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02.07.2010

Auf Taxifahrer Reuben kann man sich verlassen

Wer länger im Schwarzenviertel einer südafrikanischen Großstadt lebt und kein Auto besitzt, muss Taxi fahren. Fahrradfahrer trifft man hier ungefähr so häufig wie Säbelzahn-Tiger. Wer auf Linienbusse oder Straßenbahnen baut, kann lange bauen. In Südafrika gibt es so gut wie keinen öffentlichen Personen-Nahverkehr. Also Taxi. Nicht jedes südafrikanische Taxi ist sofort als solches zu erkennen. Manchmal ist es einfach nur ein Haufen Schrott, in dem ein Fahrer schläft. Aber das macht nichts. Es gibt auch viele schöne, neue Taxen. Wer häufiger Taxi fährt, schreibt sich die Telefon-Nummer seines Lieblingstaxifahrers auf. Er hat dann auf einmal nicht nur einen Taxifahrer, sondern einen Fremdenführer, Ethnologen, Psychologen, Märchenerzähler , Unterhalter, Alleswisser - aber bei allem doch einen Afrikaner an seiner Seite. Letzteres ist wichtig, wenn es um Zeitabsprachen geht. "African time or European time?", lautet die Frage am Ende jeder Terminvereinbarung. African time heißt zwischen 15 und 30 Minuten später als vereinbart. Der Name unseres Lieblingsfahrers, Psychologen, Märchenerzählers ... ist Reuben. Sein englischer Name. Seinen Stammes-Namen hat er uns auch verraten. Kann sich aber kein Europäer merken. Reuben (sprich: Ruben) ist einfach zu merken, zumal Reuben auch auf dem Autokennzeichen steht. Reuben muss man mögen. Er trägt eine dunkle Kombination aus Jacke und Hose, dazu hell-beige Schuhe. Nur zum Foto-Termin kommt er unauffällig (siehe Bild). Reuben fährt einen Mazda. Über nichts freut er sich mehr als ein freundliches Wort für sein Auto. Dass er seit Tagen mit einer gesprungenen Windschutzscheibe fahren muss, beleidigt seine Berufsehre. Es sei schließlich sein Auto, sagt er. Mein, dein? Er hat es gemietet. Damit gehört es ihn. Für umgerecht 380 Euro im Monat. Wenn er das Geld nicht hereinfährt, gehört es ihm allerdings nicht mehr. Dann nimmt ihm der Vermieter die Karre wieder weg. Für Reuben wäre das schlecht. Er ist verheiratet, hat eine sieben Monate alte Tochter. Aber Reuben schafft das schon. Reuben hat auch ein Navigationssystem. Das schaltet er aber nicht ein. Er will nicht von der Technik abhängig sein, sagt er. Im übrigen präge er sich so die Wege und Straße besser ein. Stimmt. Also fährt er, wenn er nicht mehr weiter weiß, zur nächsten Tankstelle und fragt einen Kumpel nach dem Weg. Der kennt den Weg zwar auch nicht, dafür aber einen anderen Kerl, der ihn kennen könnte. Das ist anfangs lustig. Später bitte ich Reuben das Navi einzuschalten und seine Studien mit anderen Fahrgästen fortzusetzen. "Schur, Määän", sagt er und lacht über das ganze Gesicht. Gestern habe ich ihn angerufen, er möge am anderen Morgen einen Kollegen zum Flughafen nach Johannesburg fahren. "Seven o'clock. European time", sage ich. "Eeeeehhhhhhh, määäään, schuuur", höre ich ihn. Morgens um sieben, european time, weckt mich nach kurzer Nacht das Telefon. (Mein neues Zimmer ist jetzt schön warm, dafür gibt es eine Großbaustelle unterm Fenster, auf der bis in die Nacht schweres Gerät im Einsatz ist): "Eeeeeehhhhhh, määäään, its Reuben." "Eeeeeeehhhhhh, määäään, Reuben, du sollst nicht mich wecken, sondern meinen Kollegen fahren". "Schuuur". Aber Reuben kann nicht. Immerhin hat er einen Kollegen geschickt. Er sei schon unten vor dem Hotel, versichert Reuben. "Sure?" "Eeeeeehhhhh, määäään, schur." Auf Reuben kann man sich verlassen. Irgendwie.

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