04.11.2011

"Wer schreibt, der bleibt!"

„Wer schreibt, der bleib!“ sagt der Volksmund. Wieder so ein „kategorischer Imperativ“.
Aber wenn die Evolution vom Konkurrenzkampf lebt, dann muss der Mensch daraus lernen, dass er nur dann überleben kann, wenn er das, was er am besten kann, für sein Überleben einsetzt:
Warum also nicht schreiben und bestenfalls ein Werk schaffen, um so die Macht des Todes zu zerstören? denkt der Schreiberling. Und schon ist er dem Tod entkommen ohne auch nur einmal von der „Unsterblichkeit“ gesprochen zu haben. Immerhin, auch jedes Kind glaubt unsterblich zu sein.
Oder, überlegte der Schreiberling, sollte er nicht frühzeitig sterben ohne vom Todestrieb zu sprechen, weil er hoffte ein frühzeitiges Ende sei ohnehin ruhmvoll? Denn ihn reizten sowieso schon immer Dinge, die gerade vergingen, weil sie nur eine flüchtige Existenz hatten oder nicht einmal richtig existierten.
Und so ging der Schreiberling auch mit seinen Worten um wie ein Jongleur und Taschenspieler zugleich. Nur die können die Schwerkraft mit den Worten überwinden, dachte er. Denn immerhin war auch er, der Schreiberling, ein Leser der Texte, die die Welt davon überzeugen wollten, dass aus der Sicht der Worte der Tod schon lange nicht mehr existierte. Immerhin, dachte der Schreiberling und träumte davon ein Schriftsteller zu sein, der nicht nur von seinen Marotten und Inszenierungen lebte.
So klebte also unser Schreiberling noch immer auf seinem Stuhl wie an der Wand das käferartige Insekt, das ihn mit Facettenauge verschlagen beobachtete:
 „Ich war früher ein Halbgott in Weiss,“ schrie der Schreiberling und zerdrückte das Insekt mit dem Manuskript, das er immer wieder verwarf:
„Du jedenfalls siehst mir beim Töten nicht mehr zu!“ knurrte der Schreiberling und irgendwie lachte er gehässig.
Das Insekt aber lag nun vor ihm wie auf einem Seziertisch. Erst jetzt sah der Schreiberling den gewaltigen Stachel einer Hornisse, die ihn wie eine Bleistiftspitze speerartig bedrohte:
„Schon mal was von Darwin gehört?“ lachte der Schreiberling und zerknickte den Speer.

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