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12.02.2013

Im Zeugnis offenbart der Lehrer, was er mit dem Kind erreicht hat.

Immer wenn es Zeugnisse gibt, werden über die Medien die Eltern aufgerufen, die Kinder nicht zu schlagen sondern ihnen das Verständnis entgegenzubringen, das die Schule nicht hatte oder haben wollte oder nicht anbringen konnte.
Bei soviel pädagogischer Hilflosigkeit sollte doch endlich auch einmal an die Pädagogen gedacht werden. Deshalb rufe ich dazu auf, auch die Lehrer nicht zu schlagen und auch ihnen das Verständnis entgegenzubringen, das sie für sich noch nicht haben.

Das Wort ZEUGnis kommt von "zeugen - ziehen", nicht von "drücken".
Schon die regelmäßigen Großoffensiven zur Abmilderung der Druckwirkung zeigen aber, dass das ZEUGnis kein ZEUGnis sondern ein DRÜCKnis, oft schon mehr ein ErDRÜCKnis ist.

Franz Josef Neffe: Die neue Ich-kann-Schule

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Im Zeugnis legt der Lehrer offen, wie weit er mit dem Kind gekommen ist.
Wenn wir uns z.B. die vielen schlechten Deutschnoten anschauen und bei genauer Betrachtung erkennen müssen, dass der Problemschwerpunkt beim SCHREIBEN liegt, dann sollte doch interessant sein, einmal genau zu untersuchen, wie konkret die persönliche Beziehung unserer Lehrkräfte zu ihren eigenen Schreibtalenten ist. Bei meinen langjährigen Recherchen für die neue Ich-kann-Schule ist mir drastisch aufgefallen, wie schlecht die allermeisten Lehrer zu ihren eigenen Schreibtalenten stehen: Da ist oft enorm viel verdrängt, was peinigt und Angst macht, womit man sich unsicher fühlt und wofür man sich schämt, was man selbst nie verstanden hat und womit man nicht umgehen kann, was man nicht liebt sondern oft sogar hasst.
Mit dieser persönlichen Beziehung zum Schreiben nimmt der Lehrer dann den Stoff durch.
Wie will er Kinder für etwas begeistern, wovor er selber Angst hat?
Wie will er Kinder zur Entfaltung ihrer sensiblen Talente bewegen, wenn er selbst seine Talente ständig im Griff hat und unterdrückt?
Wie sollen die Kinder ihr feines Sprachgefühl entwickeln, wenn ihr Lehrer nur perfektionierte Formalitäten mit ihnen abwickelt?
Was sagt die Deutschnote bei so einem Gespann a) über den Schüler und b) über den Lehrer und c) über die, die diese hoch problematische Konstellation vorgeben aus?

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Bei meiner Ausbildung zum Sonderschullehrer kam ich vor vielen Jahren in der Münchner Heckscher Klinik auf die Idee, Zeugnisse zu untersuchen und von jedem Zeugnis den ersten Satz zu notieren. in Andis ersten vier Zeugnissen stand:

 


+ Andi hat sich noch nicht richtig eingewöhnt. -
+ Andi hat sich immer noch nicht richtig eingewöhnt.
+ Andi hat sich noch nicht richtig eingefügt.
+ Andi hat sich immer noch nicht richtig eingefügt.
Da geht es doch gar nicht ums Lernen.
Da geht es einzig ums Unterwerfen, Einfügen, Gefügigmachen, Kleinkriegen.

Das war vor 30 Jahren.

Voriges Jahr rief mich eine junge Lehrerin an, die am Verzweifeln war beim Zeugnisschreiben.
Ich wusste nicht, wie grauslig das inzwischen DEgeneriert ist.
Ich bat sie, mir ein Beispiel zu mailen.
Eine ganze Seite, eng beschrieben, in SCHUL-DEUTSCH - das ist schlimmer als Amtsdeutsch.
Der erste Satz, den ich in ihrem "Zeugnis" las lautet:
"Die Schülerin hat sich gut eingefügt."
Was soll man zu diesem Niveau noch sagen?

Da kann man nur aufrufen:
Bitte, liebe Eltern, schlagt Eure Lehrer nicht!
Sie wissen nicht, was sie tun.
Sie brauchen dringend Hilfe.

Freundlich grüßt

Franz Josef Neffe

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