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Avengers: Infinity War (2018)

30.04.2018

„Finite Plan" - Die Rächer rechnen ab

Der neue Blockbuster aus dem Hause Marvel

Thanos hat einen recht simplen Plan, den er mit geradezu stoischer Konsequenz und Hartnäckigkeit verfolgt. Schließlich braucht es für die Herrschaft des Universums nichts weiter als sechs kosmische Infinity Steine, da lohnt es schon, sich ein wenig anzustrengen. Auch Kevin Feige fasste einen vergleichsweise simplen Plan, als er 2007 zum President der Marvel Studios aufstieg. Auch er strebt nach globaler Herrschaft und auch er zeichnet sich dabei durch eine fast schon apodiktische Beharrlichkeit und methodische Zielstrebigkeit aus. Also brachte er in 10 Jahren zahlreiche bekannte und weniger bekannte Superhelden der Comic-Schmiede Marvel in Stellung, um sie dann gemeinsam in eine epische Schlacht um das Wohl und Wehe des parallel geschaffenen Kosmos zu werfen.

„Infinity War" nennt sich dieses heiß erwartete finale Stelldichein der Super-Heroen, ein ultimativer Judgement day für das illustre Marvel-Personal, der zugleich Ende und Höhepunkt des zunächst auf drei Phasen ausgelegten Marvel Cinematic Universe sein soll. Und es ist wirklich bewundernswert, wie die exakt platzierten und perfekt austarierten Rädchen der einzelnen Figuren und Handlungsstränge nun ineinander greifen und eine ungemein präzise entworfene Maschinerie in Gang setzen, die trotz der enormen Personaldichte nie gehetzt, nie konfus und vor allem nie konstruiert wirkt. Jetzt könnte man natürlich einwenden, dass die Grundhandlung um Thanos Suche nach den Infinity Steinen nicht gerade vor Komplexität und Raffinesse strotzt. Und natürlich sind die außerirdischen Klunker nichts weiter als lupenreine McGuffins, die die titelgebenden Rache- und Krieg-Topoi permanent ankurbeln. Beides trifft zu, nur steckt auch dahinter eine so kluge wie logische Strategie.

Der Fokus und auch die nicht zu unterschätzende Schwierigkeit beim Abschluss der Avengers-Trilogie liegt auf dem Zusammenwirken der höchst unterschiedlichen Figuren. Eine komplexe und vielschichtige Handlung würde das ganze Gerüst krachend zum Einsturz bringen, weil gnadenlos überfrachten. Und mal ehrlich, wer will nicht sehen wie der gockelhafte Snob Tony Stark alias Iron Man (Robert Downey Jr.) auf den nicht minder selbstverliebten Space-Cowboy Star-Lord (Chris Pratt) und seine Chaostruppe der Galaxis-Wächter trifft. Auch das Ego-Kräftemessen zwischen Stark und seinem magischen Narzissmus-Pendant Dr. Strange (Benedict Cumberbatch) fällt in diese „Must see"-Kategorie. Wie passen ein wütender grüner Riese, ein wakandischer König und ein spinnender Teenager in dieses Szenario? Rücken die eher als Helden-Backups agierenden Black Widow (Scarlett Johansson), Falcon (Anthony Mackie), Vision (Paul Bettany) und Scarlett Witch (Eliszabeth Olson) diesmal mehr ins Blickfeld, oder bleibt es beim Knappen-Status? Vor allem aber lebt der Film von der Spannung ob die nach „The First Avenger: Civil War" verfeindeten Avengers-Alphatiere Tony Stark und Steve Rogers (Chris Evans) wieder Seite an Seite kämpfen, ob der stolze Asgardianer Thor (Chris Hemsworth) nach dem Verlust von Volk, Heimat und Hammer („Thor: Ragnarok") überhaupt noch schlagkräftig ist und ob Halbbruder Loki (Tom Hiddleston) sich endgültig für eine Seite entscheiden kann.

