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17.04.2013

Wie man sich „Ramboradler“ selbst züchtet und wie man sie wieder los wird

Der eine oder andere hats vielleicht schon bemerkt: Es ist wieder „Saison“. Gut, für mich nicht, weil ich sowas nicht kenne, aber vielen andere Verkehrsteilnehmern ist der Winter zu kalt zum Radfahren, also wird nur im Sommer Rad gefahren. Man merkts aber auch an den Artikeln der Presse, die wieder zunehmend den Radfahrer an sich zum Thema haben. Ich für meinen Teil bin auch gespannt, obs dieses Jahr wieder einen Platz für den Begriff „Ramboradler“  oder einen sinnverwandten Begriff in der AZ geben wird, aber ich lasse mich gerne überraschen. Aber es stellt sich dem aufgeklärten Verkehrsteilnehmer schon die Frage: Gibt’s den wirklich? Und wenn ja, wie oft gibt’s den? Und vor allem: Warum gibt’s den? Das sind alles sicherlich ganz sinnvolle Fragen, zielen sie doch auf ein Problem ab, dass insbesondere gerne von lokalen Blättern aber sogar von Bundesverkehrsministern angeprangert wird, aber eben auch zuweilen am eigenen Leib erlebt wird.

Wirklich?

Gibt’s den „Rambo-Radler“ wirklich? Die Antwort muss da leider lauten: Ja. Gibt es. Genauso wie es Leute gibt die mit einem Motorrad nicht sozialverträglich umgehen oder mit einem Auto. Solche Menschen gibt es leider immer. Wo Regeln sind, gibt es auch Leute die sie ganz bewusst ignorieren und das eher im fiesen Sinne. Personen die der Meinung sind, sie hätten das Vorrecht auf Autobahnen, Fahrbahnen und Gehwegen gepachtet, ganz egal was die Rechtslage vorschreibt sind da nur ein Sonderfall von. Da gibt es z. B. den klassischen Gehwegradler, den man auch mit besten Argumenten nicht davon abbringt, Fahrbahnflucht zu begehen und Fußgänger zu gefährden. Interessanterweise wird einem von jenen Gefährdern auf die Frage des „Warum“, oftmals eines der folgenden beiden Argumente vorgebracht: Es ist schneller und es ist weniger gefährlich als „auf der Straße“ (womit ausnahmslos eigentlich Fahrbahn gemeint ist, weil auch der Gehweg zur Straße gehört). Zum ersten Argument muss man sagen: Ja, das ist teilweise wirklich der Hauptgrund. Manchmal hat man eben einfach die Wahl, einen u. U. mehrere 100 Meter langen Umweg zu fahren, oder einfach mal eben über den Gehweg abzukürzen. In genau jenen Fällen ist es reine Bequemlichkeit.

Formal könnte man meistens fast dieselbe Zeitersparnis haben, wenn man für die wenigen Meter einfach absteigt. Ob ich jetzt mit Schrittgeschwindigkeit hinter Fußgängern drein dackel, oder gleich schiebe, das schenkt sich nicht viel. Aber wie gesagt, es geht ja auch um faul und wer steigt schon gerne freiwillig ab und schiebt? Das ist eine Einstellungssache und wegen 5 Metern mache auch ich das nicht. Aber sieht man dann z. B. Radfahrer, die über den Hochablass fahren (nicht schieben), stellt sich schon die Frage, wieso? Die Zeitersparnis im Vergleich zu „außen rum“, je nach dem welchen Weg man eben wählt, ist sicherlich enorm, egal ob schiebend oder fahrend. Und ich für meinen Teil finde es auch kaum angenehmer, bei jeder Kurbelumdrehung fünfmal aufzupassen, damit ich auch ja keinem Fußgänger in die Hacken fahre, oder ähnliches. Noch dazu ist ein Rad bei Schrittgeschwindigkeit auch bedeutend schwerer zu kontrollieren, als bei „normalem“ Tempo.

