Newsticker

Bundesregierung hebt Reisewarnung für europäische Länder auf

27.07.2009

Angriff der Killermücken

Die Arktis hat einige herausragende Räuber hervorgebracht: Jeder denkt natürlich sofort an den Eisbären, den größten und wohl auch gefährlichsten Landräuber. Prachtvolle Tiere, über eine halbe Tonne schwer, die eine Robbe mit einem Prankenhieb aus dem Wasser katapultieren können. Vielleicht denkt man auch an die weißen Wölfe Nordgrönlands. Geschickte und intelligente Jäger, unseren Haushunden an Intelligenz und Kraft um ein vielfaches überlegen (wie der grönländische Schlittenhund übrigens auch). In den Eiswassern tummeln sich Killerwale (Orkas), die sich ihren Namen unter anderem durch eine Jagdtechnik erworben haben, bei der kleinere Wale zwischen zwei Orkas buchstäblich zerquetscht werden. Durch ihr posierliches Äußeres und ihren irreführenden Namen werden zwei andere Killer bei uns oft vollkommen falsch eingeschätzt: der Vielfraß und der Seehund. Ersterer ist ein großer Marder, der offensichtlich unter Größenwahn leidet: Bisweilen verschlingt er einen ganzen Elch, hat er Beute geschlagen, verteidigt er diese sogar gegen Bären. Im Roman „Tiefer Schmerz“ des Schweden Arne Dahl wird ein Mann an Vielfraße verfüttert – nicht einmal der Schädel bleibt zurück. Ihr englischer Name – Wolverine – steht diesen Räubern weit besser zu Gesicht, als unser niedliches „Vielfraß“. Auch der Seehund ist eine hochentwickelte Tötungsmaschine. Ausgestattet mit langen, spitzen Zähnen veranstaltet er unter Wasser regelrechte Hetzjagden. Nicht vergessen sollten wir in dieser Aufzählung natürlich den Mensch. Wenige Völker haben die Kunst der Jagd auf ein solches Niveau erhoben, wie die Inuit. In die Haut ihrer Opfer gehüllt, sind sie Meister der Tarnung und Täuschung. Erste westliche Beschreibungen sprachen sogar von den „Robbenmenschen“. Sie ahmen das Verhalten der Seehunde nach, während sie langsam über das Eis robben, verstecken sich hinter Segeln aus weißem Tuch, treiben Rentierherden in engen Felsschluchten zusammen, harren stundenlang bewegungslos an Atemlöchern aus, trainieren Hunde für die Hatz, jagen von schwankenden Kajaks aus Walfische und messen sich seit Jahrtausenden im Kampf Mann gegen Tier mit dem größten Landräuber der Erde. Die Inuit sind der Inbegriff des perfekten Jägers. Und ihre Heimat, die Arktis ist beileibe kein friedlicher Ort. Ein Tier aber gibt es, das all die genannten Übertrifft. Ein Tier, das so blutrünstig ist und so aggressiv, das selbst die Inuit kein Heilmittel kennen: Ich spreche von der gemeinen Mücke, der Stechfliege, dem Mosquito! Sobald die Tage wieder länger werden und der Schnee schmilzt, schlüpfen aus den unzähligen Schmelzwassertümpeln der Arktis unaufhörlich junge Mücken. Man sagt, dass ein nackter Mann in Kangerlussuaq (Söndre Stromfjord) in weniger als zwei Stunden an Blutverlust sterben würde. Rentiere tragen ihre Wunden oft den ganzen Sommer hindurch offen, da die Mücken sie immer und immer wieder neu aufreißen. Besonders geplagte Exemplare haben dem Ansturm irgendwann nichts mehr entgegenzusetzen. Sie verlieren erst ihr Fell und dann ihr Leben. Der ganze Spaß an Grönland kann einem vermiest werden, wenn man bisweilen wie durch einen schwarzen Nebel läuft. Wer zu schwitzen beginnt, wird die flimmernde Wolke in seinem Sichtfeld nicht wieder los. Nur starker Wind oder Regen bringen ein wenig Erleichterung. In Grönland suche ich meistens nicht nach einem windgeschützten, sondern – entgegen allen Grundregeln des Campings - nach einem windigen Campingplatz! Sprays und Cremes helfen hier nicht mehr. Netze und weite Kleidung sind die einzigen Heilmittel. Selbst die hartgesottensten Inuit tragen an Sonnentagen Kopfnetz und lange Ärmel. Wildes mit den Armen wedeln ist ebenfalls sehr beliebt. In Ilulissat habe ich dieses Jahr den großen Fehler gemacht, eine Wanderung nach einer langen Regenzeit zu starten. Und den zweiten Fehler, meine Route durch einen großen Sumpf zu legen: mitten hinein in das Esszimmer der ausgehungerten Biester. Mein dritter Fehler bestand darin, das Kopfnetz zu vergessen. Mein vierter Fehler war nicht umzukehren, obwohl ich mehrfach ernsthaft mit dem Gedanken spielte. Nachahmung nicht empfohlen! Ich sah eine Woche lang aus, wie Streuselkuchen... Im Inuitglauben sendet die Natur immer dann Sommerschnee, wenn ihr das Treiben der Mücken zu viel wird und sie die leidgeplagten Tiere erlösen will. Zu meinem Glück war es bei besagter Tour am dritten Wandertag so weit: die Natur hatte die Nase voll und schickte - am ersten Juli - noch einmal kräftig Schnee, um den frechen Mücken ihre Grenzen zu zeigen. Für mich war der Schnee die Rettung vor dem sicheren Wahnsinn... So weit so gut: in Ilulissat war der Großteil der Population erst einmal erfroren und für mich ging es nach Kulusuk, wo die Mückensaison aufgrund des strengeren Klimas noch nicht einmal begonnen hatte. Jetzt, unter der brillianten Julisonne aber werden es mit jedem Tag mehr. Die Stopps mit den Touristen werden jeden Tag kürzer, weil es einfach nur schwer erträglich ist, ruhig zu stehen. In fast jeder Gruppe findet sich mindestens einer, der sich beschwert, vor Abflug nicht über die Mückenplage informiert worden zu sein. Das Hotel verkauft Mückennetze für 20 Euro, das zehnfache des Einkaufspreises... So froh ich über den Sonnenschein bin, stimme ich doch mit vielen anderen hier in Kulusuk überein: es wird langsam Zeit für einen heftigen Regenguss! Noch allerdings ist gutes Wetter angesagt - mindestens bis in die erste Augustwoche hinein...

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren