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Landkreis Dillingen

11.01.2020

Ärztemangel im Landkreis: "Wir bräuchten längst Hilfe"

Das Dillinger Konzept, Ärzte für die Region zu gewinnen, bringt Erfolge. Nur so hat beispielsweise ein junger Mediziner den Weg zu uns gefunden. Nun soll auch Donauwörth an das Dillinger Programm angeschlossen werden.

Plus Die Ärzteschaft Nordschwaben hat einen neuen Vorstand. Vorsitzender ist ein Arzt, der nur über ein besonderes Konzept den Weg nach Nordschwaben gefunden hat. Wie er Nachahmer finden will.

Im Kreis Donau-Ries nimmt kein Kinderarzt mehr neue Patienten auf. Nachdem eine Praxis ein halbes Jahr vakant war, ist der Sitz gestrichen worden. Seitdem sei die Situation alarmierend. Und es fehlen nicht nur Kinderärzte.

Sebastian Völkl schildert im Dillinger Kreiskrankenhaus aufgebracht die Situation. Der junge Mann ist Hausarzt in Nördlingen. Und seit Kurzem Vorsitzender der Ärztekammer im Kreisverband Nordschwaben. Den zweiten Vorsitz hat Chefärztin Dr. Ulrike Bechtel inne. Über ihr Ausbildungskonzept Allgemeinmedizin Dillingen (AKADemie) fand Völkl den Weg nach Nordschwaben. Gemeinsam mit dem Wittislinger Hausarzt Dr. Wolfgang Fink und dem Dillinger Urologen Joachim Ullrich stehen die vier der Ärztekammer im Kreisverband Nordschwaben vor. Das Team sieht viele Probleme, darunter den angesprochenen Ärztemangel. „Die Versorgungsmisere ist jetzt da. Wir bräuchten längst Hilfe“, warnt Dr. Fink. Über das Konzept Beste Landpartie werden zwar junge Ärzte für den ländlichen Raum gewonnen. Mit einem Stipendium des Bayerischen Gesundheitsministeriums mit dem Titel „Beste Landpartie Bela“ werden sie während ihrer Zeit an einem Lehrkrankenhaus unterstützt: Kost und Logis (im Schwesternwohnheim) sind in Dillingen umsonst. Das lockt immer mehr junge Menschen in den Landkreis. Wer sein praktisches Jahr im Landkreis Dillingen macht, bei dem sei die Chance groß, dass er in der Region Fuß fasst und bleibt, meint Dr. Bechtel. Zumal viele Hausarztpraxen in den nächsten Jahren altersbedingt frei werden. „Doch damit ein junger Hausarzt den frei werdenden Sitz übernehmen kann, muss der Ältere den Jüngeren auch ausbilden wollen, anders geht es nicht“, betont Dr. Bechtel. Über die Akademie hat sie schon einige junge Hausärzte für den Landkreis gewonnen. „Über eine Anzeige alleine kommt keiner.“

Das Konzept in Dillingen ist wichtig

Die letzten Studenten, die sich von Dr. Bechtel das Krankenhaus zeigen ließen, eine Dillinger Hausarztpraxis besucht und auf dem Weihnachtsmarkt vorbeigeschaut haben, haben sich geschlossen für Dillingen entschieden. „Nur so geht es. Man muss die jungen Leute auf den ländlichen Raum prägen “, sagt Sebastian Völkl aus eigener Erfahrung. „Dann wird man dafür so begeistert wie ich. Das ist meiner Meinung nach ja der Verdienst um die AKADemie und Bela. Nur, in Nördlingen brauchen wir das auch.“ Wer sechs Jahre in einer Großstadt studiere und dann an einem großen Krankenhaus arbeite, den ziehe es nicht mehr aufs Land. „Angestellt zu sein, scheint den jungen Leuten attraktiv. Wir können ihnen aber hier vor Ort zeigen, wie toll es ist, selbstständig zu arbeiten“, meint Ullrich. Dr. Bechtel kritisiert, bei dem ohnehin massiven Ärztemangel würden die Großstädte alles wegsaugen wie ein großer Schwamm – „außer, wir werben die Studenten frühzeitig an“. Man müsse gegen den Urbanisierungszwang der jüngeren Generation kämpfen, meint Dr. Fink. Völkl wünscht sich, dass auch die Kommunalpolitiker erkennen, wie man junge Leute für den ländlichen Raum gewinnen kann. Wenn man ihnen etwas bieten könnte, wie etwa ein kostenloses Wohnheim wie in Dillingen. „So etwas gibt es in Nördlingen nicht. Und so etwas müsste gar nicht nur auf Medizin beschränkt sein.“ „Ohne die AKADemie von Kollegin Bechtel hätten wir Sebastian Völkl nie kennengelernt. Das zeigt doch, wie wichtig dieses Konzept ist“, sagt Ullrich. Davon sollten alle profitieren. „Das geht nur, wenn eine ihr Herzblut reinsteckt“, fügt Fink an.

