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08.11.2010

Brecht empfiehlt: Wählen Sie sich ein anderes Volk

Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“ Als Bertolt Brecht seine bitter-ironische Frage stellte, hatten ihn gerade seine kommunistischen Freunde tief enttäuscht. Sie hatten den Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 zusammengeschossen. Heute geht es bei uns und unseren Freunden weniger blutig zu. Aber es gibt dieser Tage so manche Regierung, die sich heimlich, in tiefer Nacht vielleicht, ein anderes Volk wünscht. Der arme Barack Obama. Die arme Angela Merkel. Der arme Nicolas Sarkozy. Muss man nicht Mitleid mit ihnen haben? Barack Obama wird grausam abgestraft, weil er das Unmögliche nicht geschafft hat, den amerikanischen Karren in zwei Jahren aus dem Dreck zu ziehen. Angela Merkel sieht ihre Truppen in Auflösung, obwohl Deutschland blüht und gedeiht. Nicolas Sarkozy sieht Paris brennen und erfährt wie seine Vorgänger, dass es eines nun mal nicht gibt: gelassene Franzosen. Aber gegen welches Volk sollten die bedrängten drei ihr eigenes eintauschen? Im Moment wären die Briten zu empfehlen. David Cameron mutet seinen Landsleuten ein Sparprogramm zu, das in seiner Härte an die gnadenlose Margaret Thatcher erinnert. Und was tun die Engländer? Sie gehen einfach weiter ihrer Arbeit nach. Dabei konnten sie auch schon mal anders. Vor dem Antritt der Eisernen Lady war es für die Briten eine der leichtesten Übungen, ihr Land streikend und protestierend zum Stillstand zu bringen. Hat Margaret Thatcher in den achtziger Jahren etwa heimlich ihr Volk gegen ein anderes, braveres ausgetauscht und keiner hat es gemerkt? Wer weiß. Die Chefs in Washington, Berlin und Paris werden sich mit ihrem Volk abfinden müssen. Und eine Welt voller Briten wäre wohl auch ein bisschen zu … britisch. Im Übrigen haben die Völker bei uns – so unterschiedlich sie sind – eines gemeinsam: Sie haben etwas zu sagen. Man muss sich anstrengen, um es ihnen recht zu machen. Das Volk mag es nicht, wenn man an seinen Sorgen vorbei regiert. Und es mag es nicht, wenn man ihm populistisch nach dem Mund redet. Es ist, wie es ist. David Cameron, der Mann, der seinem Volk am meisten abverlangt, steht am besten da. Kann das mit rechten Dingen zugehen? Sind die Briten besonders empfänglich für Blut, Schweiß und Tränen? Oder ist es die Kleinigkeit, dass Mr. Cameron seinen Ministern und Staatssekretären genauso viel zumutet wie seinem Volk? Sollte das etwa ein Rezept für erfolgreiche Politik sein? Das wäre ja ein Ding.

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