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Anders rum finde ich es als Fußgänger dort auch nicht angenehm, wenn mich dann Torkler oder die Draufgänger fast anfahren. Aber warum denken so viele nicht drüber nach, wie das auf der anderen Seite vom Zaun aussieht? Dieselben Leute sind doch auch öfter als Fußgänger unterwegs. Die Antwort ist einerseits einfach: Es wird nicht drüber nachgedacht, sondern rein aus dem Bauch raus entschieden und da heißt es im Zweifelsfalle eben „ich“ statt „die anderen“. Das ist soweit auch gar nicht selten, das machen wir alle oft. Die wenigsten denken in so einer Situation bewusst darüber nach, was sie dort tun. Auf der anderen Seite gewöhnt man sich so jedoch bestimmte Handlungsweisen ganz schnell an, insbesondere wenn man unbewusst ständig belohnt wird, indem man schneller ankommt. Die Probleme, die man sich damit erkauft, oder anderen anlastet, die fallen da ganz schnell unter den Tisch.

Im Gegenteil, bei den etwas weniger zimperlichen Verkehrsteilnehmern wird dann auch noch ganz schnell geklingelt. Zur Erinnerung § 16 StVO: Licht- und Schallsignale sind nur erlaubt, wenn man damit eine Gefahr vermelden will. Eigentlich ja der totale Irrsinn: Man klingelt rum (meistens um sich den Weg frei zu machen), aber dass man gar nicht zu klingeln bräuchte, wenn man dort schlicht nicht fahren würde, das scheint dann wieder zu viel Selbstreflektion zu sein. Es wird nicht darüber nachgedacht. Es hat sich ein Automatismus gebildet, wie man ihn sich sehr oft angewöhnt und von dem man sich dann nur sehr schwer wieder trennen mag. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.

Wie oft und warum?

Das ist dieselbe Art Automatismus, wie ihn z. B. Autofahrer zeigen, wenn die Motorhaube bereits den ganzen Radweg blockiert und so eine massive Verkehrsbehinderung darstellt. Eigentlich auch nicht erlaubt und würden sie das auf der Fahrbahn mit anderen Autofahrern machen, gäbe es mit einiger Sicherheit auch akustischen Protest der anderen Verkehrsteilnehmer. Man meint es sicher nicht böse und die wenigsten machen das bewusst mit Absicht. Zur Erinnerung: Darüber nachdenken tun die wenigsten in solchen Situationen. Man hat ja auch gar keine Zeit da großartig nachzudenken. Und doch tritt man dem Gegenüber damit jedes Mal auf den Schlips.

Und wenn wir alle mal ehrlich sind, solche Kleinigkeiten nehmen wir oft direkt in Kauf, ohne eben darüber nachgedacht zu haben. Ob das der Falschparker ist, der Fußgänger der doch noch schnell bei Rot drüber rennt oder eben der Radfahrer, der über den Gehweg abkürzt. Es ist einfach Rosinenpickerei im Straßenverkehr. Das warum ist einfach: Weil man sich das so angewöhnt hat und die Ergebnisse eben schön bequem sind. Würde man bewusst durch den Straßenverkehr gehen/fahren, würde man so ein Verhalten meistens nochmal überdenken. Gut, es gibt sicherlich auch das Klientel unter allen Verkehrsteilnehmern, das man eher in die Kategorie „ist mir alles scheiß egal“ stecken könnte. Unter Radfahrern wäre das dann der berühmt berüchtigte „Ramboradler“. (Wobei aufmerksame Leute an dieser Stelle einwerfen müssten, dass John Rambo im ersten Film von den Polizisten erst schikaniert, bedrängt und misshandelt wurde, sodass die Ausgangslage eigentlich eine völlig andere ist, warum er dann mit Waffen diese Polizisten angreift. Der Name greift hier eigentlich auf eine ziemlich schlechte Vereinfachung zurück, aber das ist den meisten überhaupt nicht klar, weil sie den Film nie gesehen oder nicht verstanden haben.) Aber das ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Minderheit, egal mit was man jetzt unterwegs ist. Gerade bei Radfahrern gilt da oft: Sie sind Auch-Radfahrer, fahren also durchaus meistens mit dem Auto.