Im Weiterbildungsverbund soll nun auch Donauwörth an das Dillinger Programm angeschlossen werden. Die vier wollen dem Konzept „Bela“ einen „Push“ geben. „Damit sorgt man ja auch für den eigenen Nachwuchs“, so der Dillinger Arzt Ullrich. Dr. Bechtel hofft, dass die Kooperation noch mehr Studenten anlockt. Über die Ärztekammer, in der alle 900 Ärzte der beiden Landkreise Mitglied sind, können sie bei den Kollegen um Unterstützung werben. Die Kooperation mit Donauwörth sei beschlossene Sache. Alles, was an Synergieeffekten möglich ist, sei gut für die Standorte, sagt der Wittislinger Hausarzt Fink. Und für die Patienten.

Ärzte fehlen in Nordschwaben jetzt schon

Das Problem: Das Medizin-Studium dauert mindestens sechs Jahre, das letzte Jahr ist das Praktische Jahr (PJ), das nur in Dillingen am Krankenhaus und bei den zertifizierten Praxen der niedergelassenen Ärzte im sogenannten Pradix-Verbund machbar ist. Nach dem dritten Staatsexamen können die Absolventen dann ihre Facharztausbildung auch im Ries machen. Doch Ärzte fehlen jetzt schon, und zwar nicht nur Allgemeinmediziner. Daneben fehlt es an Pflegepersonal und Mitarbeitern in der Verwaltung. Niedriglohngruppen seien nicht attraktiv, das gelte nicht nur in der Medizin. „Der helfende Charakter der Pflegeberufe geht durch die ganze Bürokratie flöten, das macht die Berufe nicht attraktiv“, findet Völkl. Die Zeit für die Bürokratie fehle für den Patienten.

Doch der ärztliche Nachwuchs ist nur eines von vielen Themen, das die Ärztekammer Nordschwaben beschäftigt. Denn da ist auch noch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der fast jeden Monat ein neues Gesetz auf den Weg bringt. Jedes hat Auswirkungen auf die Arbeit vor Ort, warnen die vier Ärzte. Sie sorgen sich weniger um ihren Berufsstand, als um die Versorgung der Patienten. Dr. Fink rechnet vor: In der Stadt Dillingen sollten 16 Hausärzte tätig sein, tatsächlich seien es aber nur 9,5. Parallel dazu ändert sich die Patientenstruktur: Die Menschen werden immer älter und leiden im hohen Alter oft gleich an mehreren Erkrankungen, die Betreuung wird aufwendiger. Die Erwartungshaltung an medizinische Möglichkeiten sind gewachsen – ebenso wie die Verunsicherung der Patienten: Durch Eigenrecherchen im Internet oder per App wird aus Kopfschmerzen schnell ein Hirntumor. Sebastian Völkl betont, wie Hausärzte da helfen können: „Wir sparen teuere Untersuchungen durch Gespräche mit den Patienten und unsere Expertise ein.“ „Und durch Vertrauen“, ergänzt Dr. Fink. Doch um dem allen gerecht zu werden, bräuchte es viel mehr Ärzte.

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