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27.10.2011

Die Guanacos spucken weiter - Kein Ende der Studentenstreiks in Sicht

“USACH en toma” steht in großen Buchstaben auf dem Transparent, das über dem Haupteingang meiner Universität, der staatlichen Universidad de Santiago de Chile, aufgespannt ist. Darunter hängen weitere Plakate, eines davon zeigt eine Karikatur des chilenischen Innenministers Rodrigo Hinzpeter mit Hitlerbärtchen und Hakenkreuz.

En toma, also „besetzt“, ist der 32 Hektar große Campus im Zentrum Santiagos schon seit zwei Wochen. Die Eingänge sind mit Tischen und Stühlen verbarrikadiert, Vorlesungen finden nicht mehr statt. Die Verhandlungen zwischen den chilenischen Studentenführern und der Regierung von Präsident Piñera stecken in der Sackgasse, und während an den meisten privaten und vielen staatlichen Universitäten mittlerweile der Streik beendet wurde, ist an der USACH davon noch nichts zu spüren. „Wir werden am Donnerstag wieder abstimmen“, erklärt mir einer der Studenten, die die Eingänge kontrollieren.  „Aber ich glaube nicht, dass wir mit dem Semester beginnen werden – Wenn wir jetzt aufgeben, wird sich nie etwas ändern.“

Die Lage ist schwierig:  Die chilenische Studentenbewegung und ihre Sprecherin  Camila Vallejo, überzeugte Kommunistin, stehen mit ihrer Forderung nach kostenfreier Bildung einer  wirtschaftsliberalen, rechtskonservativen Regierung gegenüber, die an Beliebtheit nichts mehr zu verlieren hat.

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Nicht nur die Studenten, auch ein großer Teil der chilenischen Bevölkerung wünscht sich einen grundlegenden Wandel in Chile. Neben kostenfreier Bildung geht es um die Einführung eines „plebiscito“, eines Volksentscheids, um mehr Demokratie. In einem fortschrittlichen Land wie Chile, das sich lieber mit Europa oder den USA als Lateinamerika vergleicht, sollten solche Forderungen eigentlich selbstverständlich sein.

Aber wie nah die Diktatur noch ist, und wie fest Pinochtes Vermächtnis noch im kollektiven Gedächtnis verankert ist, das wird im Gespräch mit den Menschen klar. Die permanente Bedrohung durch Pinochets Geheimpolizei besteht heute nicht mehr – Und trotzdem, die Angst ist noch da. Es kursieren Gerüchte, das im Tränengas mehr giftige Substanzen enthalten seien, als erlaubt,  und die Regierung entsprechende medizinische Gutachten unterdrücken würde. Die Gewaltbereitschaft, so scheint es, nimmt zu – auf beiden Seiten.  Obwohl die Sprecher der CONFECH, der Studentennvereinigung, sich ständig von den „Encapuchados“ (den vermummten Unruhstiftern) distanzieren ist das Bild von Vandalismus und jugendlicher Zerstöhrungswut in den chilenischen Medien allgegenwärtig. Da ändert es auch nicht viel, dass inzwischen Fälle von Polizisten bekannt wurden, die als Protestierende verkleidet Steine geworfen haben, um das Image der Studentenbewegung zu schädigen.

Ich fühle mich als Ausländerin inmitten dieses vielbeschworenen „momento historico“  eher verunsichert und schwanke zwischen Ärger über die erschwerten Umstände und Sympathie für die streikenden Studenten. Mittlerweile veranstalten zwar einige Professoren der USACH Tutorien für Ausländer, aber die Orte und Uhrzeiten ändern sich je nach Streiklage. Die wichtigsten und schnellsten Informationen  werden per Facebook ausgetauscht. Unter den ausländischen Studenten kursieren derweil Gerüchte, dass die chilenischen Polizisten bei Protesten gezielt Ausländer verhaften und diese dann ausweisen würden.

Sicherheitshalber habe ich mich bei der Deutschen Botschaft in Santiago über meine rechtliche Lage erkundigt und tatsächlich: Das chilenische Innenministerium untersagt Ausländern auch die friedliche Teilnahme an Demonstrationen. Man bestätigt mir per Mail: „Es gab auch bereits Inhaftierungen von deutschen Freiwilligen, die sich temporär in Chile aufhalten und sich friedlich an Studentenprotesten beteiligt haben. Sie wurden zwar nicht sofort abgeschoben (wie andere EU-Staatsbürger), mussten sich aber seit Inhaftierung zunächst täglich, jetzt wöchentlich auf der Polizeistation melden. Es ist daher von einer Beteiligung an - auch friedlichen - Studentenprotesten dringend abzuraten.“ 

Die nächsten Demonstrationen sind bereits angekündigt worden. Fest steht: Es werden wieder tausende Studenten, Professoren, Arbeiter, Schüler und Eltern auf die Straße gehen – und mit Sicherheit wird  es auch diesmal wieder mit Wasserwerfern (den "Guanacos"), Tränengas und Festnahmen enden. Wann und mit welchem Ergebnisse der Studentenprotest in Chile enden wird, das weiß allerdings niemand.

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