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23.12.2011

„Gott schuf die Zeit, aber von Eile hat er nichts gesagt.“

Diese Worte haben ihren eigenen Klang. Ob nun nüchtern oder ironisch, mit diesem Spruch lässt sich immer wieder der Lebensstil einer Gesellschaft in Frage stellen. Vor allem dann, wenn der ständige Wechsel und die immerwährende Innovation das Markenzeichen der modernen Welt bleibt. Der Beschleunigungswahn und die Leistungsoptimierung fördern dabei den schnellen Kick, während eine hohe Veränderungsgeschwindigkeit die Gesellschaft auseinander treibt. Das schafft tief schneidende Deformationen und stört nachhaltig das Verhältnis zur Sprache. Denn die Worte haben nur noch eine kurze Halbwertzeit, auch wenn das ständige Reden den Speichelfluss fördert.
Ständig musst Du, wenn Du dazugehören willst, einen fremden Text nachbeten. Und je länger Du sprichst, um so eher musst Du erstaunt sein, dass es Dich überhaupt noch gibt. Diese Form der Kommunikation hinterlässt schnell das Gefühl von Übersättigung, obwohl Dich immer noch ein chronischer Hunger plagt.
Alles, was Dich betrifft, zählt nur noch, wenn es in der realen Zeit „live“ zugeht. Da gibt es kein Warten mehr und mit der Geschwindigkeit von Videokonferenzen werden die Grenzen der Beschleunigung erreicht. Hier zählt nur noch die schnelle Information, als bildeten diese Infos die Grundlage zur Lösung der Menschheitsprobleme.
Da werden die spröden Informationen der Konzerne zu Meisterwerken der Typographie. Und die Informationsschwemme produziert Pseudokontexte, die sich hinter Hochglanzbroschüren verstecken. So wird der Wunsch nach Ausdruck, um nicht vom Stilgefühl zu sprechen, schnell zu einer Kunst von Gestern. Wer möchte da nicht an die Alles umfassende Lösung glauben?
Wo ist also das Problem? Aber totale Lösungen funktionieren nie. So sehr man sie auch verspricht.
Im Gegenteil, diese totalen Lösungen sind nur eine Entschuldigung für den, der glaubt soviel Einfluss zu haben, dass die in Aussicht gestellten Antworten noch warten können. So lassen sich Lösungen gut versprechen.
Und doch, selbst wenn die Telekommunikation die absolute Geschwindigkeit erreicht haben sollte, so musst auch Du feststellen, dass es in Deinem Leben nicht mehr so schnell weitergeht. Kaum haben wir verstanden, was gestern noch galt, werden wir mit der nächsten Neuheit konfrontiert. Als seien Stillstand und Langeweile identisch.
An der Nahtstelle von Geschwindigkeit und Stillstand, Distanz und Nähe aber verbleibt ein seltsam ödes Niemandsland. „Ja“ sagen ohne zu glauben eine wirkliche Alternative zu haben, schafft unterschwellige Aggressionen und die Sehnsucht nach dem ewig Neuen.
Von Tag zu Tag wird das Aktuelle noch aktueller. Selbst mit dem Komparativ ist das kaum noch zu begreifen. Und wer das, was aktuell ist, nicht versteht, bleibt zurück als Ignorant. Da kannst Du Dich noch so sehr entrüsten. Denn das, was modern ist, ist auch das, was es noch nicht ist und im Übrigen hat es Dich schon längst überholt. Wie willst Du da also die Aktualität in den Griff bekommen?
Ich aber liege lieber auf meinem Sofa und denke:
„Gott schuf die Zeit, aber von Eile hat er nichts gesagt.“

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