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03.03.2017

Der Grantler: Lange Fastenzeit für Wähler

„Schon wieder Politik“ wird mancher Blog-Leser sagen, aber der Grantler verspricht für die nächsten Texte eine Politikpause. Doch der unverständliche Hype um den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz und das Geschehen rund um den Politischen Aschermittwoch hat den Grantler nachdenklich gemacht. Gerade jetzt, wo die Fastenzeit begonnen hat und viel von Verzicht die Rede ist. Für uns Wähler wird es nämlich eine lange Fastenzeit bis zum Wahltermin am 24. September. Verzichten müssen wir auf Wahrheit, oft auf Anstand, auf Ernsthaftigkeit. Geboten bekommen wir dafür Lügen, Großspurigkeit, Sprüche und Witze, über die keiner lachen kann. Das wird ein langer Sommer.

Gerade haben wir den Wahlkampf in den USA mit einem Kopfschütteln verfolgt und mit Entsetzen festgestellt, dass ein Populist mit dummen Sprüchen ohne Gehalt und ohne Rücksicht auf die Wahrheit Präsident werden kann. Wird das auch in Deutschland passieren? Martin Schulz zischte wie eine Rakete vom Präsidentensitz in Brüssel in die deutsche Politik und holte sich Platz eins der Beliebtheitsskala in den Umfragenwerten. Wie in den USA der typische Fall von Unzufriedenheit mit dem Establishment, mit den Personen, die uns in den letzten Jahren begleitet haben und natürlich auch Fehler gemacht haben, aber nicht nur. Es ist die Lust auf Umbruch, die den bis dahin eher unscheinbaren SPD-Kandidaten nach oben schnellen ließ. Vom „Schulz-Rausch“ ist die Rede. Aber ein Rausch hält keine sieben oder sechs Monate und auf einen Rausch folgt auch der Kater. Der könnte auch Schulz und die SPD noch ereilen.

Bisher mobilisierte Schulz mit Sprüchen, populären Vorschlägen und „Jetzt komm Ich“-Auftritten die Öffentlichkeit. Kritiker merkten schnell, dass dem Sprüchen die Substanz fehlt, sein Ruf nach mehr Gerechtigkeit beinhaltet gleichzeitig, dass das Rad der Geschichte zurückgedreht werden soll. Dem Grantler wird angst und bange, wenn er sieht, wie gedankenlos viele Leute alles hinnehmen. Mit Rückschritt ließ sich noch nie ein Fortschritt erzielen. Die soziale Gerechtigkeit für alle, so wie es Politiker dem Volk immer wieder erzählen wollen, gibt es nicht. Die gab es nicht einmal früher in dem ach so sozialistischen, gleichmachenden Osten. Auch dort gab es ein Oben und Unten, siehe nur das feine Leben der Partei-Bonzen. Die Vergangenheit hat gezeigt, das Leistungsprinzip war schon immer der beste Anreiz für das Wohlergehen. Doch davon wollen Populisten nichts wissen. Sie werfen Sprüche ohne Gehalt unter das Volk, das jubelt, weil der Kater nach dem Rausch ja erst später kommt.

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Den besten Artikel zur politischen Lage und den vielen Auftritten von Populisten in vielen Ländern, von den USA über Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Russland und anderen, fand der Grantler kürzlich in dieser Zeitung, als Martin Ferber darlegte, „Warum Volkstribunen scheitern“. Ein Artikel, der zum Nachdenken anregte. Zusammenfassend: Populisten hat es schon immer gegeben, sie erfüllten den angeblichen Willen des Volkes und hinterließen doch Chaos und Anarchie. Die Geschichte zeigt, dass die Völker nichts lernen und immer wieder auf falsche Versprechungen reinfallen. Am Ende fallen die Potemkinschen Dörfer in sich zusammen, der Glanz ist weg, der Schutt muss weggeräumt werden.

Darauf sollten wir Wähler in den nächsten Monaten achten: Welche Versprechungen haben einen realen Hintergrund und lassen sich verwirklichen, sprich auch bezahlen. Da erwischt man auch schon wieder Martin Schulz, der die für Deutschland erfolgreiche Agenda 2010 vom damaligen Kanzler Gerhard Schröder (SPD, die ihm dann nicht folgte!) rückgängig machen will. Mehr und länger Geld für Arbeitslose, mehr Geld für sozial Schwache, aber keine Rede davon, wie das finanziert werden soll. Frank-Jürgen Weise, der Chef der Bundesagentur für Arbeit, warnt vor einem „Wettlauf um die höchsten Zahlungen“. Ein weiser Mann. Für uns Wähler heißt es: Versuchen wir einen Blick hinter die Kulissen, lassen wir uns nicht von glänzenden Fassaden blenden.

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