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27.10.2009

Facebook, Harry und der griechische Strand...

Noch gar nicht so lange her, sitz ich mit Harry am Strand einer griechischen Insel und wir spielen Backgammon. Harry gewinnt ständig, und ich bin etwas gereizt. Geht es schließlich um die Bezahlung der „Sundowner“-Cocktails, und meine Reisekasse beginnt sich langsam kontinuierlich zu reduzieren. Um sie etwas abzulenken, versuche ich es mit etwas „Konversation“. „Sag mal Harry,“ frage ich scheinheilig, „bist Du eigentlich auf Facebook?“ Weiß ich doch, dass bei Harry das Internet-Zeitalter noch längst nicht angekommen ist, denn Harry hat ja nicht mal einen PC daheim. Ich grinse in mich hinein, sehe bereits die imaginären Fragezeichen in Harrys Kopf hin- und herkreisen und schiebe die abendlichen Cocktailrechnungen im Geiste bereits wieder in ihre Urlaubskasse zurück. „Facebook?“ fragt Harry. „Nö, ist mir zu unflexibel, ich twitter nur noch.“ „Wie, Du twitterst. Seit wann das denn?“, frage ich überrascht. „Naja,“ sagt Harry, „wer heutzutage was zu sagen hat, der twittert halt.“ Nebenbei schmeißt sie bereits meinen zweiten Backgammonstein aus dem Feld und ich muss jetzt sehen, dass ich den Anschluss nicht verliere. „Also, wie jetzt?“ frage ich äußerst überrascht. „Du twitterst? Wie machste das denn und überhaupt, was hast DU denn da so zu sagen, wenn ich mal fragen darf?“ Eine kleine Pause macht sich breit. Nur der griechische Wind raschelt in den Olivenblättern, und die zwei Würfel, die Harry gerade lässig auf das Holz wirft machen tackatak, tackatak. „Ach, ich gebe online Lebenstipps.“ „Was gibst Du? Lebenstipps? Was denn für Lebenstipps? Wer will denn DEINE Lebenstipps lesen?“ Halloooo, in welchem Film bin ICH denn eingeschlafen? Spreche ich da mit meiner Freundin Harry, der ich vor drei Jahren noch erklären musste, dass in Thailand andere Stromstecker von Nöten sind als in ihrer heimischen Küche, und die ich vor unserem Abflug nach Griechenland noch mit der Frage verunsichern konnte, ob sie denn auch genug Drachmen getauscht hätte? Diese Frau gibt jetzt Lebenstipps per Twitter? „Du kannst ja mein Follower werden, hab da schon einige“, sagt Harry jetzt und würfelt tackatak mal locker einen 4er-Pasch. Ich arbeite übrigens in einer der weltgrößten Softwarefirmen, ich kann E-Mails schreiben, lesen, senden und mit Wikis arbeiten. Ich bin bei XING registriert und habe auch schon gebloggt. Harry arbeitet in einem Krankenhaus im Labor, weiß nie ihre E-Mail-Adresse und ruft DIE auch seltenst ab. Harry hört seit drei Jahren die gleichen Lieder auf ihrem MP3-Player, weil sie nicht weiß, wie sie neue draufladen kann. Harry hat ein Autoradio in dem sie noch Kassetten – Achtung, ich wiederhole: KASSETTEN – hört. Ich bin fassungslos. Mein komplettes Weltbild beginnt zu bröckeln. Wann und vor allem WIE konnte es passieren, dass ich nicht bemerkt habe, dass meine beste und technisch absolut unfähige Freundin sich zu einer Twitterin entwickelt hat? Ich schüttel den Kopf und hoffe aus diesem Film aufzuwachen. Inzwischen hat Harry mir grinsend einen kleinen Zettel rübergeschoben. „Was?“ frag ich und zeig auf den Zettel. „Ja lies halt mal“, grinst Harry über das Backgammonbrett rüber. Ich öffne den kleinen Zettel, der mich an die Briefchen früher in der Schule erinnert, und lese in Harrys krakeliger Schrift: „Hab keine Ahnung vom Twittern, hab im Flieger aber nen Artikel drüber gelesen, deshalb hier jetzt gleich zwei meiner Lebenstipps per griechischem Schmierzettel-Twitter an Dich, meine beste Freundin: ‚Alea iacta est’ und ‚Hochmut kommt vor dem Fall’ – und jetzt bestell endlich den Frozen Strawberry Daiquiri, den ich grade gewinne...“ Tackatak, tackatak.

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