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Interview

06.09.2019

Schafft Facebook seine Likes ab? Und wenn ja: Warum?

Facebook diskutiert, Like-Zahlen in Zukunft zu verbergen.
Bild: Friso Gentsch, dpa

Facebook überlegt, Likes künftig nicht mehr öffentlich anzuzeigen. Wir haben den Social-Media-Experten Martin Fehrensen gefragt, was das Netzwerk damit bezweckt.

Herr Fehrensen, warum diskutiert Facebook darüber, Gefällt-mir-Angaben künftig nicht mehr öffentlich anzuzeigen?

Martin Fehrensen: Studien zeigen, dass viele User leiden, wenn sie selbst keinen Zuspruch auf ihre Posts bekommen, andere hingegen schon. Deshalb denkt Facebook darüber nach, sich in Zukunft stärker von Kennzahlen wie Likes zu trennen und so den Konkurrenzdruck zu minimieren. Facebook gibt den Kümmerer. Das ist aber nur die eine Wahrheit: Außerdem will Facebook seine Nutzer dazu animieren, sich wieder mehr im Newsfeed zu artikulieren.

Warum ist der Newsfeed so wichtig für Facebook?

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Fehrensen: Der Newsfeed fungiert als Gelddruckmaschine, indem Facebook dort Werbung ausspielt. Je weniger Menschen den Newsfeed nutzen, desto weniger Geld kann Facebook verdienen. Daher ist Facebook darauf angewiesen, dass der Newsfeed möglichst attraktiv bleibt. Genau das Gegenteil ist aber der Fall: Das Engagement auf dieser großen Bühne wird immer weniger, bevorzugt wird in kleinen Gruppen geschrieben. Das Kernprodukt von Facebook wackelt.

Inwiefern hofft Facebook, dass der Newsfeed wieder mehr benutzt wird, wenn es keine öffentlichen Likes mehr gibt?

Fehrensen: Das liegt am geringeren Konkurrenzdruck: Es gibt online immer mehr professionelle Medien und Inhalteanbieter. Nutzer haben Angst, mit ihren privaten Beiträgen, zum Beispiel Fotos, nicht mehr mithalten zu können. Da diese nun nicht mehr öffentlich bewertet werden, sollen Benutzer den Newsfeed wieder aktiver nutzen.

Welche negativen Folgen hätte es für Facebook, wenn nicht mehr jeder die Gefällt-mir-Angaben sieht?

Fehrensen: Die Industrie dreht sich vor allem darum, wie viele Follower, Abonnenten und Likes ein User bekommt. Da sich diese Zahlen auf die Vermarktung von Produkten auswirken, schließen Firmen auf dieser Grundlage Werbeverträge ab. Die Ersatzwährung auf diesen Seiten funktioniert somit nicht mehr.

Halten Sie das Vorhaben für sinnvoll?

Fehrensen: Generell ja, wenn dadurch weniger Konkurrenzdruck entsteht und Vergleiche vermieden werden. Allerdings ist das ja nur die halbe Wahrheit: Der finanzielle Aspekt, über den wir gesprochen haben, spielt auch eine Rolle. Man sollte der PR von Facebook nicht verfallen.

Martin Fehrensen arbeitet als Journalist und Blogger.
Bild: Robert Winter

Reicht es, Likes zu streichen, um negativen Effekten auf die menschliche Psyche entgegenzuwirken?

Fehrensen: Das Problem wird nicht vollständig beseitigt. Der Mensch sucht von Natur aus Konkurrenzsituationen. Hierauf waren die Plattformen zu lange ausgelegt. Wenn die Plattformen es schaffen, den Dialog wieder mehr in den Mittelpunkt zu rücken, ist viel gewonnen.

Wird sich dieses Modell allgemein durchsetzen?

Fehrensen: Das entscheiden die Geschäftszahlen. Auch Instagram testet ein solches Modell, bei dem Likes auf Posts nicht mehr öffentlich angezeigt werden. Derzeit wird dies in sieben Ländern (Brasilien, Australien, Irland, Italien, Japan, Neuseeland und Kanada) umgesetzt. Wenn die User dadurch motiviert werden, die Plattform aktiver zu benutzen und wieder mehr zu posten, ja. Ansonsten vermutlich nicht. Wir haben es hier mit einem ersten Entwurf zu tun, wie dieser am Ende aussieht, weiß keiner.

Zur Person: Martin Fehrensen beschäftigt sich als Kulturanthropologe, Journalist und Blogger mit dem digitalen Wandel. In seinem Newsletter, dem Social Media Watchblog, kuratiert Fehrensen mehrmals die Woche Nachrichten und Debatten rund um Social Media. Zuvor arbeitete er unter anderem für Spiegel Online und das ZDF.

 

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