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14.10.2010

Die neue Armut im EU-Land Rumänien - "Grüne Bewegung" ins Leben gerufen

Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel durch Rumänien reist, um in Klausenburg (Cluj) einen Doktorhut abzuholen (wofür eigentlich?), wird sie dort einiges vorfinden, was nicht in die EU-Harmonie passt - und auch nicht in die an sich guten deutsch-rumänischen Beziehungen. Rumänien ist eigentlich ein reiches Land, zugleich ein schönes, ein Land vielfältiger Kontraste und künstlerischer Inspiration. Gleichzeitig aber ist die Bevölkerung arm und perspektivlos, politisch wie ökonomisch. Das Land wurde aufgeteilt. Die Mächtigen von gestern sind wieder in Amt und Würden - die Vielen, die Entrechteten und Benachteiligten sind nach wie vor ganz unten und haben das Nachsehen. Wer 600 Lei verdient, soll 300 Lei Miete zahlen, tanken, essen, überleben. Wie soll das funktionieren im neuen Haus Europa? Davon konnte ich mich vor wenigen Tagen selbst vielfach überzeugen. [I]"Wir haben heute weniger im Kühlschrank als zur Zeit Ceausescus",[/I] sagten mir einige Bürger in der Hauptsstadt Bukarest". Keiner trauert den unfreien Zeiten während der kommunistischen Diktatur nach; trotzdem hat der Umbruch nach der blutigen Revolution von 1989 mit mehr als 1000 Opfern vieles verschärft, gerade im wirtschaftlichen Bereich. Das Plattmachen alter Wirtschaftsstrukturen und die Expansion der Westkonzerne, die ich von Berlin über Prag, Pressburg, Budapest bis hin nach Bukarest festgestellt habe, hat die Rumänen in ein wirtschaftliches Chaos gestürzt. Kurz: [B][I]Die Menschen haben kaum noch etwas zum Essen[/I][/B]. Während meiner achtätigen Reise durchs Land sah ich einiges ... und vermisste einiges: In [B]Temeschburg (Timisoara) im Banat [/B]fehlten die jungen Menschen auf den Straßen. Dort, wo früher blühendes Leben pulsierte, am Corso, unmittelbar neben der Kathedrale, heute: gähnende Leere. Die jungen Leute sind ausgeflogen wie Zugvögel; sie leben und arbeiten irgendwo im Westen, in Spanien, in Italien, um Geld zu verdienen. Viele kommen nicht mehr zurück. Wer soll das Land aufbauen, die Felder kultivieren? In den siebenbürgischen Zentren [B]Hermannstadt[/B] (Sibiu)und [B]Kronstadt[/B] (Brasov) ist es nicht viel anders: Niederziehende Leere auch dort, selbst auf den Märkten, wo es Angebot gibt, aber keine Nachfrage - Kaum ein Einheimischer kann die überteuerten Produkte kaufen, die dort ausliegen. [I]Nur nicht krank werden in Rumänien oder gar auf ein öffentliches Krankenhaus angewiesen sein. [/I]Desolate Zustände herrschen auch in den Spitälern. Wer nicht bezahlen kann, muss eben leiden oder früher sterben: [I][B]„Bald müssen wir unseren Patienten sagen, sie sollen ihre Nahrung von daheim mitbringen; dass sie Medikamente mitbringen sollen, das sagten wir ihnen bereits“.[/B][/I] Dringliche Investitionen bleiben aus, weil keine staatlichen Mittel bereit stehen. In den Schulen häuft man im leren Saal Stühle und Bänke übereinander, um so Räume für Schüler und Lehrer zu bilden, weil kein Geld da ist, um Wände zu errichten. In den Städten: Bauruinen überall – Folgen der Spekulation und der Finanzkrise. [U]Innerhalb von wenigen Tagen erlebte ich gleich mehrere Demonstrationen in Bukarest. [/U]Zunächst demonstrierten die [B]„Armen“ [/B]unter dem Motto: [I]„Zu arm, um noch zu schweigen“.