08.11.2011

Mit den Kindern zum Protestmarsch

Es hätte ein Jahrmarkt oder ein Sommerfest sein können. Aber die Hunderten von Müttern, Vätern und Großeltern, die sich mitsamt ihren Kindern und Enkeln am vergangenen Sonntag nachmittags auf dem Plaza Italia im Zentrum von Santiago de Chile trafen, waren nicht alleine deshalb gekommen, um  den strahlenden Sonnenschein zu genießen. Am 6. November fand der bislang friedlichste und schönste Protestmarsch statt, den ich während meines dreimonatigen Aufenthalts in Chile erlebt habe: Ein „Marcha Familiar“ – eine Familiendemonstration.

Wie bei den vorherigen Märschen sind die verschiedensten Gruppierungen vertreten: Die kommunistische Partei-Jugend mit ihren roten Fahnen, musizierende Studenten mit Panflöten und Trommeln, Professoren mit Protestplakaten, kostümierte Stelzenläufer, Schüler, Tanzgruppen und Öko-Aktivisten - Aber heute sind es vor allem die Familien. Zwischen den Teilnehmern laufen Straßenverkäufer, die von kalten Getränken und Konfetti-Beuteln über Protestfahnen, Trillerpfeifen und Empañadas mit alles anbieten, was die Demonstranten brauchen könnten.

Der siebenjährige Franciso ist mit seiner Großmutter gekommen, sie hat ihm ein großes Schild geschrieben, auf dem steht: „Ich möchte die Gelgenheit zu studieren und bin ein guter Bürger“.Noch bevor ich um Erlaubnis fragen muss, hat sie ihr Enkelkind schon für ein Foto in Position gebracht.

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Auch die kleine Antonia und ihr Bruder tragen bunte, selbstgebastelte Plakate und sind von ihren Eltern auf den Umzug mitgenommen worden. Die Mutter erklärt mir: „Wir zahlen jetzt schon eine Menge Geld für eine private Grundschule. Auf eine staatliche Schule wollen wir unsere Kinder nicht schicken, das sind miserable Einrichtungen.“ Schließlich setzen sich die Menschenmassen in Bewegung, der Marsch beginnt. Vorne an der Spitze, mit einem großen weißen Transparent, laufen die drei Hauptakteure der CONFECH, der chilenischen Studentenverbindung: Die bekannte Anführerin Camila Vallejo, Giorgio Jacksom, der Präsident der Universidad de Chile und Camilo Ballesteros, der an meiner Gastuniversität, der USACH, vom Studentenparlament zum Anführer gewählt wurde. Hinter ihnen folgt ein Meer von Bannern und Fahnen: Viele haben chilenische Flaggen mitgebracht und sie mit Parolen wie „Kostenfreie Bildung ohne Abzocke“ beschriftet. Vor vor allem die bunten Fahnen mit dem Symbol der Mapuche, der chilenischen Ureinwohner, flattern im Wind. Mehr Chancengleichheit für die indigene Bevölkerung ist eines der vielen Themen, die neben dem Kampf um kostenfreie Bildung die Menschen auf die Straßen treiben.

Ich spreche mit zwei Männern, die ein großes selbstgemaltes Banner mitgebracht haben. Der eine erklärt mir: „Wir Mapuches haben noch schlechtere Bildungschancen als die übrigen Chilenen. Die meisten sind auf das öffentliche Schulsystem angewiesen, und das taugt überhaupt nichts. Die Regierung interessiert sich nicht für uns, das sind Neoliberalisten, die wollen nur Gewinn machen.“ Sein Freund nickt bestätigend: „Ich bin ein Gringo, noch nicht einmal Chilene. Aber ich unterstütze die Anliegen der Mapuche, deshalb bin ich auch gekommen.“  Neben den farbenfrohen Fahnen der Ureinwohner flattern vor allem rote Tücher in der Luft, bedruckt mit dem Konterfei von Ex-Präsident Salvador Allende oder Che Guevara.

Vom Plaza Italia aus zieht die bunte Kolonne weiter die Alameda entlang, Santiagos Hauptschlagader. Die Studenten stimmen ihre Schlachtrufe an: „Nieder, nieder mit Pinochets Bildungssystem!“ und hüpfen bei „Und wer nicht springt, ist für Piñera“ kräftig im Rhythmus mit. Einige haben sich  als Piraten mit Politiker-Masken verkleidet und ein großes Schiff aus Pappmache gebastelt.

„Das ist noch gar nichts im Vergleich zu den riesigen Märschen, die wir im Juni hatten“, meint Andrés. "Da waren es zehntausende Menschen, die mitmarschiert sind, nicht nur ein paar wie heute." Der Student ist wie ich an der USACH eingeschrieben und hat das Amt des Wahlvertreters für seinen Studiengangs Politikwissenschaften übernommen. Seit vergangenem Donnerstag ist die Besetzung unseres Campus per Studnenntenbeschluss  beendet worden, nachdem die Universidad de Santiago de Chile über drei Wochen belagert worden war. Ich frage Andrés, ob die Studenten an meiner Uni auch den Streik beenden werden. „Früher oder später werden sicherlich die Vorlesungen beginnen. Es hat keinen Sinn mehr, wir haben nicht viel erreicht.“ Die Studenten der staatlichen Universitäten sind frustriert, bislang konnten sie Piñeras Regierung kaum Zugeständnisse abringen. „Wir bräuchten die Unterstützung der Arbeiter. Nur die Studenten, das reicht nicht. Diese Märsche, die haben nur noch symbolische Bedeutung.“ meint Andrés.

Der Protestmarsch zieht derweil an der Moneda vorbei, dem chilenischen Regierungssitz. Die Carabinieros halten sich diesmal sehr zurück, sie stehen mit mit vergitterten Bussen und Wassertanks in den Seitenstraßen für einen Einsatz bereit, bleiben während des Umzugs aber auf Distanz.

Ganz in der Nähe der Monedea ist das Gebäude der traditionsreichsten staatliche Universität des Landes, die Universidad de Chile. Vor dem Eingangsportal hängen Plakate mit Parolen und ein großes schwarzes Banner. Die Studenten halten das Gebäude seit Juni diesen Jahres besetzt, wie lang es noch weiter geht hängt von den fakultätsinternen Abstimmungen ab.

Der Demonstrationszug endet beim Parque Almagro. Mehrere bekannte chilenische Musiker wie die Gruppe Chico Trujillo, Manuel Garcia und Illapu treten gratis auf, die Atmosphäre gleicht einem Festival. Camila Vallejo hält eine kurze Rede und fasst das Ziel des Familien-Marsches zusammen: „Diese Bewegung ist nie ein bloßer Protest der Studenten und Professoren gewesen. Es ist eine Bewegung der chilenischen Familien, der Arbeiter, der ganzen Gesellschaft.“ Die Massen auf die Straße zu holen, das haben die Studenten erneut geschafft. Heute gehen die Menschen durchnässt nach Hause, aber nicht wegen der Wassertanks. Wegen der Hitze haben wohlmeinende Anwohner Wasser auf die Demonstranten geschüttet, und spätestens während des Konzerts tanzen die Menschen, bis ihnen der Schweiß hinunter rinnt. Auch gewaltsame Ausschreitungenn und Festnahmen ssehe ich keine. Stattdessen Tanz, Gesang und Freude. Aber ob das reicht, um die chilenische Regierung von einem Kurswechsel zu überzeugen?

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