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Dass Stratege Feige wirklich nichts dem Zufall überlässt, zeigt auch die Wahl der Regisseure. Das Brüderpaar Anthony und Joe Russo durfte bereits beim zweiten ("The Return of the first Avenger") und dritten Captain America-"Solofim" ran und hat diese Bewerbungsaufgabe mit Bravour bestanden. Schließlich war „Civil War" ein verkappter Avengers-Aufgalopp, bei dem neben dem Titelhelden sage und schreibe 11 Rächerkollegen mit ins Rennen gingen. Die Russos hatten also höchst erfolgreich bewiesen, dass sie eine Heldentruppe in Mannschaftsstärke navigieren können, ohne dabei den Überblick oder den roten Handlungsfaden zu verlieren. Sie haben hier auch unter den Wettkampfbedingungen einer Multimillionen-Dollar-Produktion so entscheidende Faktoren wie gegenseitige Chemie und den für Marvel so typischen Spagat zwischen Humor und Drama auf ihre Tauglich- und Machbarkeit für den anstehenden Ensemble-Erntsfall abklopfen können. Ein ausgeklügelter Trainingsplan, der nun in „Infinity War" reife Früchte trägt. Nun zahlt sich auch aus, dass man in den vorangegangenen 18 Filmen des MCU immer wieder feine Verknüfungslinien gezogen hatte, kleine Hinweise auf den kommenden Endkampf platziert hatte und den diversen Helden nicht nur in ihren Eigen- und Besonderheiten, sondern insbesondere auch in ihren gegenseitigen Wechselbeziehungen scharf akzentuierte Profile verpasst hatte. So genügen in „Infinity War" oft nur ein paar Blicke, Gesten oder flapsige Sprüche um Kaskaden an Konnotationen und Assoziationen los zu treten, die jedem einigermaßen MCU-Kundigen einen Heidenspaß bereiten. Das soll nicht heißen, dass ein totaler Avengers-Novize den Film nicht verstehen oder gar langweilig finden würde. Die ganze Produktion ist professionell und erfahren genug um auch Unkundige überdurchschnittlich gut zu unterhalten.

Fraglos ist aber „Infinity War" zuvorderst ein Fanfilm in Reinkultur, eine Art finale Belohnung für gut 20 Jahre Leidenschaft und Treue. Die zahllosen Anspielungen, Referenzen und verknüpften losen Enden sind eine wahre Fundgrube für MCU-Jünger und bei einer Einmalsichtung kaum in Gänze erfassbar. Trotz eines erneuten Geniestreichs aus dem erfolggewohnten Marvel-Stall ist das surrende Getriebe aber nicht gänzlich frei von störendem Sand. Der arg simple Plot um eine schnöde Steinschnitzeljagd fällt durch das famos dirigierte und interagierende Personal kaum ins Gewicht. Etwas schwerer wiegt da schon die wieder einmal nicht sonderlich charismatische und furchteinflößende Antagonistenfigur. Die Entscheidung für einen CGI-Charakter, der durch Josh Brolin via Motion-Capture-Verfahren lebensechter wirken soll, geht nur bedingt auf. Auf der Habenseite stehen eine relative Verwundbarkeit an Seele und Körper, den künstlichen Anstrich wird Thanos dadurch aber nur teilweise los. Ein wenig stören auch die den Film durchziehenden Tonalitätswechsel den homogenen Gesamteindruck. Wenn der Film dann im letzten Drittel in einen für Marvel-Verhältnisse geradezu melancholischen, fast finsteren Modus schaltet, steht das im harschen Kontrast nicht nur zur gewohnt farbenfrohen Optik, sondern insbeondere zu einigen betont humoristischen Passagen und zeigt die enorme Herausforderung die in ihrer Ausrichtung und Stimmung teilweise sehr unterschiedlichen Soloabenteuer unter einen dramturgischen Hut zu bringen. Dennoch ist das vergleichsweise desillusionierende und offene Ende nur konsequent und äußerst clever im Hinblick auf die anstehende Fortsetzung. Wenn auch sicher aus marketingtechnischen Gründen das große Finale auf zwei Filme aufgeteilt wurde - „Harry Potter", „Hunger Games" und auch die TV-Konkurrenz wie "Game of Thrones" lassen grüßen -, so ist ein aus Heldensicht verlustreiches Ende ein idealer Cliffhanger und Appetizer für die endgültige Abrechnung. Bleibt nur zu hoffen, dass Feige und mit ihm die Russo-Brüder hier keine Korrekturen vornehmen, die sich unter dem Deckmantel des Fantasy-Überbaus nur allzu leicht rechtfertigen und bewerkstelligen ließen. Die stets großen Worte über Verantwortung, Verlust und Schicksal würden so zu bloßen Worthülsen verkommen und das so akribisch erschaffene Marvel-Universum beschädigen. Ein solch billiger Anbiederungsservice steht allerdings kaum zu erwarten. Zu perfekt wurde alles und jeder arrangiert, in Stellung gebracht und in den Dienst der großen Sache „MCU" gestellt. Einen lange Jahre unbeirrbar durchgezogenen Plan kurz vor dem Ziel über den Haufen zu werfen, wäre eine kolossale Torheit. Nun, Kevin Feige mag vieles sein, aber ganz sicher kein Tor. Der grenzenlose, unendliche Krieg wird enden - und zwar nach Plan.

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