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15.06.2012

Kritik: Die Tribute von Panem - Bluttriefende Literatur für Kinder

von Jens Wells

 

Die Geschichte ist schnell erzählt: In Panem, einem Land, welches wohl ein Amerika der Zukunft sein soll, herrscht eine Hauptstadt der Elite (das Kapitol) über zwölf Bezirke, denen verschiedene Aufgaben zur Belieferung des Kapitols zufallen. Die Bezirke sind unterschiedlich weit verarmt, am Ende dieser Kette stehen Bezirk 12 (Kohleabbau) und 11 (Landwirtschaft).

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In dieser dystopischen Welt veranstaltet das Kapitol regelmäßig sogenannte Hungerspiele, die zur Belustigung der Einwohner Panems im TV übertragen werden.

 

In dieser Show geht es um Leben und Tot. Eine Art unreglementiertes Big Brother.

 

Die 16jährige Katniss wird als Kandidatin ausgewählt und muss in dem kameraüberwachten Areal um ihr Leben kämpfen, denn: Sieger ist der letzte und einzige Überlebende eines unerbittlichen Kampfes. Die Teilnehmer sind  zwischen 12 und 17 Jahren.

 

Suzanne Collins beschreibt all dies durchaus spannend, in einer für Jugendliteratur angemessen einfachen Sprache. Damit kommen wir aber zum eigentlichen Punkt, der noch eine, nämlich diese Rezession nötig macht: Für ein Buch, dass der Zielgruppe Jugendliteratur angehört, ist Die Tribute von Panem schließlich außerordentlich brutal. Zur Erinnerung: Hauptsächlicher Inhalt dieses Buches ist es, dass Minderjährige sich gegenseitig töten.

 

Es vollzieht sich also in der Literatur, was schon im Film, im Internet und bei Computerspielen geschehen ist. Der Jugend werden Inhalte zugänglich gemacht, die selbst für manch einen Erwachsenen schlecht verdaulich sind.

 

Die Leiterin des deutschen Verlages der Bücher Janhsen erklärte dazu:

 

"Ich glaube die Verantwortung kann nicht darin bestehen, die Jugendlichen in Watte zu packen und vor einer Realität vermeintlich zu schützen, die sie härter und unmittelbarer erleben als je zuvor.“

 

An dieser Stelle sei gefragt: Ist die angesprochene „harte unmittelbare Realität“ nicht hauptsächlich die Härte der Zumutungen durch die Unterhaltungsindustrie? Ist das, was Jugendliche heute verarbeiten müssen nicht genau das, was der Verlag mit diesem Buch anbietet?

 

Zitat Janhsen weiter: „...gleichzeitig ist es so, dass man das Terrain nicht den Computerspielen überlassen sollte, nicht der Bilderflut in den Medien, im Internet überlassen sollte, sondern man muss die Realität der Jugendlichen ansprechen und verarbeiten." 

 

Das klingt löblich. Aber lassen sich gewaltvolle Bilder aus Internet, TV und Computerspielen wirklich verarbeiten, indem gewaltvolle Bücher gelesen werden? Solche eine Argumentation ist wackelig. Denn die Ich-Erzählerin in den Panem-Büchern reflektiert nur pseudomäßig und am Rande das tödliche Spiel. Was der Verlag als kritischen Beitrag anpreist, ist nur mäßig kritischer Gewalttrash auf einem literarischen Niveau welches möglichst vielen Jugendlichen entgegenkommt. Die Rechtfertigung, mit der diese Bücher den Heranwachsenden dargeboten werden, lautet per Klappentext etwa: So könne man Hinterfragen, inwieweit sich die Geschichte bereits mit der heutigen Gesellschaft decke. Gemeint ist damit wohl eine Gesellschaft, in der sechzehnjährige Mädchen in Heidi Klums Zuhältershow erniedrigt werden.

 

Die Frage nach der Entwicklung der Medien- und Unterhaltungskultur unseres Landes (oder Amerikas) hin zu einer Art Panem kann und sollte man sich natürlich stellen. Doch dieses Buch reflektiert wenig, hinfragt kaum etwas. Es verherrlicht. Und unterschwellig schwingt immer die Faszination für die große Show (Hungerspiele) mit. Das mündet in dem ersten Teil gar in folgender Äußerung der Ich-Erzählerin Katniss: „Eine Woge der Dankbarkeit gegenüber den Machern der Sendung überkommt mich.“

 

Dankbarkeit also gegenüber denen, die Kinder im blutigen Kampf aufeinander hetzen. Über den Moderator der Sendung hat Katniss übrigens bei aller anfänglichen Abneigung am Ende folgendes Urteil parat: „Caesar Flickerman ist fantastisch, provozierend, witzig und gerührt, je nachdem.“

 

Dieses Buch hat den deutschen Jugendliteraturpreis 2010 erhalten. Eine Katastrophe, ein fürchterlicher Affront gegenüber allen Kinder- und Jugendbuchautoren, die sich den Kopf darüber zerbrechen, wie man den jungen Lesern neben zweifellos unabdingbarer Spannung etwas Gutes, etwas Edles mit auf den Weg geben kann.

 

Suzanne Collins zeigt unverblümt: Muss man gar nicht. Man kann es in der Jugendliteratur halten wie in allen anderen Bereichen unserer zügellosen Unterhaltungsgesellschaft auch. Die Autorin stellt sich die Frage: kann ich damit Geld verdienen? Ein Verlag stellt sich die Frage: Können wir damit Geld verdienen? Hollywood stellt sich die Frage: Können wir damit Geld verdienen? Nichts anderes zählt.

 

Warum sollten die Profiteure mit dieser Einstellung vor Kindern halt machen. Da gibt es aus wirtschaftlichen Erwägungen wirklich keinen Grund.

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