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03.07.2013

Westbayern und der Stolz der Schwaben

Der Wirtschaftsführer Andreas Kopton hat für seinen Vorschlag, Schwaben in Westbayern umzutaufen, verbale Prügel bezogen. Damit hätte der Norddeutsche, der seit Jahrzehnten in der Region lebt, rechnen müssen. Denn die bayerischen Schwaben sind stolz, Schwaben in Bayern zu sein. Die Schwaben fühlen sich tief in ihrer Identität verwurzelt. Auch wenn es im Regierungsbezirk Unterschiede gibt.

Die Altbayern östlich des Lechs fühlen sich gar nicht als Schwaben. Die Allgäuer im Süden sind vor allem eines: Allgäuer. Und auch in Greater Augsburg gibt es Menschen, die sich zunächst als Bayern und erst nachrangig als Schwaben sehen.

Diesen Zweiflern steht eine gefühlte Majorität traditionsbewusster Schwaben entgegen. Sie verbindet die positiven Eigenschaften der Menschen unserer Region: Fleiß, Ideenreichtum, Heimatliebe, einen Sinn für Ordnung und Pünktlichkeit. Auch Beharrlichkeit, eine Portion liebevoller Dickköpfigkeit und Familiensinn gehören zu den Wesenszügen.
Für uns Schwaben - und ich zähle mich als Zugereister nach vielen Jahren in der Region dazu - ist Koptons Vorschlag eine Zumutung. Westbayern? Das wirkt künstlich und traditionslos.

Und dennoch überrascht die Wucht der Ablehnung. Denn was hat Andreas Kopton verbrochen? Der Chef der Industrie- und Handelkammer (IHK) Schwaben hat seine Erfahrungen ausgewertet und Schlüsse gezogen. Wo immer er außerhalb unserer Region auftritt, wird die Heimat seines Verbands im württembergischen Schwaben vermutet. Bei einem Manager löst dies nachvollziehbare Reflexe aus.

Kopton sucht nach einer eigenständigen Marke, die unsere Wirtschaftsregion unverwechselbar macht. Wenn Unternehmer um Investitionen ringen und nach Handelsbeziehungen suchen, dann gelingt dies leichter, wenn Partner sofort verstehen, wofür der Werbende steht. Dem Begriff Schwaben fehlt aus ökonomischer Sicht regionale Trennschärfe. Deshalb hat Kopton einen Stein ins schwäbische Wasser geworfen, der Wellen auslöste. Er hat damit die stolzen Schwaben provoziert und eine Diskussion angeregt, die gut ist. Denn im Prinzip spricht nie etwas dagegen, sich selbst zu hinterfragen.

Und vielleicht ist es sogar das Privileg eines Zugereisten, mit dem Blick von Außen die innere Zufriedenheit der bayerischen Schwaben etwas zu kitzeln. Wer nicht in der Tradition verhaftet ist, hat einen unabhängigen Blick. Er empfindet Veränderungen nicht als Attacke auf Liebgewordenes.
Koptons Vorschlag der Umbenennung unserer Region hat natürlich keine Chance auf Realisierung. Doch der Marketingkern der Idee ist so falsch nicht. Was hindert einen Wirtschaftsverband mit offenbar missverständlichem Namen eigentlich, sich künftig IHK Bayerisch-Schwaben zu nennen?

Dieser Begriff hätte national deutlich mehr Trennschärfe und betont die Stärken unserer Heimat. Und sollten Unternehmer international auftreten, würde daheim auch niemand aufschreien, wenn sie ihre Erfindungen als „Made in West-Bavaria“ vermarkten. Es muss nur der Sache dienen. Und das bedeutet: mehr Arbeitsplätze und Investitionen in unserer Region. Was die Wirtschaft stärkt, ist es wert, diskutiert zu werden.

Niemand muss also ernsthaft fürchten, zum Westbayern zu werden. Wir bleiben Schwaben, egal was die Wirtschaft plant. Wir sind neben Altbayern und Franken ein eigenständiger Stamm in einem Freistaat, der es dank seiner Menschen geschafft hat, das in vieler Hinsicht erfolgreichste Bundesland Deutschlands zu sein. Dazu beigetragen zu haben, auch darauf dürfen Schwaben stolz sein.

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