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25.08.2011

Hechelnd und lächelnd durch Lechhausen

Noch eine Station. Noch eine. „Ja, wo fährt die Tram hin?“, denke ich mir mit zunehmenden Entsetzen. Die Endstation der Linie 1 ist in Lechhausen am Neuen Ostfriedhof, gefühlt am Ende der Welt. Mit der Gewissheit alles zurücklaufen zu müssen setze ich mich schleunigst in Bewegung, und komme nicht weit. Es ist einfach zu verlockend, einmal bei Kuka anzuklopfen.


Seit 1958 hat der Roboter-Hersteller seinen Sitz an der Zugspitzstraße. Rund 2850 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen in seinen Werken in Lechhausen und Gersthofen. Hier wird in den Sommerferien nicht ein Gang nach unten geschaltet, erfahre ich. Die Auftragsbücher sind proppenvoll, erzählt der Vorarbeiter Günter Nehmke. Eine schweißtreibende Angelegenheit. Doch Kuka hat vorgesorgt: In den Aufenthaltsräumen gibt es Wasser und Kaffee für die Mitarbeiter umsonst. „Am Nachmittag ist die Hitze in der Produktionshalle unerträglich“, sagt Nehmke. Dann gibt es einen Motivationsschub. „Die Meister lassen gerne auch einmal ein Eis springen.“


Das habe ich mir noch nicht verdient. Ich muss weiter. In der Blücherstraße haben es sich die Rentner im Caritas-Seniorenzentrum St. Anna im Schatten gemütlich gemacht. Sie warten auf das Mittagessen. Viele der 120 Bewohner kommen aus Lechhausen. Wie etwa Anni Bramer. Als sie Anfang des Jahres in das Seniorenzentrum zog war für sie klar, wenn dann will sie in dem Stadtteil bleiben. „Ich hab den Großteil meines Lebens hier verbracht, meine Kinder wohnen in der Nähe. Ich bin sehr zufrieden hier“, sagt sie.

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Dafür tun Petra Fischer, Leiterin des Seniorenzentrums, und ihr Team einiges. Jede Wohngruppe hat ihren eigenen Balkon, es gibt einen Sinnesgarten und vier Kaninchen. „Bei uns leben demente und gesunde Senioren gemeinsam“, sagt sie. Doch etwas fehlt: Obwohl es ein multikultureller Stadtteil ist, leben keine Menschen anderer Nationalitäten hier. „Sie wohnen im Alter bei ihren Familien“, sagt Fischer.


Schräg gegenüber, im Mix Markt, ist das anders. Polen, Türken, Russen und auch Deutsche kaufen in dem Supermarkt, der sich auf ausländische Produkte spezialisiert hat ein. „Einfach anders“ steht am Eingang. Und das Angebot ist anders: Hier gibt es Salzgurken aus Polen, Salztomaten aus Russland und Halwa, eine Süßspeise, aus Moldawien. „Ich freue mich über unsere gemischte Kundschaft. Sonst könnten wir auch nicht überleben“, sagt Marktleiter Georg Pynzar. Erstaunliches lässt sich in den Regalen finden. Birkensaft etwa. Oder Kiloweise Sonnenblumenkerne. „Wir verkaufen sie in der Schale. Viele Russen wollen sie selber rösten“ , erklärt er. Nach anfänglichen Schwierigkeiten laufe der Laden seit zwei Jahren ganz gut.


Von Schwierigkeiten weiß auch Renate Benno vom Wirtshaus „Zum Schober“ zu berichten. Da lege ich eine Rast ein. Die wirtschaftliche Flaute ist Vergangenheit. Der Restauranttester Christian Rach hat dem Wirtepaar auf die Beine geholfen. Nach seinem Besuch 2008 trieb die Neugier die Augsburger in Scharen in das Wirtshaus in der Stätzlinger Straße. „Viele sind als Stammkunden geblieben“, sagt sie. Monatlich telefonieren sie mit „ Christian“, sich auch hin und wieder treffen.


Der Biergarten füllt sich. Geschäftsleute, Rentner und Familien setzen sich unter die blau-weißen Sonnenschirme. Viel hat das Paar seit der TV-Sendung nicht verändert. „Aber die Portionen sind wieder größer geworden. Das Konzept sah vor, kleine Gerichte anzubieten, damit der Gast zwei, drei verschiedene Sachen essen kann. Nur wenn die Küche abends über hundert Essen hat, dann kommt sie nicht mehr nach“, sagt die Chefin. Übrigens eine waschechte Lechhauserin. „Ich möchte nirgends anders wohnen. Es ist ein bisschen wie ein Dorf, es ist alles da, aber der Trubel  fehlt. Hier kennt man sich.“


Das Leben spielt sich in der Mittagszeit draußen ab. Die Stühle vor den Cafés, Imbiss-Buden und Döner-Ständen sind fast vollständig besetzt. In der Neuburger Straße tobt der Verkehr. Autos, Tram-Bahnen und Busse brausen rauf und runter. Das scheint die Café-Besucher nicht zu stören. Im Gegenteil, auf dieser lauten Einkaufsmeile gibt es viel zu sehen. Ich habe genug gesehen, lege eine Pause am Lech ein. Vier Wanderungen liegen nun fast hinter mir. Braun bin ich geworden, Blasen habe ich mir keine gelaufen. Am liebsten würde ich sitzen bleiben. Joschi hüpft mir schwanzwedelnd entgegen. Seine Besitzerin Irene Kramer kommt oft hierher. Er mag das Wasser, Sie auch.


Während sie sich ein schönes Plätzchen suchen, laufe ich in die Zielgerade ein: Die Fuggerei ist nah . Dort zeigt mir die Verwaltungsmitarbeiterin Sabine Darius Orte der Stille, etwa im Luftschutzbunker oder im Kräutergarten an der Mauer der Sozialsiedlung. Nur wenige Besucher finden den Weg dorthin. Dabei könnten sie auf einer der vielen Bänke rasten oder an einem Feldkreuz beten. „19 500 zahlende Besucher waren im Juli hier. Im Sommer haben wir mehr Besucher“, sagt sie und begleitet mich wieder zum Ausgang. Die Versuchung ist groß den Rest der Strecke mit der Straßenbahn zurückzulegen. Ich laufe. Geschafft.

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