In der Realität würden aber die wenigsten tatsächlich bewusst mit der Leck-mich-am-Arsch-Haltung durchs Leben gehen. Die meisten Radfahrer wollen einfach nur sicher und schnell voran kommen. Da herrscht eine gewisse Homogenität unter den Verkehrsteilnehmern: Das wollen wir alle. Keiner steht gerne umsonst rum, keiner lässt sich gerne unnötig ausbremsen oder blockieren und erst recht ist keiner begeistert, wenn jemand anders ihn in Gefahr bringt. Das Problem ist nur immer die subjektive Wahrnehmung und Bewertung, ob etwas nötig ist, oder nicht und ob etwas tatsächlich gefährlich ist. Gehwegfahren kann man sicherlich auch so betreiben, dass man niemanden gefährdet, aber erstens ist es dann nicht mehr schnell, sondern man muss dann meistens im Schritttempo rum torkeln und zweitens ists dann eben auch gar nicht mehr bequem, weil man eben das Fahrzeug deutlich schwerer kontrollieren kann. Ergebnis: Es wird trotzdem schnell gefahren, weil die bequeme Abkürzung sonst eben so gar nicht mehr vorteilhaft wäre.

Wie man jemanden so erzieht, dass er als „Ramboradler“ auftritt

Nur: Sowas kann man sich auch künstlich heranzüchten. Gerade das beliebte Gehwegradeln ist etwas, was manche so verzweifelt und dringend machen wollen, auch wenn gar keine Abkürzung dabei rausspringt, sondern im Gegenteil, die Strecke schwieriger bzw. konfliktträchtiger wird. Warum ist das dann oft trotzdem so beliebt? Da tritt das zweite Argument auf den Plan: Auf der „Straße“ ists doch gefährlich! Oder anders gesagt: Es wird das (subjektiv) kleinere Übel gewählt. Zum anderen wird es an anderen Stellen wiederum sogar vorgeschrieben, z. B. indem ein Verkehrszeichen 240, „gemeinsamer Geh- und Radweg“ aufgestellt wird. Es ist daher schon sehr schwer jemandem zu erklären, warum er den einen Gehweg nicht befahren darf, während er den anderen Gehweg befahren muss. Das Problem ist hier die Nachvollziehbarkeit dem Bürger gegenüber.

Sicher gibt es zuweilen Stellen, an denen Radverkehr auf der Fahrbahn evtl. gefährdeter ist, als das allgemeine Grundrisiko mit dem Rad zu fahren (was übrigens gar nicht so hoch ist, wie mancher Schwarzmaler behauptet), z. B. an der B17-Abfahrt zur Friedrich-Ebert-Straße. Jedoch sieht die Praxis so aus, dass sich die Gehwege von ihren Radweg-Pendants meistens eher überhaupt nicht unterscheiden. Genauso sieht es auch mit dem Befahren der falschen Straßenseite aus. Wo auf der einen Straße bei Strafe verboten ist, links auf dem Radweg zu fahren, ist es auf der nächsten bei Strafe verboten, rechts zu fahren. Meistens ist auch dort kaum ersichtlich, worin sich die Straßen denn nun so eklatant unterscheiden.

Und dann ist da noch die Frage Radweg mit Benutzungspflicht oder ohne. Die wenigsten darf ich benutzen, im Sinne von muss nicht, aber komischerweise muss die halbe Stadt voller Gefahrenlagen sein, weil Benutzungspflichten nahezu grundsätzlich für jeden Radweg angeordnet werden. Heißt mit anderen Worten, man muss meistens eh auf dem mit Schildchen versehen Gehweg oder Gehweg mit weißem Streifen fahren. Wie in meinem letzten Blog-Eintrag schon geschrieben, nimmt man Radfahrern damit konsequent die Möglichkeit, Verkehr auf der Fahrbahn im wahrsten Sinne des Wortes zu erfahren. So fehlen auch die Eindrücke, wie durchaus unkompliziert und gefahrlos das eigentlich geht.

