und verpflichtet an dieser Stelle links zu fahren:

Weiter nördlich steht dann bei Beginn des getrennten Geh- und Radwegs ein entsprechendes Schild, was einen dort auch wieder verpflichten soll, links zu fahren:

Und auch hier, an der FOS gibt man sich alle Mühe, Radfahrer bloß irgendwie von der Fahrbahn abzuhalten, auch wenn sie dann genau jenes gefährliche Verhalten an den Tag legen, was jeden fünften Radfahrerunfall verursacht:

An der nächsten Stelle, an der die Benutzungspflicht (sofern man denn daran fest hält) wiederholt angezeigt werden müsste, der Von-Paseval-Straße, passiert eben genau das aber nicht: Es ist kein Blauschild mehr angebracht, das einen dazu verpflichten soll, dort zu fahren. Es gibt nicht mal mehr eine linksseitige Freigabe, sodass man dort auf ein mal wieder nicht mal mehr links fahren darf, so wie kurz nach der Uni. Warum das so ist? Keine Ahnung, fragen Sie die StVB mal. Man spekuliert vermutlich, dass Radfahrer die von der Messe her den Geh- und Radweg neben den Schienen benutzen, doch unbedingt ein Wegelchen bräuchten, auf dem sie möglichst weit weg vom KFZ-Verkehr fahren sollen. Warum genau man dann keine Querung dafür an der Abfahrt vorgesehen hat, mit der man auf die richtige Straßenseite kommt und stattdessen Geisterfahren zwangsverordnen will, bleibt wohl ein Geheimnis der Planer.

Die interessante Frage ist dann aber wieder am Endes der Zweirichtungs-Anordnung, wie genau jetzt ein Radfahrer den Radweg auf der anderen Straßenseite fahrend erreichen soll. Mal eben über den Gehweg rüber auf die andere Straßenseite ist schon sehr gut durchdacht. Ist bestimmt viel sicherer als eine anständig gestaltete Furt weiter vorne... Zumal der Radweg dazu ohnehin zu spät endet, nämlich nach der Furt.

Es schießt mal wieder einiges ins Kraut

Die Benutzungspflicht-Schilder auf beiden Straßenseiten sind insofern ganz witzig, weil man gar nicht beiden Benutzungspflichten gleichzeitig nachkommen kann. Das führt sie eigentlich beide ad absurdum, weil man Unmöglichem eben nicht nachkommen muss, auch nicht versuchsweise. Hier ist einem also genau genommen freigestellt, wo man fahren will. So "geplant" ist das aber ganz sicher nicht, sonst hätte man linksseitig Freigaben angeordnet und rechtsseitig nur die Streifchen auf den Boden gemalt. Es ist zwar schon daneben genug, dass hier offenbar irgendwas zusammengewürfelt wird, aber es geht mir an dieser Stelle auch darum, was genau man dem Radfahrer eigentlich anschaffen will und das ist wohl links fahren, bloß um Gottes willen nicht das machen, was der Normalfall in der StVO ist (die Fahrbahn auf der rechten Straßenseite benutzen, wie alle anderen auch). Was dabei raus kommt, wenn man das Separationsdogma durchdrückt, haben wir ja leider erst wieder feststellen dürfen. Der Knaller kommt aber erst. Es gibt ja auch andere Behörden, die zuweilen Schilder aufhängen bzw. auf den Verkehr einzuwirken versuchen. Auf Höhe der Berufschule steht dann ein Schild, wie es auch auf der Friedrich-Ebert-Straße aufgehängt wurde:

Ein Schild, dass einen dazu bewegen soll, die Geisterfahrerei zu unterlassen, aufgestellt von unserer Polizei, die zu Recht ein Problem in Geisterfahrern sieht. Da muss ich jetzt aber schon mal sehr blöd fragen: Was soll das ganze eigentlich? Die einen verpflichten Radfahrer zum Falschfahren, die anderen wollen es einem verbieten. Wieso dieser totale Verhau, aus dem ein normal denkender Mensch kein sinnvolles Muster abzuleiten vermag? Wieso diese offenkundige Widersprüchlichkeit? Erst links fahren verlangen, dann verbieten, dann ein paar Meter weiter wird man wieder dazu zwangsverdonnert falsch zu fahren und wieder ein paar Meter weiter soll man dann, über Gehwege drüber, die Straßenseite wechseln, weil die vorher angeordnete Geisterfahrerei auf ein mal nicht mehr OK ist. Man stellt sogar noch Warnschilder auf, dass das Geisterfahren gefährlich und verboten ist. Nur dass wir uns nicht falsch verstehen: Ich halte Geisterfahrerei auch für eines der größeren Probleme beim Radverkehr. Immerhin gingen in den letzten Jahren regelmäßig 20% und mehr der Unfälle von Radfahrern aufs Konto von Geisterfahrerei. Aber irgendwie ist das offenbar in unserer StVB noch nicht so ganz angekommen, sonst würde man solchen Unfug nicht auch noch vorschreiben. Zumindest treibt man solchen Schabernack nicht bzw. ausgesprochen selten mit KFZ-Fahrern.

