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19.05.2015

Flüchtlingsschicksale

Sehr bewegt hat mich der authentische Bericht von Reinhard Bonnke von seiner Flucht als er fünf Jahre alt war und er und seine Familie aus dem Frieden und der Sicherheit seiner ersten Kindheitsjahre herausgerissen und mit Wellen von Bedrängnis und Zerstörung konfrontiert wurde. Hier ein kleiner Auszug davon.

Es geschah 1945 in dem ostpreußischen Militärlager Stablack. Der Zweite Weltkrieg neigte sich in einem flammenden Inferno seinem Ende zu. 

Seine behagliche Kindheit zersplitterte beim Heulen der Granatangriffe, dem Dröhnen russischer Kampfflugzeuge und den Detonationen abgeworfener Bomben. Er berichtet: Ich hatte keine Ahnung, was da um mich herum geschah, ich rannte zum Fenster und sah hinaus. Der Nachhimmel glühte und loderte im Schein brennender Gebäude. Das Licht der Suchscheinwerfer strahlte bis zu den Wolken empor. Meine Mutter versammelte uns sechs Kinder um sich herum und begann zu beten. Wir drängten uns um sie. Plötzlich flog krachend die Tür auf. Ein Soldat stand im Eingang. Warum seid ihr noch hier?, brüllte er. Es kann bereits zu spät sein. Nehmen Sie die Kinder und fliehen sie sofort. Unser Vater war Soldat und hatte diesen Mann gesandt. Die Mutter saß auf dem Hocker des geliebten Harmoniums, die Arme um uns geschlungen. Die Worte trafen sie wie ein Hieb. Sie wusste, dass sie zu lange gezögert hatte. Ja, antwortete sie voller Schmerz, sagen Sie meinem Mann, wir werden jetzt aufbrechen.
Lieber Herr Jesus bewahre uns, flüsterte meine Mutter. Der Frühling hatte noch nicht begonnen und die Temperaturen lagen sowohl tagsüber als auch nachts noch deutlich unter Null.

Wir müssen die Straße nach Königsberg nehmen und von dort nach Süden gehen. Die Straße nach Danzig ist blockiert. Wir müssen über das Haff. Einen anderen Weg gibt es nicht. Das Haff ist eine Bucht der Ostsee, die zu jener Zeit zugefroren und für Fuhrwerke befahrbar war. Obwohl es bereits Februar war, überquerten zahlreiche verzweifelte Flüchtlinge noch immer das schmelzende Eis, um nach Danzig zu gelangen. Meine Großeltern lebten in Danzig. Sie waren nach Ausbruch des Krieges dort hingezogen. Die Stadt an der südwestlichen Grenze Ostpreußen war eine deutsche Festung mit einem eisfreien Ostseehafen. Das ist die größte Chance zu entkommen, hatte Vater zu Mutter gesagt, wenn ihr es bis Danzig schafft, kann Großvater die Überfahrt für euch buchen. Mutter fragte in aller Eile die Nachbarn, ob sie sich anschließen wollten. Wie die meisten Deutschen besaßen wir kein Auto und mussten zur Straße wandern und darauf hoffen, vielleicht einen Platz auf dem Wagen eines Bauern zu ergattern. Unsere kleine Flüchtlingsgruppe bestand aus zwei Müttern und elf Kindern. Die Dunkelheit der Nacht war noch nicht gewichen als wir aufbrachen. Man kann sich die Ängste kaum ausmalen, mit denen die beiden Frauen auf dieser Reise zu kämpfen hatten. Wir beeilten uns, die Hauptstraße zu erreichen. Schon von Weitem konnten wir erkennen, dass die Straße mit Wagen und Tausenden von Fußgängern überflutet war, alles strömte nach Westen in Richtung Königsberg. Wir reihten uns in diesen traurigen Strom mit ein. Meine dreijährige Schwester wurde bald müde und begann zu weinen. Meine Mutter wickelte sie in eine Decke und trug sie. In der Dunkelheit konnten wir keinen Bauernwagen finden, der Platz für unsere ganze Gruppe geboten hätte, so liefen wir zu Fuß weiter, bis das Tageslicht anbrach. Ringsum unterhielten sich die Flüchtlinge über Kriegsgräuel. Russische Panzer folgten uns auf der Straße und überfuhren Menschen. Soldaten erschossen wahllos Frauen und Kinder. Und das sind die, die noch Glück haben, sagte ein alter Bauer erbittert und schüttelte den Kopf, während wir unsere Schritte beschleunigten. Doch was war das? Auf der Straße hinter uns wurde das Motordröhnen eines herannahenden Fahrzeuges laut. Mutter schrie uns zu, dass wir in den Graben rennen sollten. Alle Menschen flohen von der Fahrbahn.

