05.04.2012

Sturz der Titanen

Fernsehen ist eine grundehrliche Sache. Gelebte Basisdemokratie, wenn man so will. Ausgeübt vom Fernsehvolk. Jedes mal wenn es einschaltet. Jedes mal wenn es umschaltet. Das Fernsehen spiegelt damit die Gesellschaft. Rein. Ungefiltert. Gnadenlos.

Daher ist es auch gerechtfertigt, wenn in Zeiten wie diesen mal ein paar Zeilen mehr darüber verloren werden. In Zeiten, in denen eben dieses Fernsehvolk entschieden hat, zwei der größten Entertainer unserer Zeit nicht mehr sehen zu wollen. Weil es dann um mehr geht, als eben nur um ein "bisschen Fernsehen".

Manche sagen, er ist wieder richtig gut. Fast so, wie zu seinen besten Zeiten. Harald Schmidt, das Lästermaul. Der in seiner letzten Sendung über die Benzinpreise sagte, es sei für ihn zuletzt so teuer gewesen zur Arbeit zu kommen, dass er Schluss machen musste.

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Harald Schmidt wird bei Sat.1 ab Mai Geschichte sein. Und er ist nicht der einzige TV-Titan, der dieser Tage den Quotentod stirbt. Der mediale Überlebenskampf von Thomas Gottschalk läuft täglich live im Ersten, am Dienstag mit neuem Tiefpunkt (1,03 Millionen Zuschauern) – mal wieder.

Es deutet vieles darauf hin, dass sich im deutschen Fernsehen ein Paradigmenwechsel vollzieht. Einer, der Fragen aufwirft, wie: Ist die Zeit der großen Show-Master vorbei? Haben Schmidt und Gottschalk sich am Ende selbst überlebt?

So viel ist sicher: Harald Schmidt und Thomas Gottschalk haben das deutsche Fernsehen geprägt, teilweise revolutioniert. Harald Schmidt steht für die "Late Night", die er bei Sat.1 ab Mitte der 90er perfektionierte, während er sich selbst zu ihrem König aufschwang. Schmidt unterhielt mit Anspruch, wobei der Anspruch zu unterhalten stets seinen eigenen Gesetzen folgte.

Was er tat, war einzigartig: Eine Sendung auf Französisch? Bitte. Eine im Dunkeln? Gerne. Schmidt stand über den Dingen. Und nicht jeder mochte ihn dafür. Der frühere Sat.1-Chef, Roger Schawinski, sagte unlängst, Schmidt sei "der übelste Zyniker den er jemals getroffen habe".

Thomas Gottschalk wirkt daneben wie der gute Märchenonkel, aber nicht weniger bedeutungsvoll. Es gibt wenige Moderatoren, die über Jahre hinweg die erfolgreichste Fernsehsendung Europas schmeißen können, ohne am Druck zu zerbrechen. Gottschalk hat die Samstagabendunterhaltung in eine neue Dimension gerückt. Und egal, wer zu seinen Gästen zählte: Gottschalk blieb stets authentisch. Und wenn er sich auf der "Wetten, dass..?"-Couch mal wieder um Kopf und Kragen redete, hielten es die Deutschen, wie mit Franz Beckenbauer; getreu dem Motto: Ja mei, so ist er halt.

Was also ist passiert, dass es so weit kommen konnte? War Schmidt einfach nicht mehr so gut? Haben die Menschen kein Interesse mehr an einem hoffnunglosen Zyniker ohne eigenem Meinungsbild? Ist Gottschalk zu alt? Zu satt? Verbraucht?

Im Prinzip sind all diese Fragen, die zuletzt durch die Feuilletons der Tageszeitungen waberten, belanglos, weil die Antwort hier nicht liegt. Weil sie systemischer und nicht inhaltlicher Natur ist. Der Spruch, dass sich Fernsehen ständig selbst erfinden muss, kommt nicht von irgendwoher. Eine Allzeitformel gibt es nicht. Das Fernsehen ist permanent im Umbruch. Muss es auch. Und heute mehr als jemals zuvor.

Der Hoheitsanspruch des Fernsehens wackelt, und das nicht erst seit gestern. Das Internet und mobile Endgeräte rütteln daran. Neben Unterhaltung, Information und Eskapismus werden Selbstbestimmung und Interaktivität immer wichtiger. Junge Generationen wachsen damit auf, dass Medienangebote überall verfügbar sind. Das Machtverhältnis hat sich gedreht: Während früher der Sendeplatz vorgab, wann etwas läuft, müssen sich die Sender heute fragen, wann sie die Menschen erreichen. Oder anders ausgedrückt: Nicht der Zuschauer verpasst die Sendung, sondern die Sendung den Zuschauer.  

Daneben ist es auch eine Frage des Genres. Amerikanische Sitcoms boomen, Scripted Realitiy ebenfalls (und ist in der Produktion obendrein auch noch sehr billig). Große Namen hingegen sind nicht mehr automatisch zuverlässige Quotenbringer, dafür aber teuer. Diese Erfahrung machen auch die Verantwortlichen bei RTL derzeit mit Dieter Bohlens "Deutschland sucht den Superstar" und bei ProSieben mit Heidi Klums "Germanys Next Topmodel". Es sieht schwer danach aus, als hätte auch die Casting-Show ihre beste Zeit hinter sich.

2012 kam der Marktanteil der "Harald Schmidt Show" in der Zielgruppe nicht über 6,5 Prozent hinaus, beim Gesamtpublikum erzielte mit 690.000 Zuschauer nur 5,0 Prozent Marktanteil - und lag damit ungefähr bei der Hälfte des Sat.1-Senderschnitts.

Den Gesetzen der Marktwirtschaft können sich die Programmchefs nicht entziehen - auch nicht, wenn sie für das Öffentlich-Rechtliche arbeiten. Deren Sender sind zwar üppig mit den Milliarden der Gebührenzahler ausgestattet, die müssen aber erst gerechtfertigt werden. Und dafür reicht es eben nicht, anspruchsvolles und bildendes Fernsehen zu zeigen, bei der Quote aber den Anschluss zu verlieren. Schon seit längerem kann man beobachten, dass das vorgeschriebene Bildungsfernsehen mit jedoch überschaubarer Zielgruppe zunehmende in die digitalen Spartenkanäle wie ZDFneo oder EinsExtra wandert. Ganz nach dem Motto: Wenn jemand fragt: Es ist doch alles da.

Ganze elf, teils digitale Spartenkanäle leisten sich ARD und ZDF inzwischen. Ein Trend, der den Umbruch deutlich vor Augen führt: Das neue TV-Paradigma folgt der Individualisierung der Gesellschaft und sieht - abgesehen vom Sport - kein Fernsehen für die Massen mehr vor. Die Zeit der großen Entertainer des deutschen Fernsehens ist vorbei, weil es kein großes deutsches Fernsehen mehr gibt. Harald Schmidt wurde abgewählt. Bei Thomas Gottschalk ist es nur eine Frage der Zeit. So funktioniert Fernsehdemokratie.

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