Und jetzt stelle man sich mal vor, jemand der seit 10, 20, 40 Jahren auf Radwegen fährt, wo keine KFZ fahren, wo leider auch gerne mal Fußgänger sind, wo sie nichts zu suchen haben und der einfach überhaupt keinen Unterschied sieht, zwischen Gehweg mit und ohne Radwegschild, wird dann von jemandem angeraunzt, was er denn auf dem Gehweg macht… Wenn nicht äußerlich, dann wird dieser Radfahrer recht sicher innerlich den Vogel zeigen, weil er a) keinen Anlass sieht, gerade dort nicht auf dem Gehweg zu fahren, wo es sonst ständig vorgeschrieben wird. Und b) aus Mangel an besserer Erfahrung (im Sinne von Erlebnissen) sind die meisten Radfahrer pauschal der Meinung, dort ohne KFZ, die ja so irre schnell sind und immer von hinten kommen, sicherer zu sein.

Und genau diese diffuse Angst, dieses Gefühl des unerwartet von hinten kommenden, das ist der große Unterschied zwischen Fahrbahn und Gehweg/Radweg. Es ist eine Angst von hinten angefahren zu werden, was aber rein statistisch betrachtet eher unwahrscheinlich ist. Aber Angst lässt Menschen irrational handeln, das ist keine Neuigkeit. Jemand der jahrelang „nichts zu befürchten hatte“ wird nicht freiwillig auf die Fahrbahn fahren wo er gefühlt immer von hinten bedroht wird, obwohl dort von hinten eigentlich nichts passieren kann, weil man meistens weithin sichtbar ist. Diese Angst treibt Leute auf die Gehwege, selbst dann, wenn die Strecke länger ist oder unübersichtlicher oder eben Konflikte mit Fußgängern häufig sind. Man tauscht also eine subjektive Gefahr gegen reale Probleme ein.

Aber: Jeder der schon ein Mal mit dem Roller, dem Mofa oder einem Motorrad am Straßenverkehr als Fahrzeugführer teilgenommen hat, weiß, dass es nicht daran liegen kann, ob man zwei Räder hat, oder mehr. Das klappt auch hervorragend, obwohl es „nur“ ein Zweirad ist. Mit einem Motorrad, Roller, Mofa, fahren die meisten genauso souverän, wie mit dem Auto. Es gibt dort aber genauso wenig Knautschzonen um einen rum und die Silhouette ist auch nicht wesentlich besser wahrnehmbar. Das kann es also nicht sein. Was sicherlich mit rein spielt, sind die Spiegel, die bei Motorrad und Roller mit dabei sind. Da kann man sich dann vergewissern, was hinter einem los ist. Nur fahren selbst Leute mit Spiegeln am Fahrrad mit wachsender Begeisterung auf Gehwegen rum. Das ist also auch nicht der schlagende Grund.

Es ist vielmehr der künstlich geschaffene Unterschied, der durch Radwege erst geschaffen wird. Dort fährt keiner Motorrad, dort fährt keiner Roller und nur ganz selten sieht man dort jemanden mit Mofa. Man gewöhnt sich also nicht an, sich im Seitenraum zu verkriechen. Erst mal weil man es nicht darf und zum anderen weil einem auch nicht ständig jemand einredet, dass das „sicherer“ sei. Und der Motor alleine dürfte ein Motorrad oder einen Roller oder ein Mofa kaum sicherer machen, als ein Fahrrad. Im Gegenteil, wenns damit dann scheppert, dann nur noch gewaltiger. Aber diese Entwöhnung und damit verbundene Angst-Entwicklung wenn man mal nicht auf dem gewohnten Seitenraum rum fährt, die ist stark! Genauso stark wie die damit oft folgende Gewöhnung auf Gehwegen zu fahren und Leute weg zu klingeln. Das ist gewissermaßen in Derivat von „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.“.

Das tragische daran ist allerdings, dass man nicht nur Radfahrern die Möglichkeit nimmt, Erfahrungen in Sachen Radverkehr auf der Fahrbahn zu sammeln. Für viele Autofahrer ist es inzwischen eine vollkommen ungewohnte Situation, mit Radfahrern auf der Fahrbahn um gehen zu müssen. Man erwartet sie nicht dort, man ist entsprechend auch nicht darauf vorbereitet, bzw. weiß nicht wie man sich in dieser Situation verhalten sollte. Der schärfste Auswuchs ist dann noch, wenn Autofahrer richtiggehend ein persönliches Problem mit Radfahrern auf der Fahrbahn haben. Da wird dann gehupt, bedrängt und geschnitten, einfach nur weil „der da weg zu gehen hat“. Das ist zugegebenermaßen vergleichsweise selten, das ist dann das Auto-Pendant zum „Ramboradler“, aber keiner anderen Gruppe Verkehrsteilnehmern wird so offensiv begegnet, weil sie so gar nicht ins gewohnte Bild passt. Das ist gewissermaßen Fremdenfeindlichkeit nur auf den Verkehr angewendet. Und derartige Erlebnisse spornen nun auch wiederum die eher weniger fahrbahnerfahrenen Radfahrer nicht gerade an, dort weiterhin zu fahren. Im Gegenteil, man verkriecht sich wieder im Seitenraum und der Teufelskreis ist geschlossen. 1:0 für freie Bahn.

Wie kann man das wieder ändern?

Eine Möglichkeit ergibt sich eigentlich direkt auf § 45 (9) StVO: Gebt den Leuten wieder eine rechtliche Grundlage, die Alternative kennenzulernen. Ein Radfahrer dem weiterhin an allen möglichen und unmöglichen Stellen verboten wird, die Fahrbahn zu benutzen, der wird das auch nicht ausprobieren, weil dann selbst das letzte Argument ins Mosaik passt: Man darf es ja nicht mal. Also bei der nächst besten Gelegenheit auch wieder auf den Gehweg, weil iss ja eh wurscht. Es ist z. B. überraschend, wie viele Leute nicht einmal wissen, dass sie Radwege ohne Schild nicht benutzen müssen. Gerade die oben beschriebenen Hupe-Missbraucher gehören sehr oft dazu. Da wird selbst dann getrötet, wenn gar kein Radweg auch nur in der Nähe ist. Man wird also wenn man so will auch noch dazu getrieben, Gehwege zu benutzen. Ein erster Schritt ist also: Erst mal eine rechtliche Grundlage schaffen (z. B. die diversen illegalen Benutzungspflichten aufheben (lassen)), die wieder den Normalfall im Verkehr herstellt.

Der zweite Schritt ist: Den Leuten dann auch vermitteln, dass das völlig in Ordnung ist und aus Verkehrssicherheitsgründen durchaus auch anzustreben ist. Ein Grundsatz in der Verkehrsplanung ist: Sichtbarkeit ist Sicherheit. Fehlt die Sichtbarkeit, ist die Sicherheit auch ganz schnell nicht mehr gegeben. Das zeigt sich in Unfallstatistiken auch recht deutlich, dass insbesondere abgetrennte Radwege, am besten noch hinter Büschen, Hecken, parkenden Autos, Litfaßsäulen oder Mauern alles sind, nur ganz bestimmt nicht sicherer. In dieser Hinsicht ist die Fahrbahn sogar das Beste, was der Verkehrsplaner einem Radfahrer bieten kann: Man fährt anderen direkt vor der Nase. Man wird gesehen und wahrgenommen, gerade weil man immer im Sichtfeld ist. Man kann eigentlich gar nicht übersehen werden.

