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11.08.2013

Wie viele Tote muss es noch geben?

Das Thema kommt hier in meinem Blog ja leider etwas öfter vor, aber es lässt sich ja auch schlecht vermeiden: Radwege. In diversen Foren-Postings versuche ich den Leuten klarer zu machen, dass Radwege bestimmt für vieles gut bzw. nützlich sind, aber ganz und gar nicht dafür, Radverkehr sicherer zu machen. Leider habe ich den Eindruck, dass es auch ziemlich egal ist, wie viele Leute hier das lesen, solange "da draußen" von unseren Verkehrsplanern nach wie vor immer und immer wieder dieselben Fehler begangen werden, obwohl sie schon sehr lange als solche erkannt bzw. bekannt sind.

Wieder hats einen zerlegt

Vergangene Woche gab es mal wieder ein Todesopfer zu beklagen: Autofahrerin lässt Verletzten liegen. Ein Radfahrer wird von einer Autofahrerin angefahren ("Er war von einem Auto erfasst worden." versteckt mir zu sehr, dass hier ein Autofahrer Mist gebaut hat, denn das Auto alleine macht genau gar nichts, liebe Redaktion) und die zieht auch noch Leine (=Unfallflucht). Ihr Pech, dass man sie offenbar doch gesehen hat. Zeigt allerdings, was für eine Persönlichkeit da wohl hinterm Steuer saß.

Der Ort des Geschehens ist hier: Ecke Alter Postweg, Werner-von-Siemens-Straße. Eine Einmündung, die für Autofahrer eigentlich recht übersichtlich wäre, wenn es da nicht das Prinzip Radweg gäbe: Geradeausfahrender Verkehr (Radfahrer auf Radweg) wird rechts vom Rechtsabbieger (Autofahrer) geführt. Dass sich hier die Fahrwege zwangsläufig kreuzen, ist keine Erkenntnis jahrelanger Raketenforschung, das ist offensichtlich. Dass man so deutlich leichter auf Kollisionskurs kommt, ist ebenfalls einleuchtend, bzw. vorhersehbar. Warum das ganze dann aber angeblich sicherer für Radfahrer sein soll, ist dagegen eher geheimnisvoll. Es konnte mir zumindest bisher noch keiner erklären, wie das zusammen passen soll. Umso mehr daneben ist es, was unsere Planer sich damit ständig leisten.

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Keine Einsicht...

Es ist nämlich nicht der erste Fall, bei dem ein Radfahrerleben das Prinzip Radweg bezahlen muss. Es ist noch kein Jahr her, da hat es das letzte mal jemanden in Augsburg das Leben gekostet, sich auf die angebliche Sicherheit von Radwegen zu verlassen: In diesem Jahr der erste tödliche Unfall. In diesem Fall war es ein Radweg, der keinerlei Sichthindernisse hatte, durch den "toten Winkel" beim LKW war das aber auch egal, denn so war er auch nicht im Blickfeld des LKW-Fahrers. Der Punkt ist: Solche und ähnliche Unfälle gibt es an Radwegen zuhauf und sie werden nicht weniger werden, solange die Leute weiterhin mit der Lüge "Radweg=Sicher" berieselt werden. Und solange unsere Verkehrsplaner weiterhin der Meinung sind, freie Fahrt für KFZ-Verkehr auf diese Weise billig zu ermöglichen. Es existiert offenbar überhaupt kein Bewusstsein bei den zuständigen Planern dafür, aber auch nicht bei der Polizei. Da bekommt man dann z. B. solche Aussagen von Polizeipressesprechern serviert:

Dass sichere Radwege kein Luxus sind, zeigen die Zahlen der Augsburger Polizei. 571 Radler sind 2012 in der Stadt verletzt worden, ein Toter ist zu beklagen, wie Polizeipressesprecher Manfred Gottschalk erklärt.

Der Witz ist hier, dass genau jener ältere Herr, den der LKW-Fahrer tot gefahren hat (nein, liebe Redaktion, er wurde nicht vom LKW überfahren, sondern von einem LKW-Fahrer mit einem LKW überfahren, LKWs fahren i. A. nicht von alleine durch die Gegend), dieser eine tote Radfahrer ist. 100% der Toten gingen also gerade auf das Konto des Prinzips Radweg. Und auch der ältere Herr, der auf dem alten Postweg umgefahren wurde, hatte sicher keine Ahnung, was da auf ihn zukommt. Interessanter ist dann allerdings, was man so beobachten kann, auf dem alten Postweg.

...im Gegenteil, man macht munter weiter

Ich hab mir heute Nachmittag mal die Zeit genommen, zum alten Postweg zu fahren, weil ich da etwas in Erinnerung hatte, was so ein bisschen illustriert, was genau in unserer Straßenverkehrsbehörde so Usus ist:

Was kann man hier sehen?

