Newsticker
Grüne entscheiden über Aufnahme von Koalitionsgesprächen – Junge Union setzt Deutschlandtag fort
  1. Startseite
  2. Community
  3. Leserblogs
  4. Sebastian_Hrabak
  5. Sebis Kino-Blog: Kritik "Mad Men" - der Retter des deutschen Fernsehens???

18.06.2011

Sebis Kino-Blog: Kritik "Mad Men" - der Retter des deutschen Fernsehens???

Die Intendanten-Inthronisierung des ZDF hat in den letzten Wochen sehr viel Staub aufgewirbelt. Allen voran Claudius Seidl, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, trat dafür ein, dass den Machenschaften bei den öffentlich-rechtlichen Sendern Einhalt geboten werde. In diesem Zusammenhang machte sich Seidl auch immer wieder dafür stark, dass Serien wie „Mad Men“ bei der Programmauswahl mehr Beachtung geschenkt werden sollte. Doch was macht die US-Serie aus, dass sie im Gedankengang eines FAS-Feuilletonisten überhaupt zu Wort kommt?

MIt Don Draper in der Werbeagentur

Hartnäckig hält sich seit der Veröffentlichung 2007 der Glaube, dass „Mad Men“ eine der besten amerikanischen Serien aller Zeiten ist. Die Geschichte um Don Draper (Jon Hamm), dem Creative Director der Werbeagentur Sterling/Cooper, spielt in den Wirren der 60er Jahre eines boomenden Amerikas. Es ist der Beginn des Konsumzeitalters. Die Weltkriege sind gewonnen, das Wirtschaftswunder und die Industrialisierung greifen. Die Menschen haben Geld und vor allem freie Zeit, ihr Geld auszugeben. Die Etats der Werbewirtschaft wachsen.

Diese Zeit ist jedoch auch davon geprägt, dass Frauen und schwarze Menschen nicht viel wert sind. Das Rollenspiel ist klar definiert: Der Mann verdient in der Regel das Geld, die Frau bleibt zuhause und kümmert sich um die Kinder. Rassenunruhen toben in den Südstaaten, im Norden ist für die schwarzen US-Bürger lediglich der Job als Kellner, Liftboy oder Toilettenreiniger vorgesehen. Eine Mischehe zwischen einem weißen Mann und einer schwarzen Frau gilt als verpönt.

Chauvinismus, unzählige Zigaretten und Hochprozentiges

All diesen Problemen stellt sich die Serie „Man Men“; und geht sogar noch weiter. Anhaltendes Rauchen und Trinken - Schnaps während der Arbeitszeit - sind keine Seltenheit; Chauvinismus aller erster Güte ebenso nicht. Don Draper verkörpert den Macho, von dem jede Frau heute noch heimlich träumt, allerdings nie als ihren Ehemann auf die Couch lassen würde. Seine Frau Betty (January Jones) muss mit den Eskapaden ihres Mannes leben. Sie zerbricht zusehends daran, aber als Hausfrau, die an ein süsses und einfaches Leben gewöhnt ist, hat sie kaum eine andere Wahl.

Die anderen Männer der Serie wie Pete Campell (Vincent Kartheiser) oder Roger Sterling (John Slattery) gehen ebenso schroff mit ihren Ehefrauen oder Freundinnen um. Für sie sind die Damen ein Spielball ihrer Macht. Das muss auch Peggy Olson (Elisabeth Moss) hart erfahren, die tagtäglich mit den Alpha-Tieren zusammenarbeitet. Sie hat es jedoch mit viel Hartnäckigkeit von der Sekretärin zur Werbetexterin empor geschafft. All diese Szenen sind, denen sich die Serie bedient, sind ein Spiegel der Zeit, in der Emanzipation und sexuelle Revolution der Frau noch einige Jahre auf sich warten müssen.

Das Problem dabei ist jedoch, dass die Macher von "Mad Men" ständig jegliches Klischee dieser Zeit bedienen, bis der Zuschauer an grenzenloser Reizüberflutung leidet. Permanente Glimmstengel, nie leer werdende Whiskey-Gläser - als Randnotiz sicherlich amüsant; als dominierendes Stilmittel nicht tragfähig.

Plumpes Produkt-Placement

So weit, so gut! „Mad Men“ bürdet sich in seinen momentan vier Staffeln Themen auf, die eben nicht gerade leichte Kost sind. Das muss der Anspruch einer hochwertigen Serie sein. Neben allen persönlichen und politischen Wirren mit zwischenzeitlicher Präsidentschaftswahl wird das Hauptthema - die Werbeagentur Sterling/Cooper - nicht vergessen. Welch genialer Einfall von Erfinder Matthew Weiner, sich um diese Branche zu kümmern. Mich erinnerte es sofort an den Film "Thank You for Smoking". Der Film erklärt, wie die Wirtschaft die Filmindustrie schamlos manipuliert, um bestimmte Produkte attraktiv in Szene zu setzen. Etliche Produktnamen lassen die Macher in den aktuell 52 Folgen einfließen - abgesehen von Alkohol und Zigaretten. Das ist eindeutig des Guten zu viel. Die Macher weisen selbstverständlich jede Schuld der Einflussnahme durch gezieltes Product Placement von sich. Doch ganz ehrlich: Glaubt irgendjemand tatsächlich an dieses Märchen?

