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13.07.2010

Sebis Kino-Blog: "Tannöd" - die Saga der sechs Morde

Es ist sehr harte Kost, die einem Bettina Oberli (Die Herbstzeitlosen) in ihrer Verfilmung des Bestsellers [I]„Tannöd“[/I] von Krimi-Autorin Andrea Maria Schenkel zumutet. Der Film ist seit letzte Woche als DVD zu haben. Schon zu Beginn wirkt der Film sehr düster, sehr dunkel. Kaum erkennt man was in den Wäldern auf dem Weg zum Tannöd-Hof. Es ist beängstigend, man fühlt die Kälte und wünscht sich nicht gerade an diesen Ort. Als Zuschauer wettet man, das nun ein hervorragender Horror-Film start. Und plötzlich ist man mitten im Film. Die Morde geschehen, der Tannöd-Hof wird ausgelöscht. Ein Horrorfilm: Sechs Tote wird man anschließend finden, perfekt inszeniert mit ein bisschen Gefühl von Grusel-Ikone M. Night Shyamalan, der ebenfalls gerne zwischen den Genres hin und her hüpft. Besonders die ersten Eindrücke des Films und die Rückblenden zur Mordnacht erinnern an die Handwerkskunst des Superstars. Doch leider schafft es Oberli nicht, die beeindruckenden Bilder mit tiefgreifender Story fortzusetzen. Der Zuschauer versucht zwar, den Film über die herausragende Kameraführung anzunehmen, doch lässt ihm die Regisseurin durch ihre zum Teil schwachen Persönlichkeiten nie die Chance, die Darsteller anzunehmen. Die Personen - allen voran Kathrin (Julia Jentsch), der Fremdkörper aus der Stadt, die ihre Mutter beerdigen will - erwachen nie richtig zum Leben. Es wirkt zumeist unecht, gestellt und gekünstelt. Die rühmlichen Ausnahmen sind hierbei Barbara Danner (Brigitte Hobmeier), die das Missbrauchsopfer und gleichzeitig das berechnende Miststück mit solch großer Hingabe spielt, als wäre sie nichts anderes gewohnt, und Traudl Krieger (Monica Bleibtreu in ihrer letzten Rolle vor dem Tod), die als verbitterte alte Hexe immer wieder Zwietracht zwischen den Dorfbewohnern streut und jeden verdächtigt, bis der Zuschauer wirklich am Zweifeln ist. Ansonsten überwiegt das Klischee eines kleinen Dorfes in den bayerischen Alpen: die einfach gestrickten Leute, die Patriarchen wie der Bauer Danner (Vitus Zeplichal), der sich über Moral und Gesetz hinwegsetzt und der selbstgerechte Pfarrer Meissner (Werner Prinz), der über die Leute richtet und sie nach seinem Gutdünken beleidigt, wie es ihm und seiner Bibelauslegung gefällt. Auch die Religion hängt ständig wie ein Damoklesschwert über dem Film. Ständig werden Gebetszitate aus dem Off zitiert, ständig dreht es sich um Kreuze oder der Pfarrer äußerst wieder einen salbungsvollen Beitrag zur Rettung der verdammten Seelen. Doch trotz all den Schwächen, die Oberli in der Romanverfilmung zum Teil billigenden in Kauf nehmen musste, zum Teil unglücklich provozierte, ist [I]„Tannöd“[/I] als Krimi durchaus auf einem Niveau eines extravaganten (dennoch obere Mittelklasse) Tatorts der ARD zu sehen. Oberli hätte vielleicht gut daran getan, den Cast noch etwas sorgfältig auszusuchen. Man traut sich gar nicht zu überlegen, wenn der selbstsüchtige Bauer Danner nicht vom blassen Vitus Zeplichal gespielt worden wäre, sondern von der bayerische Ikone Josef Bierbichler (Der Knochenmann) die Fäden gezogen worden wären. So bleibt [I]„Tannöd“[/I] leider bei dem überaus ambitionierten Versuch stecken, ein großartiger Film zu werden. Die Ansätze sind sichtbar, denn mit der sanften, wohl ausgesuchten Kameraführung ist Oberli wirklich ein Glanzstück gelungen, das sonst nur bei den ganz großen Meistern des Fachs zu sehen ist. Doch täuscht dieses Stilmittel leider nicht über die vielen kleinen Schwächen des Filmes hinweg. [B]5 von 10 Punkte[/B]

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