12.09.2013

Gute Redner, schlechte Redner

Er ist - trotz (oder gerade wegen?) seiner 65 Jahre - witzig und schlagfertig wie eh und je. Und es macht noch immer Spaß, ihm zuzuhören, auch wenn man politisch alles andere als seiner Meinung ist.

Der gebürtige Berliner Gregor Gysi, Fraktionschef der Linkspartei im Bundestag und der unumstrittene "Superstar" seiner Partei, der als einziger in der Lage ist, den heterogenen Haufen zusammenzuhalten, kultiviert die typische Berliner Schnauze, frech und angriffslustig, nie um einen flotten Spruch verlegen, spontan und verständlich.Nun hat er es schwarz auf weiß vor sich: Er ist der beste politische Redner des Jahres 2013.

Das sagen die, die es wissen müssen: Die professionellen Redenschreiber vom "Verband der Redenschreiber deutscher Sprache VRdS". Seit Juli hat ein Team von sechs Experten die Spitzenkandidaten der im Bundestag vertretenen Parteien im so genannten Straßenwahlkampf begleitet und ihre jeweiligen Reden nach einem einheitlichen System analysiert. Punkte gab es für Aufbau und Struktur der Rede, für Sprache, Stil und Argumentation, außerdem für die Körpersprache, die Stimme, die Glaubwürdigkeit und die Inszenierung der Veranstaltung. Extrapunkte gab es für die Wirkung auf das Publikum vor Ort.

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Ein überraschendes Ergebnis: Bundeskanzlerin Angela Merkel erhält von den Redenschreibern eine gute Bewertung. Dabei ist die Regierungschefin, wenn man sie über einen längeren Zeitraum erlebt, eine eher schlechte Rednerin, weder besonders witzig noch schlagfertig, eher dröge und langweilig, die noch dazu gerne zum Dozieren von oben herab neigt.

Doch im Wahlkampf punktet sie nach Ansicht der Redenschreiber durch ihre unaufgeregte Art, sie wirke glaubwürdig und sachlich. Ihre Argumentation sei eher einfach, aber für die Zuhörer nachvollziehbar. Und vor allem bleibt sie, typisch Merkel, "bei entscheidenden Fragen präzise unbestimmt". Schöner und treffender könnten wir es auch nicht formulieren.

Wenig überraschend dagegen das Zeugnis, das die Profis dem SPD-Kanzlerkandidaten ausstellen. Peer Steinbrück, der sich als "Klartext-Peer" inszeniert und "klare Kante" zeigt, überzeuge durch großes und präzises Faktenwissen sowie eine klare und bilderreiche Sprache, auch wenn seine Auftritte "manchmal etwas Dozentenhaftes" hätten und reißerisch wirken, so das wenig schmeichelhafte Urteil der Redenschreiber. Zudem sei "die hohe Aggressivität nicht immer angemessen". Der Wähler mag's milder.

FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle liefert einen Wahlkampf, "wie man sich Wahlkampf vorstellt: emotional, engagiert, plakativ und aggressiv gegenüber dem politischen Gegner". Allerdings spreche er zu undeutlich, manchmal schreie er sogar übermäßig, gestikuliere aufgeregt und bleibe allzu gern beim Plakativen.

Am schlechtesten schneidet Jürgen Trittin ab. Der Spitzenmann der Grünen halte oft "Brikettreden", urteilen die Profis, ohne zu sagen, was sie damit meinen, er springe von einem Thema zum nächsten, verfalle in ein Stakkato und hämmere seine Aussagen förmlich heraus. Dabei wirke er "agitatorisch und fast schon demagogisch".

Interessante Urteile, die sich weitestgehend mit unseren Erfahrungen und Erlebnissen decken. Und auch dem Fazit von Vazrik Bazil, dem Präsidenten des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache können wir nur voll und ganz zustimmen: "Wer Rednerinnen und Redner begreifen und einschätzen will, muss ihre Reden leibhaft hören. Politiker zum Anfassen und Wähler zum Anfassen - beide müssen sich direkt begegnen. Die virtuelle Welt ist eine beschnittene Welt. Es ist die reale Welt, in der Reden bewegen und berühren, überzeugen und führen."

Wann, wenn nicht im Wahlkampf - nie sind Politiker näher am Volk und direkter zu erleben als in diesen Zeiten des demokratischen Hochamtes.

- Martin Ferber -

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