[/I] Sie stürmten einen Laden, wo es Suppe in Gläsern im Angebot gab, um sich einmal satt zu essen. Dann demonstrierten die [B]„Polizisten“ [/B]gegen eine Entscheidung ihrer Regierung, die den Diener des Staates aus der Exekutive „Machtmissbrauch“ vorgeworfen hatte. Am Tag meiner Abreise, am 6. Oktober schließkich demonstrierten sogar die[B] „Lehrer“, [/B]eine Berufsgruppe, die zum Teil mit 600 – 800 Lei im Monat auskommen muss – das sind 150 – 200 Euro, dies aber bei Energie- und Lebensmittelpreisen wie im Westen. [B]Eine neue "politische Kraft" formt sich[/B] Am 2. Oktober erlebte ich genau an dem Ort, wo vor 20 Jahren Diktator Ceausescu gestürzt wurde, am ehemaligen ZK der RKP, die[I][B] „Gründung“ einer „grünen Bewegung“ [/B][/I]– es ist die Vorstufe zu einer „grünen Partei“, [B]„Miscarea verzilor“, [/B]kritisch beäugt von den Gendarmen der aktuellen Regierung. Ein Häuflein Aufrechter hatte sich eingefunden, um einiges auf den Weg zu bringen, um die desolate Lage auch in der Politik mit verändern zu helfen? [I]Rumänien sei das korrupteste Land in Europa[/I], betonte der Sprecher der neuen Bewegung. Was wird daraus? Erklären sie die[B] "bundesdeutschen Grünen" [/B]solidarisch? Inzwischen ist Kanzlerin Merkel aus Rumänien zurück - mit Hut! Angela Merkel hat die Probleme des EU-Sorgenkindes Rumänien erkannt: [B]Korruption, [/B]Rechtsunsicherheit etc. - das alles soll bekämpft, überwunden werden. Mit deutscher Hilfe? Doch die Rumänen, viele höchst unzufrieden mit der Regierung Boc, haben immer noch die gleichen Probleme. Eine Linderung ist nicht absehbar. Von der Reise - u. a. zur [B]CNSAS,[/B] der rumänischen Gauck-Behörde, habe ich einige Bilder mitgebracht - auch Dokumente der "Securitate" ( aus der eigenen Akte) während der Zeit der kommunistischen Diktatur unter Ceausescu. [I][B]Nach 30 Jahren weiß ich nun, wer mich bespitzelt hat - beginnend mit der Schulbank in den Jahren 1976/77 bis hinein in die Zelle im Popa Sapca Gefängnis von Temschburg.[/B][/I] Als [I]"akkreditierter externer Forscher" bei der CNSAS [/I]habe ich einige zeithistorische Dokumente eingesehen. Mehr als 1000 Forschungsarbeiten hat die rumänische Gauck-Behörde CNSAS seit dem Jahr 2002 genehmigt. Vergangenheitsbewältigung funktioniert nur über Vergangenheitsaufarbeitung - totale Auflkärung ist angesagt - über Opfer und Täter, selbst über Opfer als Täter. [B][I]Noch ein Wort zur "Qualität" der "Securitate-Akten" bei der CNSAS: Vermittelt wird die "Sicht der Securitate", die "Interpretation der Securitate". Diese "Perspektive der Täter" darf nicht mit der "Wahrheit" verwechselt werden. Ein Nachteil der vorleigenden und ausgehändigten "Securitate-Akten": Sie sind oft nicht "vollständig".[/I][/B] Die Akten enthalten nur das, was die Securitate-Mitarbeiter "übrig gelassen" haben. Einiges zur politischen Situation heute in Rumänien besprach ich dort bei der CNSAS mit Gremiumsmitglied[B] Mircea Dinescu, [/B]dem Dichter der Revolutionstage, [I]dem die [B]Universität Augsburg [/B]bereits 1991 die [B]Ehrenwürde [/B]verliehen hat.[/I] Es wäre in meinem Sinne, wenn nun – über diesen Blog hinausgehend - auch die Redaktion der [B]„Augsburger Allgemeinen Zeitung“[/B] die Thematik aufgreifen und vertiefen würde. Mehr Details zur aktuellen politischen und kulturellen Situation in Rumänien auch auf meinem Blog unter: [url=http://carl-gibson.blogspot.com/]Carl Gibsons Blog für Literatur, Geschichte und Zeitkritik[/url] Dort auch weitere Bilder aus dem Banat, aus Siebenbürgen und aus Bukarest. Carl Gibson Anhang: Bilder Rumänienreise, Oktober 2010 1. Carl Gibson vor dem CNSAS-Gebäude in Bukarest. 2. Haus der Parlamentarier ( auch Haus des Volkes genannt) - Der von Diktator Ceausescu errichtete Monster-Bau im stalinistischen Stil. 3. Blick aus dem Timisoara-Hotel - links im Bild die intakte Synagoge, rechts der katholische Dom. 4. Das Gefängnis Popa Sapca, wo Carl Gibson als SLOMR- Temeschburg-Gründer 1979 sechs Monate einsaß. 5. Verzweiflung - Weg ins Nichts, gesehen vor Nitzkydorf im Banat

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