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30.12.2016

1100 Kilometer für ein bisschen Wärme

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Vier Tage vor Heiligabend starteten Seraphia Gruber und Christian Bösch mit 91 Paketen mit warmer Winterkleidung nach Belgrad, um damit Flüchtlinge zu versorgen. Gesammelt hatte das Wittislinger Netzwerk Asyl. Am 9. und 14. Januar kann Kleidung für den nächsten Hilfstransport gespendet werden.

Für das Wittislinger Netzwerk Asyl fuhren Seraphia Gruber und Christian Bösch vier Tage vor Weihnachten nach Serbien. Was sie dort erlebten, hat sie tief bewegt. Ein zweiter Hilfstransport ist schon in Vorbereitung

Päckchen und Pakete – darum drehten sich kurz vor Weihnachten wieder die Gedanken der meisten Menschen. Noch schnell ein Geschenk für die Mama besorgen, schönes Glitzerpapier finden, alle Präsente kunstvoll einpacken. Damit am Ende ein ganzer Berg unterm Christbaum liegt. Auch für Seraphia Gruber (24) aus Wittislingen und Christian Bösch (21) aus Haunsheim drehte sich heuer kurz vor Weihnachten alles um Pakete. Nur, dass die nicht für die Lieben zu Hause bestimmt waren. Und dass sich darin weder Tablets noch Bücher oder Schmuck befanden. In den 91 Kartons und Säcken hatten die Ehrenamtlichen des Wittislinger Netzwerks Asyl stattdessen 1091 warme Kleidungsstücke, Decken und Schlafsäcke gepackt. Und die brachten die beiden jungen Leute pünktlich zum Fest nach Serbien.

Über einen Syrer, der in Wittislingen im Asylbewerberheim wohnt, wurden die Ehrenamtlichen auf die Zustände, die in serbischen Flüchtlingslagern herrschen, aufmerksam. Im Lager Sid war seine Familie auf dem Weg auf der Balkanroute gestrandet und berichtete von katastrophalen Bedingungen. Und auch davon, dass die Menschen dort im Winter ohne warme Kleidung frieren müssen. „Da kam die Idee auf zu sammeln und hinzufahren“, erzählt Seraphia Gruber. Die Kleidung war nach einem Aufruf schnell gesammelt, gemeinsam mit den Flüchtlingen wurde sie vorschriftsmäßig desinfiziert, sortiert und in die 91 Kartons und Säcke verpackt. Doch die Umsetzung der Hilfsaktion gestaltete sich dann unerwartet schwierig. Der Verwalter des Flüchtlingslagers Sid wollte nur neu gekaufte und keine gebrauchte Kleidung annehmen. So recherchierte Armin Hartleitner vom Netzwerk Asyl und kam schließlich auf die Hilfsorganisation Refugee Aid Serbia. „Als da der Kontakt stand, ging es schnell.“ Rund zehn Ehrenamtliche versuchen in dieser Organisation für eine Verbesserung der Lebensbedingungen von Flüchtlingen in dem südosteuropäischen Land zu sorgen. Das, sagt Seraphia Gruber, ist seit November noch schwerer geworden, denn seitdem sei Hilfe für Flüchtlinge in Serbien offiziell verboten. Trotzdem betreibt Refugee Aid Serbia weiterhin eine Kleiderkammer in Belgrad, an die die Kleidung aus Wittislingen ging. Ursprünglich, sagen Seraphia Gruber und Christian Bösch, sei nicht klar gewesen, ob ein Transport nach Serbien vor Weihnachten noch klappen würde. Schließlich ist mit einer solchen Fahrt auch bürokratischer Aufwand verbunden, bevor es losgehen kann. Doch dann sei es auf einmal doch sehr schnell gegangen. Als dann kurz vor Weihnachten alle Papiere da waren, sei es keine Frage gewesen, dass sie noch vor Heiligabend nach Belgrad fahren, sagen die beiden. Und das, obwohl sie sich erst am Abend vor der Abfahrt am 20. Dezember zum ersten Mal gesehen haben. Denn Christian Bösch arbeitet beim Onkel von Seraphia Gruber, der für die Fahrt einen VW-Bus zur Verfügung gestellt hat. Der zusätzliche Großraumanhänger kam von der Firma Zeyer in Ballmertshofen.

1100 Kilometer fuhren die beiden in eineinhalb Tagen, bevor sie ihre Fracht in Belgrad abgeben konnten. Dort konnten sie sich dann auch ein Bild von der Lage vor Ort machen. Das sei trotz der Erzählungen ein Schock gewesen, wie Seraphia Gruber sagt: „So hätten wir es uns nicht vorgestellt. Das war schon heftig. Die haben nichts mehr. Und auch nichts mehr zu verlieren.“ Viele Flüchtlinge, die meisten unregistriert, hausten in Belgrad in Baracken. „Das ist wie in einem Elendsviertel“, sagt Christian Bösch. Ohne Heizung, ohne Licht leben die Menschen teilweise in Zelten unter Parkdecks. Um sich zu wärmen, scharen sie sich um rauchende Feuerstellen, hüllen sich in Decken, um bei den eisigen Temperaturen zu überleben. Manche, erzählt Seraphia Gruber, hätten nicht einmal Socken angehabt. „Da hat man wirklich das Gefühl, man rettet mit einer Jacke Leben“, sagt sie. Besonders die Rückkehr ins vorweihnachtliche Deutschland des Überflusses sei da heftig gewesen: „Diese Geschenke, diese Fülle. Da denkt man sich schon: Seien wir einfach froh, dass es uns so gut geht, dass wir beieinander sein können.“ Der Hilfstransport nach Serbien hat bei den beiden Eindruck hinterlassen. Und ihnen gezeigt: Hilfe ist dort bitter nötig. Deshalb ist bereits ein zweiter Hilfstransport in Vorbereitung. Am 9. Januar wird von 18 bis 20 Uhr und am 14. Januar von 10 bis 13 Uhr noch einmal im Bayrischen Hof in Wittislingen gebrauchte Kleidung gesammelt. Gesucht wird vor allem Winterkleidung für Männer in den Größen S und M, auch Kleidung für Frauen und Kinder ist gefragt. Ebenso wie Decken und Schlafsäcke. Schuhe dürfen aufgrund der Bestimmungen nicht nach Serbien eingeführt werden. Auch Geldspenden für Refugee Aid Serbia sind willkommen. Informationen gibt es unter Telefon 0160/2594633.

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