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15.02.2013

Aufregung um Amazon und Pferde-Lasagne: Wir Scheinheiligen!

Der US-Internethändler Amazon betreibt in Graben auf dem Lechfeld ein Logistik-Zentrum. Zur Eröffnung 2011 freute sich der Augsburger Landrat Martin Sailer über den „unschätzbaren Impuls“ für die wirtschaftliche Entwicklung in seinem Landkreis. Inzwischen arbeiten in Graben mehr als 2000 Menschen dauerhaft. Vor Weihnachten kommen noch einige tausend Saisonkräfte hinzu.

In dieser Woche hat die ARD in einer Reportage vermeintliche Missstände in den deutschen Amazon-Lagern dokumentiert. Es ging um ausländische Billiglöhner, Sklavenarbeit und Einschüchterungen. Daraufhin entlud sich ein so genannter Shitstorm über Amazon und der Leiharbeitsfirma Trenkwalder, die die Billiglöhner für den Versandhändler rekrutiert. Tausende ließen bei Facebook ihrer Wut freien Lauf. Es gibt erste Seiten, auf denen man politisch-korrekt versichern kann, nie mehr bei Amazon zu kaufen.

Diese Erregung über die Methoden des Online-Händlers ist vor allem eines: scheinheilig. Denn der wirtschaftliche Erfolg von Amazon basiert auf unserer Lust an der Schnäppchenjagd im Internet. Wir wollen das neue Handy, das Buch oder den Staubsauger günstig und schnell. Warum noch die Elektronikmärkte in Greater Augsburg abklappern, wenn es doch eine Preissuchmaschine im Internet gibt? Warum beim Händler in Friedberg oder Stadtbergen an der Ecke das Buch bestellen? Geht doch per Mausklick.

Geht auch. Aber dürfen wir uns gleichzeitig über die Arbeitsbedingungen bei Amazon beklagen? Nein, denn der Staubsauger ist auch deshalb so billig, weil die Lagerarbeiter wenig verdienen, obwohl sie funktionieren müssen wie Roboter. Wer das nicht will, geht einfach öfter mal zum Buchhändler an der Ecke.

                                                      ***

Gleich nebenan hat vielleicht auch ein guter Metzger geöffnet, bei dem das Rindfleisch auch Rindfleisch ist. Beim Discounter kann es in offenbar seltenen Fällen auch mal Pferd sein. Das ist zwar nicht gesundheitsschädlich, aber bis zu 80 Prozent billiger als Rind. Zumindest wenn es in Kühlcontainern aus Rumänien herangekarrt wird und in der französischen Lasagne landet.

Die billigste Tiefkühl-Lasagne findet man aktuell bei einer Preissuchmaschine im Internet für 1,89 Euro (400 Gramm). Wer so einen Nudelauflauf kauft, sollte sich ebenfalls nicht aufregen, wenn bei der Herstellung unter Kostendruck die Lebensmittelqualität nicht allerhöchste Priorität hat.

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