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23.06.2012

Facebook-Partys, Medien - und warum wir trotzdem berichten

Kaufering bei Landsberg hat in den vergangenen Tagen für Schlagzeilen gesorgt - durch eine Party, die es eigentlich nicht geben darf. Trotz Facebook. Oder wegen Facebook? Und was ist unsere Rolle, die der Journalisten dabei?

Es begann wie so oft bei den sogenannten Facebook-Partys. Ein junges Mädchen lud per Facebook zu einer Party an einen Baggersee ein. Dabei wählte es die falsche Einstellung - und plötzlich war die Einladung nicht mehr auf ihren Freundeskreis begrenzt, sondern öffentlich. Facebook hat aktuell 860 Millionen Mitglieder, davon knapp 24 Millionen in Deutschland.

Und weil es bei Facebook gar so einfach ist, per Mausklick Meinung kund zu tun, hatte Selinas Party plötzlich zig-Tausende potenzielle Gäste - Facebook-Nutzer, die mit einem Klick virtuell ihren Besuch in Kaufering ankündigten.

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Natürlich wurde die Party von Selina daraufhin sofort abgesagt. Doch da war das Kind längst in den See gefallen. Trittbrettfahrer luden per Facebook zu  Ersatzpartys nach Kaufering und Igling ein und wieder meldeten zig-tausende ihr Kommen an.

Seitdem ist der Landkreis Landsberg im Ausnahmezustand. Es gibt offizielle Verfügungen und Festverbote, einen Führungsstab und Straßensperren. Hunderte Polizeibeamte und Retter (teuer bezahlte und ehrenamtliche) werden sich den Samstagabend um die Ohren schlagen - in Bereitschaft oder direkt vor Ort. 

Und das alles wegen des Facebook-Buttons namens "Teilnehmen".

Facebook-Partys wie diese (wobei zum jetzigen Zeitpunkt am Samstagmorgen ja noch gar nicht klar ist, ob es eine geben wird) stellen nicht nur Polizei und Behörden vor eine Herausforderung, sondern auch uns Journalisten. Die wichtigste Fragen dabei: Sollen wir überhaupt über das Ganze berichten? Machen wir das virtuelle Event durch unsere Schlagzeilen erst zu einem echten? Wäre es nicht viel besser, „Selinas Birthday Party 3.0“ in unseren Zeitungen und auf unserer Online-Seite einfach tot zu schweigen?

Wir haben uns entschieden, über den Wirbel um Selinas Facebook-Party zu berichten. Und ich meine, völlig zu recht.

Verschweigen? Funktioniert nicht.

Tatsächlich wäre es lächerlich zu glauben, dass wir in Zeiten von Facebook, Twitter, Blogs, Foren und Google+ einen Vorgang wie eine Facebook-Party mit zig-tausenden virtuellen Fans einfach so verschweigen könnten. Im Gegenteil: Das mögliche Ereignis - und auch schon dessen Vorgeschichte - hat allein durch die Menge der virtuell teilnehmenden Facebook-Nutzer eine derart große Relevanz, dass wir als Medium vor Ort gar nicht um eine Berichterstattung herumkommen.

Unser Job, meine ich, ist hier umso wichtiger. Über die sozialen Netzwerke verbreitet sich die Nachricht, schaukelt sich das Ganze möglicherweise auf. Wir als professionelle Journalisten übernehmen dagegen die Aufgabe, sachlich zu berichten, einzuordnen, (kritischen) Reaktionen Platz zu geben, auch über die möglichen Folgen zu informieren. Dass der eine oder andere durch die Medienberichterstattung erst animiert werden könnte, heute Abend nach Kaufering zu fahren - ja, dieses Risiko besteht natürlich auch. Aber allein aus diesem Grund können wir nicht einfach auf eine kritische, distanzierte Berichterstattung verzichten. 

Die Facebook-Party als virtuelles Luftschloss

Bei all dem ist es übrigens gar nicht so unwahrscheinlich, dass sich heute Abend in Kaufering vor allem Schaulustige, Journalisten und Polizeibeamte  tummeln werden ( Update: ich hatte richtig geahnt ) . Denn zwischen einem Mausklick bei Facebook und einer Fahrt zu einem abgesperrten Baggersee gibt es eben doch noch einen Unterschied. Wenn sich „Selinas Birthday Party 3.0“ als virtuelles Luftschloss erweist - umso besser für alle Beteiligten. Dann haben nicht nur Polizei und Behörden, sondern auch wir Journalisten einen ruhiges Wochenende. Schön wäre es.

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