Also zunächst mal, das ist eben besagte Unfallstelle. Man kann sich vorstellen, wie die Situation für den 74jährigen ausgesehen haben muss, als er hier versucht hat, die Straße zu überqueren, auf dem "sicheren" Radweg. Links sind die Straßenbahnschienen, die Autofahrer und Radfahrer voneinander trennen. Genau diese Trennung ist dann auch ein Grund dafür, warum man sich so schlecht sieht. Man sieht sich eben beim Geradeausfahren nicht erst mal lang und breit um, ob links oder rechts was kommt. Das ist so nicht vorgesehen und die wenigsten machen das, weil man ja gerade grün hat (so wie im Bild übrigens auch). Hier kommt aber noch ein winziges Detail hinzu, was die Sache ein klein wenig ändert (und auch zeigt, wie man es in der StVB so mit der Sicherheit der Radfahrer hält): Hier ist zusätzlich für Radfahrer ein Verkehrszeichen 205 ("Vorfahrt gewähren") angebracht, sogar zwei.

Warum ist das so?

Man muss dazu wissen, dass der alte Postweg (Straße auf der man im Bild gerade fährt, der Radweg gehört normalerweise zur begleiteten Straße) hier eine Vorfahrtsstraße ist, die durch Ampeln geregelt ist. Wer grün hat, darf fahren, fällt die Ampel aus, gilt das VZ 306 ("Vorfahrtstraße"), so dass auch von rechts kommende Fahrzeuge zu warten haben, wenn man mit dem Rad dort geradeaus fährt. Und genau dieses Vorrecht wird hier außer Kraft zu setzen versucht. Man soll am besten schön brav an jeder lumpigen Kreuzung und Einmündung runterbremsen, kucken, und dann, runtergebremst wie man dann ist, weiter fahren. Sowas nennt man in Fachkreisen auch jemanden ausbremsen, insbesondere wenn er eigentlich auf einer vorfahrtsberechtigten Hauptstraße fährt. Es gab in letzter Zeit einige weitere Stellen, an denen man diese 205er nachgerüstet hat. Scheint wohl der letzte Schrei zu sein, wenn es um Radwege geht. Das Problem daran ist nur: Das was einem Radfahrer auch sonst auf Radwegen das Vorrecht gibt, trotzdem geradeaus zu fahren, wenn von links kommend jemand nach rechts einbiegen will (wie hier) nicht die Vorfahrtsregelung ist, sondern der sogenannte Vorrang. Der folgt aus §9 (3) StVO:

Wer abbiegen will, muss entgegenkommende Fahrzeuge durchfahren lassen, Schienenfahrzeuge, Fahrräder mit Hilfsmotor und Fahrräder auch dann, wenn sie auf oder neben der Fahrbahn in der gleichen Richtung fahren.

Heißt also, egal ob auf dem Radweg, oder nicht, als Radfahrer hat man während man dem Straßenverlauf folgt, Vorrang, was etwas anderes ist, als Vorfahrt. Diese wird tatsächlich entweder durch rechts vor links, oder eben entsprechene Beschilderung geregelt. Und genau das hat man hier auch versucht. Schon alleine daran erkennt man, dass derjenige, der diese Anordnung geplant bzw. durchgeführt hat, offenbar keine Ahnung hat, was er da tut. Wohl aber ist sich zu Fragen, was überhaupt die Idee dahinter ist. Offenbar ist das Rechtsabbieger-Problem sehr wohl bekannt, man versucht es aber mit fragwürdigen Methoden zu umgehen, die noch so einiges an anderem lästigen "Gepäck" mit sich führen.