Es war jedoch ein deutscher Militärlastwagen, der an uns vorbei raste, beladen mit Soldaten, die von der Front kamen. Sie flohen an uns vorbei, um ihr Leben zu retten, jeder musste für sich selbst zurechtkommen.

Wo sind die Russen? Brüllte ein Flüchtling, als der Lastwagen vorbeidonnerte. Ein Soldat rief ihm zu, sie haben Stablack eingenommen. Flieht in die Wälder, versteckt euch.

Wir können nicht mit den Kindern durch den Wald, sagte meine Mutter. Der nächste deutsche Militärtransporter wird anhalten und uns und die Kinder mitnehmen, sagte sie entschlossen. Sie werden sehen, dass ich eine deutsche Mutter bin. Sie müssen Mitleid haben.

Als sich der nächste Lastwagen näherte, stellte sich meine Mutter auf die Straße und winkte dem Fahrer zu. Das Fahrzeug fuhr einen Bogen, um ihr auszuweichen, doch sie sprang ihm in den Weg und der Lastwagen kam schlingernd auf dem matschigen Boden zum Stehen. Der Fahrer fluchte aufgebracht. Mutter schrie: "Wir haben Kinder! Sie müssen uns mitnehmen!“,schrie sie. "Frau dieses Fahrzeug ist völlig überladen. Ich kann niemanden mehr mitnehmen." Damit fuhr der Soldat wieder an.

Jemand wird anhalten erklärte meine Mutter mit Bestimmtheit. Sie betete: Lieber Jesus, bewege die Herzen dieser Männer, damit sie uns in Sicherheit bringen. Sie versuchte, den nächsten und den übernächsten Militärlastwagen anzuhalten. Doch diese bremsten in ihrem panischen Versuch, das eigene Leben zu retten, noch nicht einmal ab. Während wir weitergingen, entwickelte Mutter einen neuen Plan. Unsere Nachbarin sollte sich mit uns Kindern einige Meter hinter ihr halten. Mutter würde versuchen ein weiteres Fahrzeug zum Stehen zu bringen und die Nachbarin sollte uns Kinder eines nach dem anderen auf die Ladefläche werfen, wie elf Kartoffelsäcke würden wir irgendwo zwischen den Soldaten landen. Dann wollten die beiden Frauen die Soldaten anbetteln, noch etwas Platz auch für die Mütter zu schaffen.

Dieser Plan funktionierte. Als wir erst einmal auf der Ladefläche waren, schafften die Soldaten Platz, wo es vorher keinen gegeben hatte. Es gab nur Stehplätze, sie drängten sich enger zusammen und schufen in der Mitte einen kleinen Kreis, wo wir stehen konnten, dann zogen sie schließlich auch die beiden Mütter herauf und stellten sie neben uns. Die Augen der Männer blickten ständig nach links und rechts und suchten Anzeichen russischer Truppen in der Nähe.  Und tatsächlich, schon kurze Zeit später schrien die Männer auf und begannen mit den Fäusten gegen die Fahrerkabine zu trommeln. Jemand hatte ein Flugzeug im Anflug entdeckt…..die Soldaten rannten wie aufgescheuchte Ameisen in ein nahgelegenes Wäldchen davon…Alle, außer uns.

Mutter hielt meine kleine Schwester und uns Söhne fest, als das feindliche Kampfflugzeug im Tiefflug über den Lastwagen donnerte… uns blieb keine Zeit, um auch noch von dem Transporter zu springen.

Mutter barg uns unter sich, wie eine Henne ihre Küken unter die Flügel nimmt. Sie breitete ihren weiten Mantel über uns aus und begann laut zu beten: Vater im Himmel beschütze diese Kinder. Sie gehören dir. Bewahre sie im Namen Jesu. Sende uns deine Engel als Schutzschild Bewahre uns alle. Lass keine gegen uns gerichtete Waffe siegreich sein. Sie bete auch weiter, als das Pfeifen der Schrapnell-Gschosse, die schneller als der Schall dahin jagten, die Luft um uns füllte.

Der Lastwagen bebte und wackelte, als sich die Munition in die Straße bohrte.  Bomben schlugen in ungeheuer schneller Folge ringsum in den Boden ein. Durch die Explosionen regnete Erde auf uns herab, während das Flugzeug nach Osten abdrehte. Der Lastwagen hatte keinen Treffer abbekommen, keinen einzigen. Wir schauten auf. Mutter schüttelte die Erdklumpen von ihrem Mantel. Danke Jesus!, flüsterte sie, Danke!° Reinhard Bonnke hat seine KIndheitserlebnisse niedergeschrieben. Zeitzeugen, wie wertvoll für uns heute und auch für unsere junge Generation, um ins Bewusstsein zu rufen, wie zerstörerisch und familienfeindlich Kriege sind. 

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