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14.08.2013

Kritik an Wikipedia: Die neue Inflation des Wissens

Wenn Sie diese Zeilen lesen, verwenden Sie in irgendeiner Weise das Internet. In diesem Fall dürfte Ihnen der Terminus "Wikipedia" ein Begriff sein. Diese freie, d.h. für jedermann zugängliche Online-Enzyklopädie ging im Jahre 2001 an den Start. Ihr Ziel ist der Aufbau eines digitalen Nachschlagewerks durch freiwillige und ehrenamtliche Autoren. Aufgrund deren Schreibarbeit, die im Grunde von jedermann getätigt werden kann, enthält sie seit ihrem Beginn 4.177.037 Beiträge in englischer, 1.557.456 Beiträge in deutscher Sprache (Stand 03.03.2013). Diese beiden Sprachen sind diejenigen mit den meisten Beiträgen, es folgen jedoch noch etliche weitere in insgesamt 260 verschiedenen Sprachversionen.

Eine Demokratisierung des Wissens also, ein geradezu humanitäres Projekt. Die ursprüngliche Idee von Wikipedia ist eine gute: Weltweites Wissen zu sammeln und dauerhaft zu bewahren. Ein jedermann kann sich an dem Projekt beteiligen und sein Wissen auf die Plattform einpflegen. Auch ich ließ mich dadurch begeistern und so verfasste ich bereits den einen oder anderen Beitrag, um die Welt auch an meinem Wissen teil haben zu lassen. Mittlerweile zählt Wikipedia mit zu den bekanntesten Nachschlagewerken, das nicht nur hier im AA-Forum in irgendwelchen Diskussionen, sondern auch andernorts, z. B. in wissenschaftlichen Arbeiten gerne als Beleg herangezogen wird.

Doch wo Licht, da auch Schatten. Zum einen vernichtet Wikipedia Arbeitsplätze: Die Encyclopedia Britannica und der renommierte Brockhaus sind z. B. betroffen, die Umsätze der Print-Ausgaben im Lexikon-Bereich gingen z. T. rapide zurück. Mag man derenManagement im Nachhinein leichtfertig vorwerfen, dass sie Entwicklungen verschlafen haben, so hat doch die Existenz von Wikipedia (oder auch Google) zumindest mit beigetragen, das Suchen von Informationen nicht nur im Netz, sondern auch im "real life" entscheidend zu beeinflussen.

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Doch zum anderen macht mich in letzter Zeit folgende Entwicklung weitaus stutziger: Immer häufiger hört oder liest man Aussagen wie "Das steht aber so in Wikipedia!" - mit einem Ton in der Stimmlage, als ob dies die ultimative Begründung für jedwede Aussage wäre. Steht etwas in Wikipedia, dann muss es ja stimmen und wird mittlerweile ungefragt so hingenommen. Doch angenommen, jemand würde sich den Spaß erlauben, zu schreiben, die Erde sei eine Scheibe? Steht doch in Wikipedia, muss demnach also stimmen, oder? Dieser mittlerweile gefestigte Trend, Wikipedia als allumfassende Quelle für nahezu alles heranziehen, lässt sich auch woanders nachweisen: An deutschen Universitäten wird Wikipedia zwar als Quelle meist abgelehnt, ist aber faktisch vorhanden. Viele Fachhochschulen sehen sich mittlerweile studentischen Arbeiten gegenüber, die bis zu 90 Prozent ihrer Nachweise aus Wikipedia bestreiten. Alle künftigen wissenschaftlichen Arbeiten mit nur einer Quelle als Ausgangssituation – ist das denn wirklich gut? Hier birgt sich eine große Gefahr. Diese wird aktuell unter dem Hintergrund der ständig neuen Doktortitel-Skandale umso evidenter.