Wer bei seinen Anordnungen und Konzepten schon keine Regeln erkennen lässt, sollte vielleicht nicht ausgerechnet deren Einhaltung verlangen

Genau unter dem Aspekt finde ich es schon mehr als zynisch, wenn regelmäßig Radfahrer an verschiedener Stelle zum Geisterfahren verpflichtet werden und dann auf anderen Strecken(teilen) auf ein mal bei Strafe nicht mehr links fahren dürfen. Man hängt ja sogar Schilder gegen das Linksfahren auf aber 400 m vorher wars noch verpflichtend. Wem kommt da nicht die Frage in den Sinn, wieso man solchen Käse bastelt? Wie erklärt man das einem normalen Menschen, der mit seinem Rad dort fährt, was das soll? Der Kritischere fragt sich dann natürlich (u. A. aus Unkenntnis der realen Gefahrenlage zum Thema Geisterfahrerei), warum er dann nicht gleich auf der Seite fahren kann, auf welcher er das gerade für sich am sinnvollsten hält. Und dann meckere man noch ein mal darüber, dass das so viele machen. Mit so einem Chaos kann man die Leute auch zum Geisterfahren erziehen. Angesichts der Tatsache, dass man offenbar kein Konzept irgend einer Art an dieser Stelle umgesetzt hat, sondern bestenfalls unverständlichen Symptompfusch betreibt, dürfte es auch keinen mehr wundern, dass dort der Geisterfahreranteil recht hoch ist. Die Verziehung wirkt.

Immerhin sorgt der Verhau für Möglichkeiten, sich diesem Irrsinn zu entziehen

Ich für meinen Teil fahre dort grundsätzlich nicht mehr auf den Radwegen, weil ich nicht masochistisch veranlagt bin und lebensmüde schon gar nicht. Weder hab ich Lust auf Plattfüße, frei Haus geliefert von den Glascontainer weiter nördlich (Ecke Dr.-Lagei-Straße), noch hab ich Lust mich von Autofahrern vom Radweg schießen zu lassen oder zwischen Autos und Bordsteinkante eingezwängt vielleicht einen Meter Platz zum Fahren zu haben und ganz bestimmt hab ich auch keine Lust, mich ständig in die Konfliktzone vor der Berufschule zu begeben (auf Radwegen die man kaum mehr als solche erkennen kann, steht man als Fußgänger noch viel besser, als wenn man den Streifen noch sehen und damit explizit ignorieren muss) oder eben ständig mit Geisterfahrern konfrontiert zu werden. Ja, das passiert alles auf den lumpigen 2 km, die der alte Postweg lang ist. Sowas lehne ich einfach ab.

Und wer jetzt ruft, "Darfste aber nicht!", sollte sich nochmal überlegen, wo genau denn da noch Benutzungspflichten sind, die befolgt werden müssen, wenn die gesamte Straße verkehrsrechtlich so sehr verpfuscht wurde, sodass kaum eine Anordnung noch rechtlich das bewirkt, was man eigentlich mal damit bezwecken wollte. Weder ist gleichzeitiges Befahren von linkem und rechtem Radweg meine Verpflichtung, noch muss ich auf eigenständigen Wegen fahren (siehe auch mein letzter Blog-Eintrag ).

Das geht aber doch wohl besser

Es wäre aber alles in allem sehr wünschenswert, wenn da mal jemand mit Hirnschmalz und unter Beachtung der rechtlichen Rahmenbedingungen her ginge und die Anordnungen korrigiert oder noch besser, ein sinnvolles Konzept entwickelt, vorzugsweise ohne dabei Gesetze und Verordnungen unterschiedlicher Art zu missachten. So viel kann man von einer Behörde schon verlangen, die anderen vorschreiben soll/will, wie sie sich korrekterweise zu verhalten haben und die mit Aufgaben der Verkehrssicherungspflicht betraut ist.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Auch am kritischsten Punkt weiterhin Fahrbahnverbot

Das kann die Fahrradstadt doch besser?

ad__pluspaket@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Die schnellsten Lokalnachrichten - live, aktuell und multimedial.
Alle Online-Inhalte auf allen Endgeräten zu jeder Zeit, mtl. kündbar.
Damit sind Sie daheim und im Büro immer auf dem Laufenden.

Plus+ Paket ansehen