Viel interessanter sind hingegen Dinge, die zu dieser Zeit als revolutionär galten. Ist es in unserer heutigen Zeit normal, dass in einem Bürogebäude nahezu an jeder Ecke ein Kopierer steht, war er zu Zeiten, in denen „Mad Men“ spielt, noch ein Exot und nahm den halben Raum eines Büros ein. Auch das mühselige Umkabeln in der Telefonzentrale des Bürogebäudes ist ebenso romantisch. Da kann die technologische Entwicklung mit iPhone und iPad nicht dagegen anstinken.

Auszeichnungen häufen sich - warum auch immer...

Bei den Kritikern ist „Mad Men“ ein lieb gewonnenes Kind. Seit 2008 hat der Überraschungserfolg, der bereits seit 2000 in der Schublade von Matthew Weiner schlummert, mehrere Golden Globes und Emmys in Serie gewonnen. Isoliert betrachtet, ist der Erfolg von Jon Hamm, der 2008 als bester Darsteller einen eigenen Golden Globe gewonnen hat, sicherlich gerechtfertigt. Ob jedoch so viele Auszeichnungen für die Serie insgesamt sinnvoll sind, darf dann doch angezweifelt werden. Sicher ist jedoch, dass sich der große Abo-Sender HBO in den Arsch beißen dürfte, haben die Verantwortlichen trotz guter Zusammenarbeit bei "The Sopranos" die Idee von Weiner nicht gekauft. Des einen Pech des anderen Glück: Der Pay-TV-Anbieter AMC erklärte sich bereit, das Stück zu produzieren. Bei diesem Anbieter hat auch die grandiose Serie "Breaking Bad" ihr zuhause.

Fazit:

Nach langem Überlegen habe ich mich in die Serie „Mad Men“ hinein gekämpft. Es war wirklich ein Kampf, bei der ich die erste Folge der ersten Staffel immer wieder anfing und nicht zu Ende sah. Der Sinn, mir eine Serie anzuschauen, bei der pausenlos geraucht und gesoffen wird, wollte sich mir nicht eröffnen, vor allem weil der Streifen auf der ganzen Welt mit solchen Lorbeeren bedacht wurde.

Der Vergleich mit „The Sopranos“ ist einfach Gotteslästerung, auch wenn beide Serien aus dem Gehirn von Matthew Weiner stammen und so eine gewisse Verwandtschaft nicht abzuerkennen ist. Vergleicht man jedoch das Epos „The Sopranos“ im Detail mit „Mad Men“, dann sind sehr schnell gravierende Unterschiede zu erkennen. Allein die Überlegung, einen Mafia-Boss wie Tony Soprano mit Panikattacken zu malträtieren, ist grandios. Da ist die Werbebranche um Don Draper dann doch eher banal. Denn wer hätte nicht erwartet, dass es in der Werbebranche mit derart harten Bandagen zugeht und die Männer dieser Zeit nicht dem heutigen Verhaltenskodex entsprechen.

„Mad Men“ ist sicherlich eine exzellent umgesetzte Serie. Die Mode, die dieser Zeit eigen war, ist stilsicher abgebildet; hervorragend würden es wohl Modefetischisten nennen. Doch diese Accessoires dürfen höchstenfalls schmuckes Beiwerk bleiben. Als Definition für eine erstklassige Serie können und dürfen sie nicht herhalten. Hier kommt es auf andere Werte an, die für mich die Serie „Mad Men“ nicht in diesem Ausmaß hat, wie es von vielen Kritikern gesehen wird. Doch vielleicht liegt es auch einfach daran, dass die Messlatte - der Vergleich mit „The Sopranos“ - einfach etwas zu hoch für Don Draper und Kollegen ist.

Kurz gesagt: "Mad Men" auf dem ZDF wäre sicherlich besser, als "Traumschiff" oder "Rosamunde Pilcher". Ob die Serie jedoch die Qualität aufweist, die Lethargie des deutsche Fernsehen zu revolutionieren? Da muss ich dann Claudius Seidl trotz seiner Klasse und meiner großen Sympathie für ihn widersprechen. Dennoch: Die fünfte Staffel von "Mad Men" ist momentan in der Entstehung und wird voraussichtlich Anfang 2012 bei AMC in Amerika zu sehen sein. Punkte: 7 von 10

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.