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Dillingen

07.10.2020

75 Jahre CSU-Ortsverband: So kam die Demokratie nach Dillingen

Das Wahlplakat stammt vom Kommunalwahlkampf der CSU 1946. Ein Jahr vorher wurde ein Ortsverband in Dillingen gegründet.
Foto: Archiv für christlich-soziale Politik

Plus Wenige Monate nach Kriegsende wird am 7. Oktober der CSU-Ortsverband Dillingen gegründet. Was damals in der Stadt parteipolitisch passiert ist. Welche Parteien schneller waren.

Am 7. Oktober 1945, genau heute vor 75 Jahren, wurde in Dillingen die „Bayerische Heimatpartei – Christlich demokratische Partei in Bayern“ gegründet. Diese schloss sich später, wie schon bei der Gründung als Absicht bekundet, der Christlich-Sozialen Union in Bayern an. Deshalb betrachtet der CSU-Ortsverband Dillingen dieses Datum als seinen Gründungstag.

CSU-Ortsverband Dillingen im Nachkriegsdeutschland

Die Geschichte der Dillinger CSU ist vordergründig Nachkriegsgeschichte. Doch schon lange vor dem Kriegsende, das für Dillingen faktisch mit der Besetzung durch US-Truppen am Sonntag, 22. April 1945, gekommen war, hatten sich demokratisch gesonnene und christlich geprägte Männer Gedanken über die politische Zukunft nach der zu erwartenden Niederlage Hitlerdeutschlands gemacht.

An solche demokratischen Politiker der Weimarer Republik und des Kaiserreiches, die auf ihren mitgebrachten „Weißen Listen“ standen, wandte sich die „Amerikanische Militärregierung für Stadt und Landkreis Dillingen“, die eine Woche nach der Besetzung der Stadt im Gebäude des heutigen Vermessungsamts ihre Arbeit aufgenommen hatte, um mit deren Hilfe zunächst den Wiederaufbau der öffentlichen Verwaltung, die Aufrechterhaltung der Sicherheit und die Versorgung der Bevölkerung „ihres“ Kreises einigermaßen sicherzustellen. Das geschah freilich auf der militärischen Ebene von „Befehl und Gehorsam“.

Die amerikanische Militärregierung überwachte das gesamte öffentliche Leben. Der von den Amerikanern in Dillingen zur Beratung und Unterstützung des kommissarischen Bürgermeisters Gerald Haberl am 7. Mai 1945 eingesetzte 24-köpfige Bürgerausschuss (das „Committee of Citizens“) war noch kein politisches Gremium, auch wenn sich die Mitglieder selbst als eine Art Stadtrat verstanden.

Demokratisierung in Dillingen "von unten nach oben"

Erst nach dem Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 erlaubte die US-Militärregierung die Wieder- oder Neugründung politischer Parteien auch für ihre Besatzungszone, zunächst jedoch nur auf Orts- und Kreisebene. „Von unten nach oben“ sollte die Demokratisierung erfolgen, von der Kommune bis zum Reich. So entstand auch die Christlich-Soziale Union in Bayern zunächst in örtlichen Zentren, in teilweise sehr unterschiedlicher Ausprägung und unter verschiedenen Namen. Allen Gründungen gemeinsam war der Unionsgedanke einer überkonfessionellen christlichen Sammlungspartei als Gegengewicht zu sozialistisch-kommunistischen Kräften.

Diese Idee der „Union“, entstanden im christlich motivierten Widerstand, breitete sich über ganz Deutschland aus. Von München aus konnte der unermüdliche Josef Müller, der „Ochsensepp“, schließlich in Bayern für diese neue Partei den Namen „Christlich-Soziale Union in Bayern“ durchsetzen, für deren Zulassung als Landespartei er am 8. Januar 1946 die Lizenz der amerikanischen Militärregierung in Bayern erhielt.

Was war bis dahin parteipolitisch in der Stadt Dillingen geschehen? Am 1. Oktober 1945 war im Gasthaus „Stiftsgarten“ erstmals die SPD wieder an die Öffentlichkeit getreten, um unter Gärtnermeister Josef Bold ihren 1933 zwangsweise aufgelösten Ortsverein wieder zu gründen. Die KPD wurde am 7. Oktober 1945 im Kreis zugelassen.

Auch die Idee zum Aufbau einer bürgerlich-christlichen Sammlungspartei in Dillingen nahm Gestalt an. Das war das Werk einiger Männer, darunter Oberstudiendirektor Hans Müller (1879–1967). Der Gymnasiallehrer und Abgeordnete der Bayerischen Volkspartei, der Nachfolgerin der Zentrumspartei in Bayern, war im April 1933 zum Fraktionsvorsitzenden gewählt worden. Wenige Monate später, im Sommer 1933, war die Partei zur Selbstauflösung gezwungen worden. Wegen seiner unnachgiebigen Haltung gegenüber der NSDAP wurde Müller 1934 aus Franken an das Dillinger Gymnasium zwangsversetzt. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 stand er in Dillingen unter Polizeiaufsicht und durfte den Landkreis bis Kriegsende nicht mehr verlassen.

