27.04.2014

Die Augsburg-Wojtyla-Beziehung


Der 1920 geborene Pole Karol Wojtyla trug diesen Namen von seinem Tauftag an bis zu seiner Papstwahl 1978. Dann gab er sich den Namen Johannes Paul II. In der Zeit seines mehr als 25-jährigen Pontifikats besuchte er dreimal Deutschland, 1980, 1987 und 1996. Während des zweiten Besuchs stand, auf dem Weg über München, auch Augsburg auf seinem Programm: am 3. und 4. Mai, zwei verregneten Tagen. Über das Wetter sagte er im Dom: "Möge der unerwartete Regen ein Zeichen sein für den reichen Segen, den Gott unserer heutigen Gebetsgemeinschaft und der ganzen Diözese Augsburg schenken möchte." In der so eingeleiteten Predigt erwähnte Johannes Paul seinen Vorgänger Papst Pius VI., der 1782, aus Wien kommend, ebenfalls in der ersten Maiwoche die Augsburger mit einem Besuch beehrt hatte.

Dem polnischen Pontifex lag es in der Stadt des "Religionsfriedens" – einem Reichsgesetz von 1555 – besonders am Herzen, das ökumenische Anliegen zum Ausdruck zu bringen. Dafür ist kaum eine Stätte repräsentativer als die der beiden Ulrichskirchen, der römisch-katholischen und der evangelisch-lutherischen. So zelebrierte der Papst in der Basilika Sankt Ulrich und Afra einen gemeinsamen Gottesdienst zusammen mit dem katholischen Ortsbischof Josef Stimpfle und dem evangelischen Landesbischof Johannes Hanselmann. Auch Martin Kruse, der damalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, wirkte bei der redseligen Friedensfeier mit.

Johannes Paul II. rief bei dieser Gelegenheit eine Erinnerung an die Zeit der Reformation in folgender Weise wach: "Nicht weit von hier [nämlich im Stadtpalast der Fugger] sind im Jahre 1518 Martin Luther und Kardinal [Thomas] Cajetan zusammengetroffen. Was wäre geworden, wenn am Ende ihrer Gespräche die erneuerte, vertiefte und verstärkte Einheit im Glauben gestanden hätte? Um 1530 waren viele hier in Augsburg noch um Versöhnung und Gemeinschaft bemüht. Welchen Weg hätte die Geschichte genommen, welche missionarischen Möglichkeiten hätten sich doch für die neuentdeckten Erdteile ergeben, wenn damals die Überbrückung des Trennenden und die verständnisvolle Klärung der Streitpunkte gelungen wären!" Nun, da zu sein scheinen Gelegenheiten früher wie heute nicht nur, um genutzt, sondern auch, um versäumt zu werden.

(Geschrieben am Tag der Heiligsprechung von Papst Johannes XXIII. und Papst Johannes Paul II. durch Papst Franziskus im Beisein von Papst Benedikt XVI.)

QUELLE
Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 77:
Predigten und Ansprachen von Papst Johannes Paul II. bei seinem zweiten Pastoralbesuch in Deutschland sowie Begrüßungsworte und Reden, die an den Heiligen Vater gerichtet wurden
30. April bis 4. Mai 1987
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