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24.10.2011

Kinderarbeit unter Tage - Bergbau in Bolivien

Einst die reichste Stadt der Welt, heute eine heruntergekommene Siedlung: Potosí ist die dritthöchste Stadt der Welt. Die Einwohner leben entweder vom Tourismus oder vom Bergbau, andere Beschäftigungsmöglichkeiten gibt es kaum.

In den Silberminen von Potosí herrschen harte Arbeitsbedingungen – und einige der „Mineros“ sind dazu noch minderjährig

Diesen Artikel habe ich nach einer dreiwöchigen Reise durch Bolivien geschrieben.Er ist in gekürzter Form unter dem Titel "Wenn Kinder arbeiten müssen"  bereits der auf capito-Seite der Augsburger Allgemeinen erschienen.

„Das ist der Cerro Rico, oder  Sumaj Orcko, wie wir in Quechua sagen. Beides bedeutet reicher Berg," erklärt Pedro und zeigt auf den großen, von Löchern zerfressenen Steinhügel  an dessen Fuß die Stadt Potosí liegt. „Dort bauen die Bergmänner Silber , Kupfer und Zinn ab.“

Pedro sagt diese  Sätze fast jeden Tag. Er arbeitet nämlich als Turistenführer und zeigt Ausländern die Minen des Cerro Rico. Pedros Heimatstadt Potosí liegt in Bolivien, dem ärmsten Land auf dem lateinamerikanischen Kontinent .  Eigentlich ist Bolivien ein sehr reiches Land: Es gibt dort viele Bodenschätze, also Plätze, an denen Silber, Zinn, Kupfer, Erdöl in der Erde zu finden sind. Aber leider werden diese Rohstoffe meistens von ausländischen Firmen aus Europa oder Amerika ausgebeutet, also abgebaut und verkauft, ohne dass die Bolivianer Geld damit verdienen können. Das ist schon sehr lange so: Im 16. Jahrhundert, also vor fast 500 Jahren, kamen die Spanier von Europa nach Bolivien und nahmen den Menschen, die dort wohnten, ihr Land und ihre Freiheit weg. Die Indios, so werden die Ureinwohner Boliviens genannt, mussten als Sklaven in den Minen von Potosi für die Eroberer arbeiten und wurden sehr schlecht behandelt.
Auch heute noch haben in Bolivien viele Menschen keine Arbeit oder verdienen nur sehr wenig Geld. So wie die Minenarbeiter in Potosí, die jeden Tag 16 Stunden unter der Erde arbeiten müssen. Dabei ist jeder Bergmann auf sein Glück angewiesen:  Wer an schlechten Tagen wenig Silber findet, der verdient auch wenig Geld.

 Pedro nimmt die Touristengruppen mit in die Minen, wo sie den Bergleuten direkt beim Arbeiten zusehen können. Zuvor aber geht er mit ihnen auf einen Markt, wo alles verkauft wird, was unter Tage (das bedeutet: im Bergwerk) gebraucht wird: Getränke, Sprengstoff, Alkohol und Coca-Blätter. „In der Mine kann man nichts essen, weil die Luft dort sehr stickig und giftig ist. Deswegen kauen die Bergabeiter Coca-Blätter und trinken Alkohol, das hilft ihnen den Hunger zu vergessen und mehr zu arbeiten.“  Die Touristen kaufen diese Dinge deshalb auf dem Markt und bringen sie mit in die Mine,  als Geschenke  für die Bergarbeiter.

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Pedro weiß aus eigener Erfahrung, was in unter Tage gebraucht wird, denn er hat selbst früher im Cerro Rico Silber abgebaut. „Ich habe mit 10 Jahren angefangen in der Mine mitzuhelfen. Mein Vater war Bergmann und hat mich und meine zwei Brüder mitgenommen. Weil ich noch sehr klein war, konnte ich viel leichter durch die engen Gänge kriechen. Deshalb hat mein Vater immer die Löcher für den Sprengstoff gebohrt, und mich dann mit Streichhölzern in den Schacht geschickt, um das Dynamit anzuzünden. Dann musste ich ganz schnell wieder rauskriechen – das war sehr gefährlich.“  Auch die anderen Arbeiten in der Mine sind sehr anstrengend und schlecht für die Gesundheit. Die Minenarbeiter müssen die Karren mit Steinbrocken, aus denen später das Silber herausgeschmolzen wird, mit eigener Kraft aus dem Schacht ziehen. Weil nicht viel Platz in den Gängen ist, müssen sie sich dabei bücken und bekommen Rückenschmerzen.  Um das silberhaltige Gestein aus dem Berg zu holen, müssen die Minenarbeiter Löcher in die Stollenwände bohren und es heraussprengen. Danach werden die Brocken mit dem Hammer zerkleinert und ans Tageslicht geschafft. Weil es in den Minen kaum Sauerstoff und SicherheitsAusrüstung gibt,  passieren oft Unfälle, bei denen manchmal sogar Bergmänner sterben.


Dabei sind viele der Mineros noch nicht einmal erwachsen und haben, wie Pedro, schon mit 8 oder 10 Jahren angefangen zu arbeiten. Solche Kinderarbeit ist in Bolivien, genau wie in Deutschland, nicht erlaubt. Der Staat hat ein Gesetz gemacht, dass es Erwachsenen verbietet, Kinder  zum Arbeiten statt in die die Schule zu schicken. Pedro erzählt: „Wir hatten Angst, dass unser Vater verhaftet werden würde, weil wir in der Mine mithelfen. Darum haben wir ihm gesagt, dass das verboten ist. Mein Vater wurde dann aber sehr wütend , weil er meinte, wir wären nur faul und hätten keine Lust zu Arbeiten. Deshalb  hat uns mit seinem Gürtel verhauen und gemeint, es würde sowieso keine Polizei die Mine kommen und das kontrollieren. Und damit hatte er Recht – die Regierung interessiert sich nicht dafür, wer hier arbeitet.“

Pedro aber arbeitet schon seit ein paar Jahren nicht mehr als Bergmann: Zusammen mit vier anderen ehemaligen Minenarbeitern hat er ein eigenes Unternehmen gegründet, das Minen-Touren für Touristen anbietet. „The Real Deal“ haben sie ihre Firma getauft, das ist Englisch und bedeutet so viel wie „das richtige Geschäft“.  „Wir möchten den Besuchern zeigen, wie die Bergarbeiter hier arbeiten, wie die wirklichen Bedingungen sind“ sagt Pedro. Er und die anderen Fremdenführer sind sehr glücklich, jetzt nur noch ein paar Stunden am Tag mit den Touristen in die Minen gehen zu müssen. Pedros zwei Brüder und fast seine ganze Familie arbeiten allerdings noch immer als Mineros im Cerro Rico. Es bleibt ihnen auch kaum eine andere Wahl – viel andere Arbeit gibt es in der Gegend nicht.  Darum gibt es auch weiterhin viele Familien, die ihre Söhne in die Minen zum Arbeiten schicken um das Einkommen der Familie zu sichern.

Maria Birkmeir (birle)

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