Newsticker

Bayerns Ministerpräsident Söder sieht Kampf gegen Corona in entscheidender Woche
  1. Startseite
  2. Digital
  3. Live aus dem Kinderzimmer: YouNow ist Trend - und riskant

Videoplattform

06.02.2015

Live aus dem Kinderzimmer: YouNow ist Trend - und riskant

Immer mehr Jugendliche nutzen YouNow. Sie filmen sich, wo immer sie gerade sind. Die Bilder landen mittels Webcam live im Internet.
Bild: Screenshot YouNow

Bei YouNow zeigen Jugendliche ihr Privatleben in Echtzeit. Im Gegenzug gibt's Bewunderung und anzügliche Bemerkungen. Jugend- und Datenschützer sind alarmiert.

Debbie, 15, sitzt in ihrem Kinderzimmer und erzählt, wo sie ihren grauen Kapuzen-Pullover gekauft hat. Das will nicht etwa ihre beste Freundin von ihr wissen, die neben ihr sitzt, sondern ein fremdes Mädchen. Das sieht Debbie gerade live im Internet, auf YouNow. Über das Videoportal sendet die Jugendliche beinahe täglich Bilder aus ihrem Zimmer. Stundenlang quatscht sie in die Webcam, beantwortet Fragen zur Pflege ihrer langen blonden Haare oder erzählt, was sie am Wochenende vorhat. Mehrere hundert Menschen lesen dabei jedes Mal mit. Wer nur beobachten will, muss sich nicht einmal registrieren.

YouNow: Sogar Achtjährige sind dabei

YouNow gibt es seit 2011, 100 Millionen Nutzersitzungen verzeichnet die Plattform im Monat. In Deutschland verbreitet sich der Dienst jedoch erst seit Ende vergangenen Jahres - dafür rasant. Der Anteil der deutschsprachigen Nutzer ist laut YouNow in den vergangenen zwei Monaten um 250 Prozent gewachsen. Die meisten Nutzer sind nach offiziellen Angaben der Gründer des New Yorker Unternehmens zwischen 15 und 25 Jahre alt. Eigentlich war der Dienst als Promotionplattform für Musiker und andere Kreative online gegangen, die mit ihren Fans in Kontakt treten möchten.

Über ein Chatfenster lassen sich zum Live-Video direkt Fragen stellen. Doch schon ein kurzer Blick auf YouNow zeigt, dass der Streaming-Dienst inzwischen vor allem unter jüngeren Teenagern beliebt ist. Sogar Achtjährige schicken - auf der Suche nach Unterhaltung und Anerkennung - Bilder aus ihrem Kinderzimmer in die Welt. Sowohl Jugend- als auch Datenschützer sind deshalb alarmiert. Manche sehen in der Plattform sogar einen Tummelplatz für Pädophile.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Thilo Weichert, einer der prominentesten Datenschützer in Deutschland, sagt: "Kinder und Jugendliche haben nichts auf YouNow verloren." Das Problem sei, dass diese sich oftmals nicht der lauernden Gefahren bewusst seien. Viele, so der Datenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein, würden mit privaten Informationen zu leichtfertig umgehen. "Manche verraten via Live-Stream sogar ihre Adresse oder Telefonnummer", weiß Weichert. Einmal gesagt, ist es draußen im weltweiten Netz - und für jedermann recherchierbar.

Die meisten Fragen sind harmlos - aber nicht alle

Interaktion mit den Zuschauern spielt eine große Rolle auf YouNow. Zwar sind die meisten ihrer Fragen harmlos, es kommt aber immer wieder auch zu Beleidigungen sowie verbalen sexuellen Übergriffen auf Jugendliche. Wer sich länger auf der Seite aufhält, wird live Zeuge davon. Ein nach eigener Aussage 14-jähriges Mädchen etwa, das sich beim Mittagessen filmt, wird von mehreren männlichen Zuschauern plötzlich aufgefordert, ihr Oberteil auszuziehen. Es folgen weitere anzügliche Bemerkungen und überdeutliche Aufforderungen.

Kurz darauf schnellt die Zahl der Zuschauer sprunghaft nach oben: von 368 auf 945. Diese "Quote" wird bei YouNow ständig eingeblendet und dient als Indikator dafür, wie beliebt die einzelnen Darsteller, Streamer genannt, sind. Sie können auch von anderen weiterempfohlen werden und kleine virtuelle Geschenke empfangen. „Die Suche nach Bestätigung und das Belohnungsprinzip treiben Jugendliche dazu, Dinge zu tun, die sie sonst vielleicht nicht so schnell tun würden“, sagt Datenschützer Weichert. Das Problem: Wer bei YouNow unüberlegt handelt, ist dabei live im Internet zu sehen. Das blonde Mädchen behält an diesem Nachmittag ihr T-Shirt an.

YouNow will mehr für die Sicherheit tun

Datenschützer Weichert rät Eltern, mit ihren Kindern immer wieder darüber zu sprechen, welche Internetseiten sie besuchen. „Ein einfaches Verbot auszusprechen, das reicht nicht. Sonst werden Dienste schnell heimlich genutzt“, weiß der Internetexperte. YouNow selbst will nach eigener Aussage künftig noch mehr für die Sicherheit seines Dienstes tun. So heißt es vonseiten des Unternehmens: „Wir haben ein Moderationsteam, das 24 Stunden am Tag arbeitet, um User zu verbannen, die gegen unsere Bedingungen und Regeln verstoßen.“ Nutzern unter 13 Jahren sei der Zugang zu YouNow nicht erlaubt.

Eine gewisse Kiara hält das an diesem Nachmittag nicht davon ab, live im Internet zu zeigen, wie sie ihr Bett frisch bezieht. Nach ihrem Alter gefragt, sagt sie mit einem Lächeln in die Kamera: „Zehn. Aber ich sehe schon älter aus, oder?“

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren