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22.08.2011

Durch Augsburgs heißen Norden

Liebe Leser,

diese Woche bin ich nicht "ab acht" Uhr abends unterwegs, sondern "ab acht" Uhr morgens. Deshalb entfällt diese Woche die Kolumne aus dem Nachtleben. Aber Augsburg hat auch untertags einiges zu bieten wie man sieht....

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Durch Augsburgs heißen Norden

Auf dem Weg nach Oberhausen erwarten mich Scherben, ein Werbekasten an der Wertachbrücke liegt in Bruchstücken am Boden. Aber das Augsburger Scherbenviertel ist die Gegend nicht, das ich gestern besuche. Sie ist vielseitig, bunt, ein Sammelsurium aus „ alteingesessen“ und „irgendwie anders“.


Heruntergekommene Fassaden, leer stehende Geschäfte – das war gestern. Auf der Fahrt mit der Linie 4 nach Oberhausen Nord reiht sich ein Geschäft an das andere: Mode aus erster und zweiter Hand, Änderungsschneiderei, Brautmode, Pizza-Service, Supermärkte und Asia-Laden. Die Fahrt erscheint mir viel zu kurz: Am Park & Ride Parkplatz Augsburg Nord heißt es aussteigen, eine vierstündige Wanderung steht mir bevor, ich gehe es entspannt an.


Nach nur wenigen Schritten lege ich den ersten Halt am Hotel Alpenhof ein. Mitinhaberin Marlene Schön ist müde. In der Nacht ist der Nachbar, der auf dem Gelände nach dem Rechten sieht, gestürzt, hat sich das Bein gebrochen, Sohn Andreas musste einspringen. Nun muss sie den Nachtdienst neu organisieren, aber wirklich planbar ist in dem traditionsreichen Familienbetrieb an der Donauwörther Straße ohnehin nichts. Unter der Woche kommen Geschäftsreisende, am Wochenende und in den Ferien die Touristen. „Viele Familien besuchen das Legoland. Wenn das Wetter so schön ist, bleiben sie auch einen Tag länger“, sagt sie. Seit über 40 Jahren lebt sie in Oberhausen, fühlt sich mit dem nördlichen Stadtteil richtig verwachsen. Warmherzig, so beschreibt sie ihr Viertel.


Warm, um nicht zu sagen heiß, ist es einige hundert Meter weiter. In der FCA-Geschäftsstelle wird geschwitzt. Das offene Fenster soll etwas Durchzug bringen. Bringt es aber nicht. „Da hilft nur noch einen kühlen Kopf bewahren und kühle Getränke“, sagt Törles Sommer. Das Ziel des FC Augsburg sind am kommenden Samstag in Nürnberg drei Punkte.
Mein Ziel ist ein anderes. Ich laufe die Donauwörther Straße entlang, seit sie umgebaut worden ist, brettert der Verkehr nicht mehr an einem vorbei. Vielleicht schluckt auch einfach der heiße Asphalt den Straßenlärm, ich höre das Zischen der Sprenkleranlage des Trainingsgeländes. Bilder von einem geöffneten Hydranten in Amerika schießen mir durch den Kopf. An einer Abkühlung ist nicht zu denken.


Auch für Michael Schmidt nicht. Er ist Hausmeister im Eschenhof. Mit einem Mini-Traktor fährt er die geleerten Mülltonnen in den Hof des Wohnblocks. Nicht weil sie so schwer sind, sondern weil es schneller geht. Um 420 Wohneinheiten kümmert er sich. Auch ihm stehen die Schweißperlen im Gesicht. „In dem Traktor grillt man, abends bin ich dann durch“, sagt er und braust mit dem kleinen Gefährt schon wieder von dannen. Es spielen keine Kinder auf dem kargen Grün des Hofs, aus geöffneten Fenstern höre ich Musik, vereinzelt Stimmen. Es ist wenig los.

Das findet auch Yagmur Göksu. Ihr Vater führt seit eineinhalb Jahren die türkische Bäckerei Öz Basak in der Donauwörther Straße, sie hilft ihm dabei. „Viele unserer Kunden sind im Urlaub“, sagt sie. Fladenbrot, süß klebrig glänzendes Baklava in allen Variationen, Börek mit Käse, Spinat oder Hackfleisch und Kekse haben sie im Angebot. Es ist Ramadan. „Dann kaufen die Türken besonders gerne Baklava. Nach dem Fasten wächst untertags der Hunger auf etwas Süßes“, sagt sie.


Ich wähle einen Börek – Spinat und Schafskäse im Blätterteig. Keine leichte Kost für eine Sommer-, nein Sonnenwanderung. Es ist spät. Ich habe mich verratscht. Im Laufschritt springe ich in der Zollernstraße von Schatten zu Schatten, esse einen Teil des unterarmgroßen Gebäcks. Die Brösel des Blätterteigs bleiben auf meinem schweißnassen Köper kleben. Am liebsten würde ich im Biergarten des Weißen Adlers einkehren. Wie wohl die Schlachtschüssel mit Kraut und Kartoffeln aussieht? Ich wechsle die Straßenseite, statte Dr. Helmut Streng einen Besuch ab. Im Büro des Chefarztes der Frauenklinik im Josefinum sorgt ein kleiner Ventilator für frischen Wind. Rund 2500 Geburten verzeichnet das Krankenhaus jährlich. Zu den Top-Geburtsmonaten zählen der Juli und der September. Während die Schwangeren in den heißen Monaten der Geburt sprichwörtlich entgegenfiebern, bekommen sie bei derselben von den Temperaturen nichts mehr mit, versichert der Chefarzt. „Die Gedanken gehen dann ganz woanders hin“, so Dr. Streng. Die Neugeborenen dürften bei der Hitze nicht allzu dick eingepackt werden, sonst bestehe die Gefahr der Überwärmung. Mein Blick fällt aus dem Fenster. In der Ferne sehe ich den Gaskessel. Soll ich schummeln? Meine Route etwas abkürzen?


Nein, ich stapfe durch die August-Wessels-Straße, betrete das Gelände des Gaswerks. Im alten Verwaltungsgebäude erinnern ein paar Poster und Schilder an das Grenzenlos-Festival. Die Tür steht offen, ich will sehen, was sich in diesem Gebäude befindet und finde tatsächlich etwas. Das Atelier von Peter Schlichtherle. Seit März malt er seinen zeitkritischen Surrealismus in den Räumen. „ Windpark“ heißt sein neuestes Projekt. Die Zeit drängt. Über die Ulmer und Brandnerstraße gehe ich zum Plärrer.

An der Ecke Seitzstraße bietet Mikdat Samyeli riesige Melonen als Erfrischung an. Bei Festwirt Alois Binswanger gibt es eine andere Erfrischung. „Meine Mitarbeiter, die beim Aufbau des Festzeltes helfen, haben sich Wurstsalat gewünscht.“ Am Freitag geht der Plärrer los. Doch morgen muss alles fertig sein. Der FCA hält dort am Mittwoch seine Jahreshauptversammlung. „Heiß wird es“, so Binswanger. „Aber an den Getränken soll es nicht scheitern“, sagt er und lacht.

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