Wenn ich mir dann noch von Radfahrern häufig anhören muss, dass sie sich an miesem Belag, Scherben, Schneehaufen, Hundeleinen, Fußgängern und beim Abbiegen nicht aufpassenden Autofahrern stören, weiß ich genau, dass diese Leute doch eigentlich gar keinen Radweg wollen, weil nur dort gibt es diese Probleme in diesem Ausmaß. Aber es wird ihnen nirgendwo vermittelt. Selbst der ADFC Augsburg sieht hier keinerlei Veranlassung derartiges herauszustellen. Und abgesehen davon dass es andere Verkehrsteilenehmer gibt, die einen eben von hinten her überholen, ist da auch überhaupt nichts, was fahrtechnisch besonders anders als auf einem Radweg ist. Das ist eine reine Gewöhnungssache, denn mit anderen Fahrzeugen macht es denselben Verkehrsteilnehmern auf einmal gar nichts mehr aus, überholt zu werden. Platt gesprochen: Wer mit dem Rad genauso fährt, wie mit dem Auto, der macht entweder auch was beim Autofahren verkehrt, oder aber beim Radfahren genauso wenig.

Das letzte zu bewältigende Problem ist dann noch eine gewisse akzeptierte soziale Hackordnung. Die Hupe-Spielchen sind nur ein lautes Zeichen, dass diese Klasseneinteilung in den Köpfen existiert und Radfahrer haben leider allzu oft auch kein besonders großes Selbstwertgefühl, sobald sie sich aufs Rad schwingen. Da mutieren dieselben Leute, die gerade eben noch jemanden auf den Gehweg getrötet haben, zu einem Duckmäuser, der bloß keinen Autofahrer auch nur schief anschauen will. Wenn der trötet, hau ich eben ab. Das ist im Prinzip das falscheste, was man tun kann. Einmal beraubt man sich selbst der Möglichkeit schnell, sicher und bequem zu fahren (wie gesagt, der Gehweg ist sicher nicht die Lösung und der Radweg eben leider auch nicht) und es setzt dem Autofahrer gegenüber das Signal, dass er recht hat. Radfahrer werden eben im selben Maße, wie man ihnen gerne Nachlässigkeit vorwirft, auch einfach nicht ernst genommen. Das geht Hand in Hand.

Nehmt Radfahrer ernst!

Es wird Radfahrern mit regelmäßiger Sicherheit vermittelt „Ihr seid anders!“. Das stimmt in vielen Belangen nicht. Nach StVO und anderen rechtlichen Regelungen ist ein Radfahrer ein vollwertiger Fahrzeugführer, mit allen Rechten und Pflichten, die damit einhergehen. Der Umstand dass da kein Motor dabei ist, ist in diesem Zusammenhang sogar eher von Vorteil, weil Lärmentwicklung und Abgase überhaupt kein Problem darstellen. Selbst bei der Geschwindigkeit sind Mofas einem Alltagsradfahrer selten wirklich überlegen. Und es wird auch gar nicht erwartet, dass man ständig 50  fährt. Das ist ja eine Geschwindigkeitsbegrenzung, keine Geschwindigkeitsgarantie. Es gibt auch andere Verkehrsteilnehmer mit Motor die keine 50 Fahren können. Wer sich über lahmarschige Radfahrer beschwert, der soll mal sehen, wie er an einem Trecker mit einer großen angehängten Land-Maschine vorbei kommen will.

Dagegen ist ein Radfahrer Zucker: Der verbraucht vergleichsweise wenig Platz, da kommt man wesentlich besser vorbei. Genauso wie Schwertransporter, Leichtkraft-KFZ oder einfach der typische Stop’n’Go-Verkehr, in dem man ohnehin selten schnell voran kommt. Es ist eben nicht so, dass man unter allen Umständen das Recht hat, mit 50 durchzuziehen. Wer keine 50 fahren kann ist aber eben auch keinesfalls per se ein Verkehrshindernis. Sonst gäbe es jeden Nachmittag eine ganze Innenstadt voller Verkehrshindernisse. Nur wer das mit Absicht macht, obwohl er anders könnte, dem kann man das evtl. vorwerfen. Auf Radfahrer trifft das nur meistens nicht zu. Ich habe noch nie gesehen, dass jemand Trecker-Wege fordert, weil die den Verkehr so behindern. Es wird einfach akzeptiert. Dieselbe Akzeptanz sollte man für sich als Radfahrer ebenfalls einfordern, daran ist absolut nichts verwerfliches. Radfahrer behindern nicht den Verkehr, sie sind Verkehr.