Wie eingangs beschrieben, könnte ich (denn dies ist ja der Gedanke von Wikipedia) rein theoretisch jederzeit einen Aufsatz über Einsteins Relativitätstheorie verfassen oder einen Beitrag über das Balzverhalten der südamerikanischen Schlumpf-Spinne schreiben – obwohl ich davon überhaupt keine Ahnung habe bzw. es das Tier überhaupt nicht gibt. Aber wer weiß das schon, wer kann das überprüfen? Zwar gibt es einen Referenz- und Anforderungskatalog seitens Wikipedia, aber sobald Sie einen halbseidenen Nachweis für Ihre Aussagen erbringen, dann passt schon alles. So habe ich jüngst wieder einen Eintrag gefunden, der vollkommen ohne Quellen, Zitate, Nachweise oder Referenzen auskam. Den Wahrheits- bzw. Informationsgehalt konnte ich daher nicht prüfen.

Doch wer sollte sich daran stören? Etwa die ehrenamtlichen Redakteure? Vielleicht… aber sicherlich auch nicht in jedem Fall, bei jedem Beitrag. Folgt man nämlich den Diskussionen zwischen den einzelnen Redakteuren, die ja auch stets öffentlich zu lesen sind, dann erhält man hier und da schon den Eindruck, dass die Jungs und Mädels bei der Vielzahl der neuen Beiträge mit dem Editieren einfach nicht mehr hinterherkommen. Zumal diese ja selbst meist "nur" Laien sind. Von dem oftmals unbeholfenen Schreibstil der Wikipedia-Autoren soll an dieser Stelle lieber keine Rede sein (von den mehr als 1 Million Rechtschreibfehlern ganz zu schweigen  ;).

Und da war dann ja auch noch die Sache mit der Zensur. Jawohl, Sie haben richtig gelesen: Zensur. Doch wie passt das zusammen mit der Idee einer freien Enzyklopädie, in der jeder alles schreiben dürfen sollte? Nun, bei der Vielzahl der Beiträge, deren man nicht mehr Herr wird, können die editierenden Laien überhaupt nicht mehr die Inhalte prüfen, sondern müssen diese – meist nicht durch Zitate unterlegten – Aussagen hinnehmen. Da wird dann der Text so gekürzt und hingebogen, dass er am Ende zwar dem jeweiligen Redakteur gefällt, mit dem ursprünglichen Text aber oft gar nichts mehr gemein hat (so auch mir selbst widerfahren). Auf diese Weise werden alle Beiträge, eben auch die guten und fundierten, derart behandelt, dass man nur noch von oberflächlichen, nahezu inflationärem Wissen sprechen kann.

Früher galt stets der Spruch: "Papier ist geduldig" – insbesondere im wissenschaftlichen Bereich. Eine Aussage einfach hinzunehmen, ohne eine Gegenquelle geprüft zu haben, war einfach ein Unding. Aber auch im privaten Bereich hat man gedruckten Dingen nicht einfach so Glauben geschenkt, sondern sie hinterfragt. Wer jedoch Wikipedia einfach übernimmt, ohne den Inhalt zu hinterfragen, liefert sich demjenigen aus, welcher Wissen nach seinem eigenen Gutdünken für Wahrheit halten. Doch solche Tendenzen sind bei einem Medium, das sich als freiheitlich deklariert, besonders stark zu kritisieren. Denn sie sind gefährlich: Das Nebeneinander von vielen trügerischen Einzelwahrheiten zu unterschiedlichen Themen, zusammengefasst unter einer Domain, ermöglicht es einer Minderheit, die ehemals kritische kommunikative Masse zu beeinflussen und dadurch die allgemeine Meinungsbildung mitzubestimmen (z. B. wenn es um Personenbeschreibungen geht).

Wikipedia allein kann also nicht das Allheilmittel sein. Das kritische Denken, Zweifeln und Hinterfragen sollten wir daher nicht weggeben, sondern uns nachhaltig bewahren. Oder wollen wir wirklich zurück in die "selbstauferlegte Unmündigkeit", aus der uns die Aufklärung einst herausgeholt hatte?

(C) Till Eulenspiegel, Königsbrunn.

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