Keine Ahnung, aber davon verdammt viel

Jetzt wirds etwas technischer, Wer sich dafür nicht interessiert, sollte diesen Absatz überspringen... In der StVO steht nur geschrieben, dass man Radwege mit den entsprechenden Schildern zu benutzen hat, sofern zumutbar/möglich. Es gibt dafür einige Rahmenbedingungen, die soetwas überhaupt ermöglichen, u. A. den §45 (9) StVO, nach dessen Maßgabe eine besondere örtliche Gefahrenlage da sein muss, die allgemeine Risiken übersteigt, aber auch nur dann, wenn es keine andere Möglichkeit gibt ("Verkehrszeichen und Verkehrseinrichtungen sind nur dort anzuordnen, wo dies auf Grund der besonderen Umstände zwingend geboten ist."). Und auch andere Verordnungen regeln das, u. A. die Verwaltungsvorschrift der StVO (VwV-StVO), nämlich in diesem Fall für besagten §9 (3) aus der StVO: "Der Radverkehr fährt nicht mehr neben der Fahrbahn, wenn ein Radweg erheblich (ca. 5 m) von der Straße abgesetzt ist. Können Zweifel aufkommen oder ist der abgesetzte Radweg nicht eindeutig erkennbar, so ist die Vorfahrt durch Verkehrszeichen zu regeln.", was für diesen Radweg auch gilt, er ist weiter als 5 m weg und damit abgesetzt. Dann ist da noch die Frage, ob ein Radweg überhaupt Benutzungspflichtig sein kann, wenn er abgesetzt ist. Der hier hat trotzdem ein VZ 241, obwohl er offensichtlich abgesetzt ist. Weiter oben steht noch zu §9 (2) StVO: "Im Fall von Radverkehrsanlagen im Zuge von Vorfahrtstraßen (Zeichen 306) sind Radwegefurten stets zu markieren. Sie dürfen nicht markiert werden an Kreuzungen und Einmündungen mit Vorfahrtregelung „Rechts vor Links", an erheblich (mehr als ca. 5 m) abgesetzten Radwegen im Zuge von Vorfahrtstraßen (Zeichen 306) sowie dort nicht, wo dem Radverkehr durch ein verkleinertes Zeichen 205 eine Wartepflicht auferlegt wird.". Wenn man schon 205er aufhängt, dürfte dort keine Radwegfuhrt (die gestrichtelten Streifen rechts und links auf der kreuzenden Straße) mehr sein.

Hauptsache Radweg!

Man sieht zumindest, dass die Straßenverkehrsbehörde keinerlei Interesse zu haben scheint, sichere und legale Verkehrsführung an dieser Stelle zu ermöglichen. Die Anordnungen, wie sie jetzt bestehen, sind dermaßen ins Kraut geschossen, dass einem nur noch die Augen tropfen. Einzig Gutes daran, ist der Umstand, dass man mit den VZ 205 ein mal mehr festbetoniert hat, dass dort die Benutzungspflicht eigentlich illegal besteht, sodass ich keinerlei schlechtes Gewissen mehr habe, den Weg zu ignorieren, und dort zu fahren, wo mich noch nie jemand "übersehen" hat, oder mir absichtlich meinen Vorrang genommen hat: Auf der Fahrbahn. Selbst die Versicherer haben erkannt, dass Radwege keine sichere Verkehrsführung für Radverkehr sind.

Die Frage bleibt aber offen: Warum hängt man so dermaßen an seinem Sonderwegelchen, dass man Radfahrer sogar noch weiter einzuschränken versucht, indem man ihnen ihren Vorrang zu nehmen versucht (was aber mit Vorfahrtschildern ungefähr gar nicht geht, der besteht weiterhin), wohl wissend, dass der Radweg alles andere als ungefährlich ist (was die Realität ein weiteres mal schmerzhaft gezeigt hat). Was soll das? Hier geht es offenkundig nicht mehr um Sicherheit, sonst würde man diese Verkehrsführung schlicht aufgeben. Das wäre für alle das billigste und sicherste. Bestenfalls könnte man noch für die besonders ängstlichen Radfahrer Bodenmalereien ohne Schild anlegen, welche auf diesen Todesfallen dann allerdings auf eigene Gefahr rum fahren würden - sie müssen ja schließlich nicht mehr.

Wie viele Tote muss es noch für den KFZ-Verkehr geben?

Es geht wohl ein mal mehr darum, dass KFZ-Verkehr bevorzugt werden soll, indem man langsamere Verkehrsteilnehmer aus dem Weg räumt (nur manchmal eben permanent, aber das nimmt man eben in Kauf). Es interessiert auch nicht, was tatsächlich sicher wäre. Man kommt sich manchmal vor, wie in der Dune-Reihe: Der Verkehr muss fließen! ("Das Spice muss fließen!"), nur mit dem Unterschied, dass der Verkehr keinesfalls plötzlich zum Erliegen kommt, nur weil Radverkehr mit von der Partie ist. Gerade dort ist es doppelt komisch, weil vor der Fachoberschule ohnehin Tempo 30 angeordnet ist, inkl. Einbauten, die den Verkehr drosseln sollen. Wie weit das alles noch gehen soll, kann ich schwer absehen, nur frage ich mich eben, wie viele Tote es noch für den KFZ-Verkehr, bzw. dessen Bevorzugung geben soll. Wie viele Rechtsabbieger-Tote, wie viele Unfälle an Grundstücks-Ausfahrten braucht es noch, bis man endlich aufhört, Radfahrer auf gefährliche Sonderwege zu zwingen und dieses Pardigma als "sicher für Radfahrer" zu propagieren?

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