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19.06.2015

Wenn Millimeter über Minuten entscheiden

Der sechsfache Hawaii-Champion Dave Scott und die deutsche Triathlon-Legende Faris Al-Sultan lächeln mir immer entgegen. Fotos der beiden Ausnahme-Triathleten hängen direkt neben dem PC, der all meine Leistungsdaten anzeigt. Wattleistung, Geschwindigkeit, Trittfrequenz und vieles mehr. Ein klein wenig fühle ich mich in diesem Moment auch wie ein Profisportler. Denn die gehen bei Fritz Buchstaller ein und aus. Der Radsportexperte aus Hilpoltstein ist weit über die Landesgrenzen bekannt, bringt mehrere Jahrzehnte Erfahrung in Sachen Radvermessung mit, betreut Profiathleten und hat selbst über 30 Langdistanzen gefinisht – und genau deshalb bin ich bei ihm.
„Deine rechte Schulter hängt. Schau mal in den Spiegel“, sagt Fritz. Ich schaue in den Spiegel und sehe: gar nichts. „Alles wie immer“, sage ich etwas verlegen. Fritz erklärt’s mir: Die schiefe Schulter hängt mit einem Beckenschiefstand zusammen. „Und wenn das Becken nicht gerade steht, kannst du den Rest vergessen“, meint Fritz Buchstaller. Über Jahrzehnte hinweg hat er sich großes Wissen in Anatomie, Kinesiologie und Osteopathie angeeignet, und prüft jetzt mittels Kinesiologie, woher mein Schiefstand kommt. Die Füße sind es nicht. Fritz ertastet einen Punkt hinter meinem Kiefer und drückt. Ein lautes „Aua“ entfährt mir. „Das ist es“, meint er triumphierend. „Du hast einen Nachtverbiss und dadurch zieht dieser Muskel das Becken nach oben.“ Fritz rät mir, diesen Punkt bis zum Ironman jeden Morgen zu massieren. Ich muss auf eine Behandlungsliege und mich auf die Seite drehen. Fritz bearbeitet mein Kreuzbein und irgendeinen chinesisch klingenden Muskel, Ilio-irgendwas... Wenige Minuten später muss ich aufstehen und der ganze Körper fühlt sich auf einmal viel leichter an.
Jetzt beginnt die Arbeit. Die Einlagen aus meinen Radschuhen fliegen raus. „Die sind viel zu dick“, meint der Experte und setzt neue ein. Er vermisst die Schuhe, prüft meine Fußstellung und stellt die Platten für die Klickpedale neu ein. „Die Platten waren viel zu weit vorne. Dadurch hast du zu viel Wadeneinsatz und da du bekommst im Rennen irgendwann Probleme.“ Genauer gesagt beim Laufen.
Ein Triathlon wird beim Laufen gewonnen. Beim Schwimmen und beim Radfahren kann man ihn verlieren. Die Zeit auf dem Rad nimmt auf jeder Triathlon-Distanz die längste Zeit beim Wettkampf ein. Die Kunst besteht darin, sich eine komfortable Ausgangslage für die letzte Disziplin zu schaffen, gleichzeitig aber auch so wenig Kraft wie möglich zu vergeuden. Das Zauberwort heißt: Aerodynamik. Wer der Luft so wenig Widerstandsfläche wie möglich bietet und dabei so effizient wie möglich auf dem Rad sitzt, spart Energie.
Nach über eine Stunde darf ich mich zum ersten Mal auf mein Zeitfahrrad setzen, das mittlerweile in einen Rollentrainer eingespannt und mit Messtechnik verkabelt ist. Als ich mich mit den Schuhen einklicke, auf dem Aero-Aufsätzen liege und im Stehen vor mich hintrete, meint Fritz Buchstaler: „Oh je. Das wird nachher ganz anders.“ Dieser Moment ist mir ein bisschen peinlich. Denn bislang muss jeder meiner Wettkämpfe ein Kraft verschleudernder Kampf gegen Luft und mich selbst gewesen sein. „Wir dürfen den Wind so wenig wie möglich an deine Brust lassen. Ein Skifahrer in der Abfahrt macht sich ja auch ganz klein“, erklärt der 54-Jährige, der Videoaufnahmen von mir auf dem Rad macht. Zwar ist bei Fritz Buchstaller vieles Augensache. Aber für die genaue Optimierung des Sitzwinkels benutzt er auch modernste Computertechnik.
„Du hast eine relativ schlechte Aeroposition auf dem Rad“, lautet seine Diagnose. Zwei Stunden lang arbeitet er an der Einstellung von Sattel, Lenker und Vorbau. Vieles ist Millimeterarbeit. Am Ende werden mit Sensoren mein Sattel- und Fußdruck und die Tritteffizienz gemessen. „Das sind jetzt alles gute Werte. Und du sitzt viel bequemer. Jetzt schaut das richtig nach Triathlon aus“, freut sich Fritz Buchstaller mit mir. Er rechnet aus, dass ich durch die Sitzoptimierung 25 Watt an Kraft spare – und noch dazu schneller unterwegs bin. Umgerechnet auf die 180 Radkilometer sind das über zehn Minuten. Ich habe dann noch deutlich mehr Kraft fürs Laufen – und ich gehe nicht so ermüdet auf die 42,195 Kilometer.

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