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16.07.2010

Knallhart nachgefragt in der Holzklasse

Die Ventilatoren an der Decke ziehen ihre Kreise. Der Fahrtwind schießt durch die geöffneten Fenster in den Zugwagen und lindert doch nicht die Hitze. 40 Grad im Schatten. Wie jeden Tag. Schweißperlen rollen an meinen Schläfen hinunter, fließen in den Rahmen der Brille. Auch am Rücken ziehen sie ihre Bahnen. Dunkle Flecken auf dem eigentlich hellen Hemd. Mein Körper arbeitet. Ich hasse das Schweißbad. Umso mehr verwundert mich der Anblick der Vietnamesen auf den Holzbänken. Normalerweise klagen sie über die hohen Temperaturen, im ständigen Widerspruch zu ihrer makellosen äußeren Erscheinung. Jetzt bedeckt eine Schweißschicht viele der erschöpften Gesichter. Es muss wirklich heiß sein. Es sind rund 100 Kilometer von [URL="http://de.wikipedia.org/wiki/Ninh_B%C3%ACnh"]Ninh Binh[/URL] bis zur Hauptstadt Hanoi. Knapp drei Stunden Fahrt. Viele Studenten sind auf dem Weg nach Hause. Die Semesterferien haben begonnen. Kurz vor jedem Halt schreit der Schaffner den Namen der Station durch den Wagen. Natürlich verstehe ich kein Wort. Ich bin der einzige Ausländer in der Holzklasse. Mir gegenüber sitzt eine ältere Frau. Sie mustert mich neugierig. Mit meinem kläglichen Vietnamesisch und ihrem kläglichen Englisch werfen wir uns Satzfragmente zu. Genug, um uns zu verstehen. Auch dieses Mal bekomme ich die für Vietnamesen scheinbar wichtigste aller Fragen gestellt: "Are you married?". Und gleich hinterher: "Where is your girlfriend?" Dazu muss man wissen: Für Vietnamesen ist die Familie die wichtigste Institution im Leben – von Anfang bis Ende. Sie ist das Element, das Halt und Glück verspricht. Viele Vietnamesen unterwerfen ihr einen Großteil ihrer individuellen Wünsche und Bedürfnisse. So überrascht es mich nicht, dass die Frau zum Schluss wissen will: "Are you happy?". Nach meinem Ja lehnt sie sich beruhigt zurück. Noch zehn Kilometer bis zum Bahnhof von Hanoi. Die Häuserschluchten rücken immer näher – bis es nicht mehr enger geht. In zwei Metern Abstand ziehen nun die Häuser an den Zugfenstern vorbei. Hier erreicht kein Sonnenstrahl mehr das Innere des Zuges. In den Hauseingängen sitzen Menschen und schauen Fernsehen. Andere schrauben an ihren Motorbikes, kochen oder lesen mit nacktem Oberkörper Zeitung. Dem Zug schenken sie keine Beachtung.

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