Ende September 1945 gibt es ein Programm und eine Satzung

Maßgeblich mitberaten und unterstützt wurde Parteigründer Müller von ehemaligen Dillinger BVP-Stadträten wie seinem Namensvetter, dem Schreinermeister Hans Müller (sen.), dem Schneidermeister Josef Brummer und dem Geistlichen Rat Thaddäus Hornung. Zum Gründungskreis gehörte auch der Sägewerksbesitzer Emil Scheiffele, der über gute Beziehungen zur US-Militärregierung verfügte. Die wichtigen juristischen Vorarbeiten hatte der gerade aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrte Rechtsanwalt Dr. Franz-Xaver Eggensberger übernommen. Bis Ende September 1945 lagen der Militärregierung Programm und Satzung zweisprachig vor. Nach der vorläufigen Genehmigung konnte Studienprofessor Müller mit einem DIN-A4-Plakat „zwecks Gründung einer christlich-demokratischen Bayerischen Heimatpartei“ in die „Convikt-Brauerei“ einladen.

Von dieser Versammlung am 7. Oktober 1945 im „Convikt“ gibt es kein Protokoll; außer den mündlichen Zeugnissen von Versammlungsteilnehmern existiert jedoch ein geheimer Stimmungsbericht eines Versammlungsteilnehmers, den dieser für die Militärregierung verfasst hatte:

„Der Besuch (…) dieser Versammlung übertraf sogar die Erwartung der Einberufer, für die St(udien)prof(essor) Hans Müller, Mitglied des Bürgerausschusses, ein alter, erfahrener Politiker, zeichnete. Die Besucher der Versammlung setzten sich aus allen Ständen und Schichten der Bevölkerung Dillingens zusammen …“

Nun hatte Müller seinen ersten öffentlicher Auftritt als Politiker seit 1933. Erst verlas Müller das von ihm entwickelte Parteiprogramm, das ohne längere Diskussion die Zustimmung der Teilnehmer fand. Damit war zum ersten und bisher wohl einzigen Mal eine eigenständige politische Partei in Dillingen gegründet worden, die Bayerische Heimatpartei (Christlich-Demokratische Partei in Bayern). Dann wählte man den ersten Vorstand der soeben gegründeten Partei, die, zumindest dem Namen nach, den Anspruch erhob, bayernweit zu sein: 1. Vorsitzender: Studienprofessor Müller, 2. Vorsitzender: Schneidermeister Brummer, 3. Vorsitzender: Werkmeister Sebastian Grab, 1. Schriftführer: Justizinspektor Johann Rohe, 2. Schriftführer: Ökonomieverwalter Wendelin Launer, Schatzmeister: Kaufmann Gotthard Behringer, Dolmetscher: Studienassessor Martin Fink, Juristischer Beirat: Rechtsanwalt Eggensberger.

Von den 25 Gründungsmitgliedern, darunter drei Frauen, die als Bürgen benannt werden mussten, hatten 20 vor 1933 der Bayerischen Volkspartei angehört. Kurze Zeit später wird in den Akten von damals Kaplan Rudolf Bernhard als „Geistlicher Beirat“erwähnt. Ein Schreiben an die „Vertrauensleute“ im Kreis Dillingen enthält eine Kurzfassung des Parteiprogramms:

„Die Bayerische Heimatpartei ist die einzige im Landkreis Dillingen existierende Partei mit christlicher Grundlage. Sie will alle auf dem Boden des Christentums stehenden zusammenschließen, die den sozialdemokratischen oder kommunistischen Ideen nicht folgen und nicht anhängen können. Sie ist eine Partei der Heimatliebe, der christlichen Grundsätze und der sozialen Versöhnung. (…) Sobald eine unseren Grundsätzen entsprechende Landesorganisation, die im übrigen bereits in der Bildung begriffen ist, zugelassen wird, werden wir uns selbstverständlich dieser anschließen unter Annahme ihres Namens und ihres Programmes.“

Oktober 1945: CSU-Ortsgruppe Lauingen entsteht

Mit dieser Landespartei war keine andere als die CSU gemeint, der die Dillinger Bayerische Heimatpartei im Frühjahr dann 1946 auch folgerichtig beitrat. Der Vorstand der BHP beschloss am 23. Februar 1946 den Anschluss an die Landes-CSU sowie die Übernahme von Namen und Programm der Partei.

Am 21. Oktober 1945 war auch in Lauingen eine „Christlich-Demokratische Partei (Ortsgruppe Lauingen)“ entstanden, die sich jedoch zunächst weigerte, mit der Dillinger Bayerischen Heimatpartei zusammenzugehen. Bis Februar 1946 wurden weitere BHP-Ortsgruppen in Gundelfingen, Höchstädt, Lutzingen, Unterbechingen, Weisingen, Wittislingen und Zöschingen gegründet, die Anfänge des CSU-Kreisverbandes.

Das Programm der Bayerischen Heimatpartei, das am 7. Oktober 1945 in Dillingen beschlossen wurde, endete in der damaligen Notzeit mit der Vision einer besseren Zukunft: „Wenn wir so einen Staat des inneren Friedens, der Gerechtigkeit und der Freiheit schaffen, in dem jeder Bürger vor dem Gesetz gleich ist, einen Staat, der jeden Militarismus ablehnt und mit allen Nachbarn in Frieden und gegenseitiger Achtung leben will, dann werden wir mit der Zeit wieder wirtschaftlich vorwärtskommen und das Vertrauen der Welt wiedergewinnen.“ Die Geschichte der vergangenen 75 Jahre hat dieses Programm bestätigt. Dass es auch künftig so bleibt und dass Feinde unseres freiheitlichen Rechtsstaates keine Chance haben, ist und bleibt das wichtigste Vermächtnis der Frauen und Männer des politischen Aufbaus nach 1945.

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