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23.08.2011

Der Augsburger Westen: Flucht in die Arrestzelle

Selbst die Blätter wollen bei der Hitze nicht mehr. Sie fallen von den Bäumen. Franz Trinkner fährt in seinem Laubsauger die Stadtberger Bismarckstraße entlang. „Das ist bei dem Wetter leichter als mit dem Handbläser“, sagt der Hausmeister. 26 Grad im Schatten zeigt die Anzeige an der Antonius-Apotheke an. Dabei ist es gerade einmal 10 Uhr. Ich starte meine zweite Tour. Sie führt mich von der Endhaltestelle der Linie 3 in Stadtbergen zum Hotelturm.

Im Buchladen von Heiner Schmitt ist es kühl. Er empfiehlt „ Cliffhanger“ von Tom Binding. Darin wirft ein Mann seine Frau von der Klippe. Als er nach Hause kommt sitzt sie auf der Couch. Wen hat er umgebracht? Ich muss lachen. Es ist meine erste Begegnung mit dem Tod an diesem Tag, es sollen noch weitere kommen.

Das lachen vergeht mir zusehends, aber von Anfang an. Auf dem Westfriedhof ist es ruhig. Eine Trauergemeinde löst sich gerade auf. „Aus die Maus“, sagt ein Gast trocken. Es ist so. Die Idylle im Augsburger Westen ist ein schöner Ort, es ist aber auch ein trauriger Platz, viele Augsburger haben hier ihre letzte Ruhe gefunden. Nur eine Handvoll Frauen und Männer pflegen am Vormittag die Gräber. Auf dem Westfriedhof gibt es alles: Urnengräber, ein anonymes Urnen-Feld, einen Naturfriedhof. „In den vergangenen Jahren ist die Nachfrage nach Baumbestattungen immens gestiegen“, berichtet Friedhofsverwalterin Susanne Ettenhofer. Ich übersehe sie fast. Kleine viereckigen Platten reihen sich um die dafür ausgewiesenen Bäume. Ich spaziere über den Friedhof, genieße die angenehme Stille. Die Hitze lässt sich hier gerade so ertragen.

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Aber es hilft nichts. Ich verlasse den Friedhof, quere die Augsburger Straße und betrete den Sheridan Park. Still ist es auch hier. Beängstigend still. Unangenehm still. Das Viertel ist tot. Noch. Es wird Jahre dauern bis den trostlosen Wohnblocks, die sich mitte im Bau befinden, Leben eingehaucht wird. Trockene Bäumchen an den erst teilweise geteerten Gehwegen und Straßen sind meine einzigen Weggefährten. Die Sonne brennt. Die dürren Pflanzen spenden keinen Schatten, Wasser habe ich auch keines mehr. Ich verlasse das Areal.

In der Bürgermeister-Bohl-Straße betrete ich den Kalka Army Store. Ein Überbleibsel aus den vergangenen Jahren, als noch die Amerikaner in der Sheridan-Kaserne wohnten. Ein älterer Herr begrüßt mich. Heute würden nur noch Schüler und Soldaten der Bundeswehr kommen. „Wissen Sie woher der Name Sheridan kommt?“, fragt er mich. Es sei ein einfacher amerikanischer Soldat gewesen, der von der SS erschossen worden sei, erzählt er und beginnt zu weinen. Betrübt verlasse ich den US-Army-Shop, irre weiter durch ein bereits bewohntes Gebiet des Sheridan Parks. Ödland. Alle Gebäude sind verrammelt, die Jalousien heruntergelassen, Wippen, Schaukeln, Planschbecken und Bobby-Cars stehen verwaist auf den Terrassen der Einfamilienhäuser. Nur John und seine zweieinhalbjährige Tochter Sophia treffe ich dort an. Seit vier Wochen wohnen sie in der Siedlung. „München wird immer unbezahlbarer“, sagt er. Seine Frau kommt aus Augsburg, da war der Umzug in ihre Heimatstadt naheliegend. „Ich mag Augsburg. Es muss sich nicht verstecken, hat Tradition, Geschichte und schöne Ecken. Für Familien mit Kindern ist das Leben hier ideal“, sagt er.

Ich muss weiter. Es ist unerträglich heiß, mein Schädel brummt, ich quäle mich über die Uhlandstraße und Chemnitzer Straße in Richtung Wertach. Auf der ersten Parkbank, die im Schatten steht, sinke ich wie ein nasser Sack nieder. Das Umfeld der morschen Bank ist hässlich, sie steht halb im Gebüsch, Ameisen krabbeln über mich, Fliegen traktieren meinen erhitzen Körper. In meinem Handy lese ich, dass Loriot gestorben ist. Das ist zu viel. Die Sonne, der Durst, der weinende Mann, und jetzt Loriot, am liebsten würde ich selber heulen. Dafür fehlt mir die Kraft.

Als ich über den Eisernen Steg gehe, kann ich den Hotelturm schon wieder sehen, über denWeg entlang der Kleingartenanlage an der Rosenau gelange ich ins Antonsviertel. Jetzt kann mir nur noch einer helfen: die Polizei. Ich weiß, dass die Arrestzellen dort im angenehm kühlen Keller liegen. Die Polizeisprecher Robert Göppel und Hieronymus Schneider freuen sich über meinen Besuch in ihrem Büro in der Gögginger Straße. Im August ist es in ihrem Bereich etwas ruhiger, da bleibt Zeit für einen kurzen Plausch. In anderen Abteilungen des Gebäudes, der Präsidium, Kriminalpolizei, Polizeiinspektion-Süd, Ergänzungsdienst und Einsatzzüge vereint, herrscht dagegen Hochkonjunktur. „Machen Sie die Tür nicht zu!“ Etwa in den Arrestzellen. 20 an der Zahl gibt es im Keller. „Aber machen Sie die Tür nicht zu“, rufe ich Polizeihauptmeister Reiner Schieferdecker zu, als er mir eine zeigt.

Es ist zwar kühl, aber ein beklemmendes Gefühl. Mir ist nicht mehr zum Lachen zumute. „Hier gibt es auch nichts zu lachen“, sagt Schieferdecker. Wer hier Dienst schiebt, braucht starke Nerven. Betrunkene und Randalierer schlafen ihren Rausch aus, schreien, und schlagen gegen die Tür, vermeintliche Verbrecher warten auf ihren Gang vor den Haftrichter. Sie kommen immer wieder. „Viel zu wenig werden dauerhaft eingesperrt“, sagt Schieferdecker und öffnet mir die Tür in die Freiheit. Auf der Straße erwartet mich die schwülheiße Luft, im Parkbiergarten am Hotelturm ein Brot mit Obatzem. Hunger habe ich keinen mehr. Der ist mir vergangen.

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