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02.07.2010

Sebis Kino-Blog: "Pippa Lee" mit Stechmücken im Lechflimmern

Erwartungsfroh saßen zahlreiche Menschen in ihren Liegestühlen oder kauerten auf mitgebrachten Decken im Gras und versuchten, die Angriffe der Killer-Stechmücken abzuwehren. Alle warteten sehnsüchtig darauf, dass sich die Erde verdunkelt, das fliegende Ungeziefer schlafen geht und die Filmrolle im Projektor angeworfen wird. Es war wieder soweit: Das [B]Lechflimmern 2010[/B] ging am Donnerstagabend endlich wieder los. Der Debütfilm in Kino 2 war an diesem Abend aber wohl eher unbekannt. Während die Hauptdarsteller Florian David Fitz und Johannes Allmayer in Kino 1 ein großes Publikum für ihren Film [I]„vincent will meer“[/I] anlockten, zeigte das [B]Lechflimmern[/B] auf der anderen Leinwand [I]„Pippa Lee“[/I] von [B]Rebecca Miller[/B] ([I]„The Ballad of Jack and Rose“[/I]). In diesem Drama hadert Pippa Lee (Robin Wright Penn, [I]„State of Play“[/I]) mit ihrem allzu spießigen und perfekten Leben. Denn die alternde aber dennoch glänzend aussehende Frau ist mittlerweile mit ihrem noch weitaus älteren Mann Herb Lee ([I]„Little Miss Sunshine“[/I]) - einem ehemals erfolgreichen Verleger mit drei Herzinfarkten - in eine Seniorenwohnanlage gezogen. Sie macht gute Mine zum bösen Spiel und versucht, ihr Leben erneut so zu arrangieren, dass sie es allen Betroffenen gerecht macht. Doch irgendwas ist anders mit Pippa, irgendetwas nagt an ihrem Verstand. Sie lässt ihr komplettes wildes und unvernünftiges Leben nach und nach Revue passieren, denn etwas beschäftigt die knapp 50-Jährige. Sie glaubt, verrückt zu werden, da sie seit kurzem als Schlafwandlerin unterwegs ist. Da ist es nicht wirklich zuträglich, dass Herb und sie keinen Zugang zueinander finden und im Nebenhaus der 35-jährige Sohn der Nachbarsfamilie einzieht, nachdem er sich von seiner Frau getrennt hat. [I]„Pippa Lee“ [/I]ist eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von [B]Rebecca Miller[/B]. Neben den oben genannten Schauspielern hat die Autor, Drehbuchschreiberin und Regisseurin in Personalunion noch einige hochklassige Stars für das Werk engagieren können. So spielt neben Maria Bello (die Mutter der jungen Pippa), Blake Lively (die junge Pippa), Winona Ryder, Julianne Moore und Monica Bellucci auch der Superstar Keanu Reeves (Sohn der Nachbarsfamilie) im vierten Film von Rebecca Miller mit. [I]„Pippa Lee“[/I] ist nicht unbedingt für jedermann etwas. Es geht um Liebe, Verlangen, Herzschmerz und das Altern einer Frau. Es geht aber auch um Schuldgefühle und Vergebung. Nicht zuletzt wegen der deutschen Synchron-Stimme Pippas von Carrie Bredshaw (Sarah Jessica Parker) aus Sex and the City erinnert der Film thematisch ein ganz klein wenig an den Blockbuster. Doch im Gegensatz zu den Sex-and-the-City-Streifen ist "Pippa Lee" qualitative Kinounterhaltung. Der Film ist äußerst facettenreich. Miller ist stets bemüht, mit ihren hervorragenden Schauspielern der Story Substanz zu geben - und schafft das auch bis auf kleine Ausnahmen. Der Zuschauer soll sich in die Lage von Pippa Lee hineinversetzen können. Er soll für sie Partei ergreifen. Doch das schreibt einem der Film nicht direkt vor. Miller präsentiert einem häppchenweise die Sicht der perfekt zu scheinenden Hauptdarstellerin in Konnotation mit ihrer rüden Vergangenheit, die alles andere als perfekt war. Die junge Pippa Sarkissian befand sich lange Zeit in den Fängen ihrer wahnsinnigen Mutter Suky. Kurz darauf glaubte sie, sich bei ihrer Tante sicher zu fühlen, konnte jedoch nicht ahnen, dass Kat (Julianne Moore), die Freundin ihrer Tante, auf äußerst anrüchige Erotik-Fotos steht. Von dort wird sie weitergestoßen in die große Welt. Orientierungslos und vor allem ohne Ehrgeiz fließt ihre Jugend voll mit Party, Männern und Drogen dahin, bis sie ihren Fels in der Brandung findet. Zu dem weitaus älteren Verleger Herb Lee hat sie von Anfang an eine seltsame Verbindung. Sie glaubt, dass er ihr Glück in ihrem Leben bringen kann. Doch auch das geht alles anders aus, als sich Pippa jemals vorstellen gewagt hätte. Kurz vor ihrem Wendepunkt denkt sie darüber nach, wie viel Schuld sie in ihrem Leben auf sich genommen hat, wie starr sie in ihrem goldenen Käfig gefangen ist und dass sie trotz des geradlinigen Lebens keineswegs glücklicher ist als zuvor. So war der erste Kino-Abend im Jahr 2010 unter freiem Himmel ein hervorragender Erfolg. Denn es tut wiedermal gut, ohne den ganzen Technikschnickschnack - wie THX, 3D oder Dolby Digital - sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Da interessiert es kaum, dass der Film kurze Zeit unscharf ist, oder dass die Boxen die gesamte Spieldauer knacken. Kino-Openair hat einfach einen besonderen Flair, der bei so herrlichem Wetter mit keiner technischen Errungenschaft zu überbieten ist. „[I]Pippa Lee“[/I] ist anspruchsvoller und engagierter Film. Zwischen Trauer, Freude, Verzweiflung, Satire und Glückseligkeit wankt das Werk von Rebecca Miller hin und her. Besonders Robin Wright Penn nimmt man bei ihrem Spiel die Hoffnungslosigkeit ab, man kann in ihren Augen die Schuldgefühle erkennen. Aber auch Blake Lively spielt die verruchte und durchgedrehte Pippa dermaßen überzeugend, dass sich das Bild aus Rückblende und Wirklichkeit für den Zuschauer mühelos zusammenfügen lässt. Besonders für Frauen ist der gefühlsgeladene [I]„Pippa Lee“[/I] ein sehenswerter Film in diesem Sommer. Aber auch Männer müssen nicht davor zurückschrecken, ihren Lieben einen Gefallen zu tun und mit ihnen in diesen Film zu gehen. Denn gibt der Mann dem Film eine Chance, so kann er sich gemütlich im Liegestuhl 98 Minuten zurücklehnen und sich von Pippas Selbstfindungstrip berieseln lassen. Die Zeit ist im Gegensatz zu [I]"Sex and the City"[/I] - nebenbei sieht Robin Wright Penn auch wesentlich besser aus als Sarah Jessica Parker - keineswegs vergeudet und die Frau ist ebenfalls glücklich, dass sie sich nicht schon wieder zwei Stunden [I]"Transformers"[/I] antun hat müssen. [B]Punkte: 7 von 10 [/B]

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