Aber stattdessen werden Radfahrer gerne einfach nicht ernst genommen. Sowas zeigt sich dann z. B. in Beschilderungen dieser Art:

Hochablass-Beschilderung

 Dieses Prachtstück steht auf dem Hochablass seit mindestens einem halben Jahr. In der Zwischenzeit wurde dort die Beschilderung weiter hinten auf der Ost-Seite geändert, man hätte den Unfug an dieser Stelle also auch feststellen müssen/können. Aber es hat sich offenbar noch keiner dafür interessiert. Ganz ehrlich: Was wollte derjenige, der sich diese Beschilderung ausgedacht hat, eigentlich erreichen? Da hat er/sie sich wohl selbst keine besonderen Gedanken zu gemacht. Offenbar war die Lage nicht ernst genug, um sich ernsthafte Gedanken zu machen, sonst wäre die Unsinnigkeit dieser Schilderkombination aufgefallen. Nur: Wer erwartet, dass Radfahrer bei so einer Beschilderung sich weiterhin ernstgenommen fühlen, bzw. Schildern noch eine Wichtigkeit beimessen, der darf sich nicht wundern, wenn er dann ebenso enttäuscht wird, wie sich viele Radfahrer nicht ernstgenommen fühlen. Regeln werden allgemein eben nur dann akzeptiert, wenn der Betreffende den Eindruck hat, dass sie einen Sinn haben.

Auch ganz toll ist in diesem Zusammenhang z. B. das regelmäßige Argument, Radfahrer würden sich überdurchschnittlich oft nicht an rote Ampeln halten. Wenn ich hier vor die Haustür trete und sehe, unter welchen Umständen Autofahrer das ebenso nicht machen, stellt sich mir die Frage, warum Radfahrer das nicht noch viel öfter machen. Der Klassiker: Bettelampeln, also Ampeln wo man via Knopf drum „betteln“ muss, grün zu bekommen. Würde man sowas Autofahrern zumuten, das gäbe richtig Ärger. (Das Problem könnte man durch Fahrbahn befahren zwar auch elegant umgehen, aber dann ist man ja meistens auch wieder illegal unterwegs.) Die würden sich dann zu recht nicht ernst genommen fühlen. Genauso geht es aber mir, wenn ich auf der Kreuzung vor der Messe um nach links abzubiegen über fünf (!) Ampeln soll, während man als Autofahrer einfach über die eine einzige Linksabbieger-Ampel abbiegt. Und natürlich mit Bettelknopf, weil Induktionsschleifen dem KFZ-Verkehr vorbehalten sind. Würde man mit derselben Ernsthaftigkeit gegenüber dem Radverkehr die Straßen gestalten, wie man sie gegenüber dem KFZ-Verkehr hat, würden sich viele Radfahrer auch wieder ernsthafter mit Verkehrsregeln auseinandersetzen, weil man dann eben nicht den Eindruck bekommt, dass man „nur der Arsch“ ist, wenn man sich dran hält. Das Argument geht dann aber auch postwendend zurück: Nehmt euch selbst ernst! Fahrt mit dem Rad genauso ernsthaft, wie ihr es mit dem Auto tätet, also keine Geisterfahrerei, keine 100 m Abkürzung über den Gehweg, kein noch schnell bei dunkelrot durch huschen. Und fordert eure Rechte ein! Verlangt, dass man mit euch auf Augenhöhe diskutiert, nicht als Gehhilfenbenutzer der auf der „Straße“ nichts zu suchen hat. Für ein besseres Verkehrsklima und sicheren Verkehr. Es dürfte schwieriger sein, die letzten ca. 80 Jahre Separations-Gedankengut schnell zu überwinden, drum besser heute anfangen als morgen. Länger dauert es von alleine. Soviel darf man für sich selbst schon fordern, aber man sollte es dann auch anderen zugestehen (z. B. Fußgängern).

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